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Buchkritik | Beitrag vom 14.04.2018

James Baldwin: "Von dieser Welt"Kein bisschen veraltet

Von Julia Riedhammer

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Collage James Baldwin. Von dieser Welt (Cover: dtv/Hintergrun: dpa/Collage: dlf Kultur)
Um James Baldwin entsteht gerade ein regelrechter Hype. (Cover: dtv/Hintergrun: dpa/Collage: dlf Kultur)

1953 wurde James Baldwins "Von dieser Welt" erstmalig veröffentlicht. Wer ihn heute liest, hat das Gefühl, ein Zeitgenosse habe ihn geschrieben. Kein Wunder, dass Baldwin gerade eine Renaissance erlebt. Gerade erscheinen seine Bücher nochmals auf Deutsch.

Harlem in den 1930er-Jahren. Der vierzehnjährige John Grimes fegt den Wohnzimmerteppich seiner Eltern. Dicker Staub wirbelt auf, es ist eine mühsame Arbeit, die ihm den Schweiß aus den Poren treibt. Jede Woche erledigt er sie wieder und wenn er fertig ist, sieht der alte, speckige Teppich genauso aus wie vorher. Szenen wie diese sind es, die James Baldwin in den Augen Vieler zu einem Klassiker der amerikanischen Literatur machen.
Denn was er schafft, hinterlässt einen tiefen Eindruck: Baldwin beschreibt eine konkrete Szene, eine ganz bestimmte Situation, die exemplarisch steht für viel Größeres: Baldwin erfasst in ihr die Lage der schwarzen Bevölkerung in den USA zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Zwar ist der Junge kein Sklave, er lebt frei im Norden der Staaten. Und doch bleibt er ein Gefangener in einem weißen System, das den sozialen Aufstieg, Wohlstand und ein besseres Leben für Schwarze so gut wie unmöglich macht.

John lebt mit seiner Mutter, den drei kleineren Halbgeschwistern und seinem Stiefvater in einer engen Wohnung im New Yorker Stadtteil Harlem. Die Beziehung zum Stiefvater, einem Prediger, der ständig das Wort Gottes auf den Lippen hat, ist von Gewalt geprägt. War Gabriel, der Stiefvater, als junger Mann noch ein schnapstrinkender Schürzenjäger, sieht er sich heute auf der Seite der moralisch Integren. Mit aller Härte setzt er seine Vorstellungen von Ordnung und Sittsamkeit innerhalb der Familie durch. Und so scheint Johns Weg vorgezeichnet: Er soll wie der Stiefvater Prediger werden. Das Problem: John empfindet viel für Elisha, einen etwas älteren Jungen in seiner strenggläubigen Gemeinde. Eine Zerreißprobe.

Wo Baldwin auch hinschaut ist Unterdrückung

Ausgehend von der Figur Johns entfaltet James Baldwin in seinem Roman die Geschichte der Familie Grimes. Noch die Großmutter arbeitet als Sklavin auf einem Baumwollfeld im Süden, bis ihr schließlich die Flucht gelingt. Der Vater, die Mutter, die Tante - sie alle wachsen in einfachsten Verhältnissen auf, in einem Klima, in dem es an der Tagesordnung ist, dass schwarze Männer gelyncht und ihre Frauen von Weißen vergewaltigt werden. In der Hoffnung auf ein besseres Leben in Freiheit ziehen sie - jeder für sich - gen Norden. Doch besser wird nichts. Sie arbeiten als Portiers in Hotels, als Putzkräfte in den Häusern von Weißen, waschen deren Wäsche oder fegen ihre Straßen. Ein Leben am Existenzminimum.

Einen wichtigen Stellenwert nimmt im Roman die Religion ein, die Hoffnung auf ein besseres Dasein im Jenseits. Wer schon den sozialen Aufstieg nicht schafft, versucht es wenigstens mit dem moralisch-sittlichen. Doch auch dieses System, das zeigt Baldwin eindringlich, ist eines der Unterdrückung: Frauen, die ungewollt schwanger werden, werden aus der Gemeinschaft verstoßen, sie zahlen den höchsten Preis für Anstand und Moral.
Auch sprachlich ist die Religion omnipräsent. "Die Botschaft des Herrn" durchdringt diesen Roman bis in den letzten Winkel, bis in die dunkelste Spelunke in Harlem, in der der "Schwarzgebrannte" fließt. Das ist oft befremdlich - doch wird eines sehr deutlich: Diese Sprache hatte in der Kultur der Afroamerikaner immer schon beide Implikationen: die der Unterdrückung aber auch die der Befreiung - zum Beispiel wenn Martin Luther King seine Reden hielt, mit denen er die Bürgerrechtsbewegung in den USA anführte.

"Von dieser Welt" ist ein stark autobiografisch geprägter Roman. 1953 hat Baldwin ihn nach langem Ringen veröffentlicht. Wer ihn heute liest, hat das Gefühl, ein Zeitgenosse habe ihn geschrieben. Nicht umsonst erfährt James Baldwin deshalb gerade eine Renaissance, einen regelrechten Hype. Er ist Vorbild für zeitgenössische Autorinnen und Autoren geworden, von denen sich zum Beispiel Ta-Nehisi Coates mit "Zwischen mir und der Welt" nicht nur inhaltlich, sondern auch formal vor Baldwin verbeugt. Vieles scheint seit Baldwins Tod beim Alten geblieben zu sein, die Kluft zwischen Schwarz und Weiß ist vielleicht sogar tiefer geworden. Heißt es bei Ta-Nehisi Coates "Zwischen mir und der Welt", gibt es bei Baldwin noch etwas Gemeinsames, einen Kampf, der sich zu kämpfen lohnt. Und zwar: "In dieser Welt".

Es ist ein Geschenk, dass Baldwins Bücher jetzt noch einmal neu auf Deutsch erscheinen.
 
James Baldwin: "Von dieser Welt"
dtv, 320 Seiten, 22 Euro
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