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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.01.2020

Jan-van-Eyck-Ausstellung in GentDer Meister der Illusion

Von Kerstin Schweighöfer

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Porträt eines Mannes mit rotem Turban. (Picture Alliance / United Archives / World History Archive)
"Mann mit rotem Turban" von Jan van Eyck - möglicherweise hat sich der Maler hier selbst porträtiert. (Picture Alliance / United Archives / World History Archive)

Der Genter Altar von Jan van Eyck ist Belgiens bekanntestes Kunstwerk - und jetzt frisch restauriert. Deshalb feiert die Stadt Gent ein ganzes Jahr den flämischen Maler. Zum Auftakt gibt es die bisher größte Werkschau des Kunst-Revolutionärs.

Seit mehr als 1.000 Jahren ist sie das Wahrzeichen der Stadt Gent: die Sint Baafskathedrale. Hier wurde 1500 Kaiser Karl der Fünfte getauft. Und hier steht der weltberühmte Genter Altar der Brüder Jan und Hubert van Eyck.

Er befindet sich in einer Seitenkapelle, in einem Glaskasten – wie immer umringt von Besuchern, die auf gut eineinhalb Meter Abstand gehalten werden. Zu sehen allerdings bekommen sie bis Ende April nur noch den Innenteil mit der zentralen Darstellung des "Lamms Gottes".

Belgiens wichtigstes Kunstwerk

Die Außentafeln haben die Kathedrale erstmals für eine Ausstellung verlassen und können im Kontext des restlichen Œu­v­res von Jan van Eyck gezeigt werden. Befreit von Übermalungen, Ruß und Schmutz, denn seit 2012 wird das wichtigste Kunstwerk Belgiens in Phasen restauriert.

Und befreit vom Glaskasten. Allein schon deswegen sei der Besuch dieser Schau ein Muss, so Till-Holger Borchert vom wissenschaftlichen Ausstellungs-Komitee: "Man kommt den Bildern so schnell nicht mehr so nahe. Man kann jetzt fast die Nase drauf legen und das Glas riechen. Das wird sich so schnell nicht wiederholen."

Die Altartafeln bilden den Kern der Jahrhundertschau und werden jeweils paarweise präsentiert, umringt von thematisch ähnlichen Arbeiten von Zeitgenossen und von van Eyck selbst. So etwa ist im Saal mit den beiden Verkündigungstafeln auch der atemberaubend schöne Engel der Verkündigung aus Washington zu sehen. 

Eine künstlerische Revolution

Die Konfrontation mit Arbeiten von Zeitgenossen macht deutlich, welche Revolution, ja welches Erdbeben der geheimnisvolle Hofmaler von Burgunderherzog Philipp dem Guten Anfang des 15. Jahrhunderts in der Kunstgeschichte auslöste: Auf einmal hatte der Hintergrund Tiefe bekommen, in der Ferne waren Landschaften zu erkennen und Stadtansichten. Wie flach und undurchdringlich wirkt dagegen der Goldgrund auf Madonnenbildern von Zeitgenossen wie Benozzo Gozzoli.

Und die dargestellten Personen – die warfen auf einmal Schatten und besaßen individuelle Gesichtszüge: Margarethe van Eyck, die Gattin des Malers, guckt auf dem Porträt aus Brügge etwas streng-säuerlich. Goldschmied Jan de Leeuw aus Wien hingegen gibt sich lässig, fast schon cool. Und Baudouin de Lannoy – ein Bildnis aus der Berliner Gemäldegalerie – hat seine Stirn in tiefe Falten gelegt und ein Kinn voller Bartstoppeln.

"Jan van Eyck ist, wenn Sie das so sagen wollen, der Begründer unserer Vorstellung von realistischer Malerei. Das sind Menschen, denen wir auf der Straße begegnen. Die sind nicht geschönt. Die haben eine krumme Nase, sind schlecht rasiert. Auch seine eigene Ehefrau malte er eigentlich auf eine Art und Weise, dass man sich schon vorstellen kann, dass das nicht immer eitel Sonnenschein war im Hause van Eyck", sagt Till-Holger Borchert.

Und dann die Farben! Sie leuchten und strahlen mit ungekannter Intensität. Edelsteine und Perlen funkeln. Die kostbaren Pelze und Samtstoffe möchte man im liebsten anfassen. Und alles sieht täuschend echt aus – auch die als Grisailles, also als Skulpturen gestalteten Johannesfiguren auf dem Genter Altar. Erst beim Näherkommen erkennt man: Sie sind gemalt.

Die drei Geheimnisse des Jan van Eyck

Jan van Eyck, ein Meister der Illusion. Wie hat er das geschafft? Erstens hat er die Technik der Ölmalerei perfektioniert. Es gelang ihm, die Farbe flüssiger zu machen, sodass er sie Schicht für Schicht als durchschimmernde Lasuren anbringen konnte. Dadurch entstanden Tiefe und eine geradezu überirdische Leuchtkraft.

Zweitens war er ein Meister im genauen Hingucken und Beobachten. Folge: Van Eyck malte nicht mehr den Gegenstand, sondern sein Erscheinen im Licht – ein Quantensprung in der Kunstgeschichte, so Kurator und Projektleiter Johan de Smet: "Er muss eine perfekte Augen-Hand-Koordination besessen haben, er konnte das, was er sah, umgehend mit Pinsel oder Stift umsetzen."

Drittens gilt van Eyck als erster gelehrter Maler der Kunstgeschichte: Er war Hofmaler am Burgunderhof, verkehrte in den besten Kreisen, unter Adligen, Wissenschaftlern und Gelehrten. Im Auftrag des Herzogs reiste er als Diplomat durch ganz Europa, oft in geheimer Mission.

Ansonsten ist über sein Leben wenig bekannt. Daran kann auch die Genter Ausstellung nichts ändern. Aber der Kontext, in den sie van Eycks Leben sowohl künstlerisch als auch historisch bettet, ist so breit wie nie zuvor. Zum ersten – und zum letzten Mal. Ganz einfach deshalb, weil wir die Tafeln des Genter Altars nie mehr auf einer Ausstellung sehen werden, so Johan de Smet: "Sie wurden für die Kathedrale gemacht, wo sie nach wie vor eine liturgische Funktion haben. Es ist ein großes Privileg, sie vorübergehend bei uns zu haben. Aber ihr Zuhause, das ist die Kathedrale."

Van Eyck
Eine optische Revolution
im Museum der Schönen Künste, Gent
1. Februar 20 - 30. April 20

Alle Veranstaltungen zum Van Eyck-Jahr finden Sie hier.

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