Jan Soeken: "Slocum. Schiffbruch auf dem East River"

    Was zu einem Unglück führt

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    Das Buchcover von "Slocum" von Jan Soeken zeigt die Zeichnung eines brennenden Dampfers und verschiedene Mitglieder der Schiffsbesatzung.
    Jan Soeken hat sich in "Slocum" einer bereits vielfach erzählten Tragödie auf eine ungewöhnliche Weise genähert. © Deutschlandradio/ Avant Verlag
    Von Frank Meyer · 27.10.2021
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    Jan Soeken erzählt in seiner Graphic Novel vom größten zivilen Schiffsunglück in der US-amerikanischen Geschichte. Sein Buch überrascht, es ist ein groteskes Kammerspiel, das jeden Katastrophenkitsch vermeidet.
    Wie erzählen von einer Katastrophe? Der Hamburger Comickünstler Jan Soeken berichtet in seinem Buch "Slocum" vom bis heute größten Unglück in der zivilen Schifffahrt der Vereinigten Staaten, und das tut er überraschenderweise mit einer Menge schwarzem Humor.

    Historisches Schock-Ereignis

    Die "General Slocum" war ein Dampfschiff, das rings um New York City unterwegs war. Am 15. Juni 1904 gingen etwa 1400 Menschen an Bord des Schiffes für eine Ausflugsfahrt der deutsch-amerikanischen St.-Markus-Gemeinde, die meisten von ihnen waren Kinder. Auf dem East River brach ein Feuer auf dem Schiff aus, es brannte völlig aus und sank anschließend. Bei dieser Katastrophe sind über tausend Menschen gestorben. Für die deutschsprachige Community in New York war das ein Schock mit lang anhaltenden Folgen.
    Jan Soeken erzählt von diesem Unglück in Form eines grotesken Kammerspiels. Der eine Schauplatz ist das Steuerhaus des Schiffes, in dem der Kapitän nach dem Ablegen in Ruhe seinen Tee trinken will. Dabei wird er von George Haas gestört, dem Pastor der St.-Markus-Gemeinde. Der penetrante Geistliche gibt dem Kapitän jede Menge unerwünschte Ratschläge und stört schließlich auch bei den Rettungsmanövern des Kapitäns.
    Der zweite Schauplatz ist eine Gruppe von Matrosen, die in größter Langeweile zum wiederholten Mal die Rettungsboote anpinselt. Die Boote der "General Slocum" waren so oft mitsamt ihren Halterungen überstrichen worden, dass sie nicht loszubekommen waren, als sie beim Brand des Schiffes gebraucht wurden. Auch das hat zu den vielen Opfern geführt.

    Eine vermeidbare Tragödie

    Vom Slocum-Unglück ist schon in vielen Büchern, in Spiel- und Dokumentarfilmen erzählt worden. Wahrscheinlich hat sich Jan Soeken auch deshalb für einen so ungewöhnlichen Zugang zu diesem Ereignis entschieden. In seiner Graphic Novel steht ein Gestrüpp von Kleinigkeiten im Mittelpunkt der Erzählung, eine Mischung aus Langeweile, Kränkung, Ablenkung und Schlamperei, die alle zum Brand des Schiffes beigetragen haben. Die Katastrophe ist hier kein Ereignis von tragischer Größe, sondern ein Unglück, das an vielen Stellen hätte vermieden werden können. Dazu gehört, das vergisst Jan Soeken nicht zu erwähnen, die Profitgier der Reederei, die die Rettungsmittel der "Slocum" viele Jahre lang nicht erneuert hatte.
    Den grotesken Ton dieses Katastrophenberichts setzen vor allem die Bilder von Jan Soeken. Sie haben etwas von Kinderzeichnungen, mit falschen Proportionen, zu großen Köpfen, puppenhaften Bewegungen und starren Mienen. Die einfach gehaltenen Bilder unterlaufen jeden Katastrophenkitsch und tragen bei zu der anhaltenden Verwunderung: wie viele kleine, unauffällige Schritte zu einem unerträglichen Unglück führen können.

    Jan Soeken: "Slocum. Schiffbruch auf dem East River"
    Avant Verlag, Berlin 2021
    120 Seiten, 22 Euro

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