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Lesart / Archiv | Beitrag vom 18.06.2020

Ivan Krastev: "Ist heute schon morgen?"Die Paradoxien von Corona

Von Sieglinde Geisel

Drei Frauen gehen mit großem Abstand zueinander an einem bunten Graffito in Madrid vorbei. (Getty Images / LightRocket / Marcos del Mazo)
Wie wird Corona unsere Gesellschaft langfristig verändern? Ivan Krastev hat dazu sieben Paradoxe aufgeschrieben. (Getty Images / LightRocket / Marcos del Mazo)

Mit "Ist heute schon morgen?" legt der bulgarische Soziologe Ivan Krastev eins der ersten Bücher über die Corona-Pandemie vor. Mit Prognosen ist er vorsichtig, denn die Coronakrise lässt sich kaum mit anderen Krisen vergleichen.

Ende März 2020 hatte Ivan Krastev in einem Essay in der "Zeit" sieben Schlüsse aus der Corona-Pandemie gezogen. In seinem Buch sind daraus sieben Paradoxe geworden – und die Denkfigur des Paradoxes durchzieht seine ganzen Überlegungen. Die Pandemie ist das erste wahrhaft globale Ereignis in der Menschheitsgeschichte: Das heißt, dass alle Menschen von Covid-19 betroffen sind, es heißt aber auch, dass die Seuche Privilegien und Benachteiligungen offenbart. Die Pandemie ist einerseits ein "Agent der Globalisierung", andererseits ist sie ebenso eine Kraft der Deglobalisierung (etwa indem der Westen seine Abhängigkeit von pharmazeutischen Produkten aus China erkennt). Durch die Beschneidung von Grundrechten wird die Demokratie temporär aufgehoben, doch dies führt nicht zu einer Befürwortung des Autoritarismus.

Eine Krise wie keine andere

Um Antworten für die Pandemie zu finden, vergleicht Krastev sie mit den drei bisherigen Krisen des 21. Jahrhunderts: dem Terrorismus nach 9/11, der Finanzkrise 2008/2009 und der Flüchtlingsbewegung von 2015. Er kommt zum Schluss, dass die Coronakrise sich kaum mit den drei vorangegangenen Krisen vergleichen lässt, im Gegenteil. Die Menschen sind eher bereit, auf ihre Freiheitsrechte zu verzichten, wenn es um die Eindämmung der Pandemie geht als bei der Terrorbekämpfung. Die Grenzschließungen folgten nicht einem ethnischen Nationalismus, denn es ging nicht um Herkunft, sondern um Wohnsitz. Überdies hätten gerade die Charterflüge mit Erntehelfern gezeigt, wie abhängig die westlichen Länder von Hilfskräften aus dem Ausland sind.

Ivan Krastev "Ist heute schon morgen?". (Ullstein / Deutschlandradio Kultur) (Ullstein / Deutschlandradio Kultur)

Ivan Krastev ist vorsichtig mit Prognosen. Die Rolle der EU beispielsweise sieht er widersprüchlich: Angesichts der Pandemie war sie fast unsichtbar, denn über Maßnahmen zur Eindämmung wurde nicht in Brüssel entschieden, sondern in den einzelnen Nationalstaaten. Angesichts des sich abzeichnenden kalten Krieges zwischen China und den USA wiederum könnte eine starke europäische Gemeinschaft für die Zukunft von großer Bedeutung sein.

Die Frage, ob auch die Coronakrise die Demokratie bedrohe, könne man nicht pauschal beantworten, denn die Aufhebung der Grundrechte gefährde die Demokratie vor allem dort, wo sie ohnehin schon ausgehöhlt wurde. Zur Illustration zieht Krastev den Vergleich mit dem Frosch heran, der zwar aus dem kochenden Wasser springt, aber zu Beginn in kaltem Wasser nicht merkt, wie er allmählich gekocht wird: Viktor Orbán sei ein Führer, der "in seinem Land langsam die Wassertemperatur erhöht".

Stärkung oder Schwächung der Demokratie?

In anderen Ländern dagegen könne die Demokratie sogar gestärkt aus der Pandemie hervorgehen, so Krastev: Angesichts der Krise wachse das Vertrauen in den Staat, Experten und Fakten werden wieder wichtig, denn diese versprechen Schutzmaßnahmen, während die rechten Kräfte angesichts der Pandemie nichts zu bieten haben. Krastev unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen Angst und Sorge. Die Angst bezieht sich auf eine konkrete Gefahr, der man mit Regeln wie Händewaschen und Social Distancing begegnen kann. Die Sorge ist dagegen ein diffuses Unbehagen, das die Menschen anfällig macht für Manipulation und Hetze.

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Gleich zu Anfang seines Buches weist Krastev, mit Verweis auf die Spanische Grippe, auf eine seltsame Eigenheit von Pandemien hin: Man vergisst sie, auch wenn sie die Welt verändern. Je mehr es gelingen wird, die Pandemie einzudämmen, desto rascher wird die Bedrohung vergessen. Doch dann droht die Angst, in Wut umzuschlagen. Und damit, so befürchtet Krastev, könnten die rechten Kräfte schließlich doch als Nutznießer aus der Krise hervorgehen.

Ivan Krastev: Ist heute schon morgen? Wie die Pandemie Europa verändern wird
Aus dem Englischen von Karin Schuler
Ullstein Verlag, Berlin 2020
96 Seiten, 8 Euro

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