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Frühkritik | Beitrag vom 22.01.2021

Iva Procházková: "Die Residentur"Russische Machtspiele

Von Thomas Wörtche

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Cover des Buchs „Die Residentur“ von Iva Procházková. (Braumüller / Deutschlandradio)
„Die Residentur“ von Iva Procházková: ein Buch, das aufgrund seiner vielen losen Enden der Auftakt zu einer Serie sein könnte. (Braumüller / Deutschlandradio)

Wirklichkeit ohne Happy End: Die tschechische Autorin Iva Procházková macht in "Die Residentur" Putins aggressive Außenpolitik in Osteuropa zum Thema. Ein ungewöhnlicher und komplexer Polit-Thriller, der am Schluss viele Handlungsstränge offen lässt.

"Die Residentur" von Iva Procházková kann man durchaus als Rarität auf dem deutschsprachigen Buchmarkt bezeichnen: ein Polit-Thriller aus Tschechien, der sich mit osteuropäischen Realien beschäftigt. Putins Russland versucht, sich die ehemalige (fiktive) Sowjetrepublik Kasmenien zurückzuholen, die nicht umsonst irgendwo in der Gegend der Ukraine liegt. Widerstand wird mit militärischen Mitteln gebrochen, die EU droht höchstens ein wenig mit dem Zeigefinger.

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In Prag liquidiert der russischen Geheimdienst derweil kasmenische Oppositionelle nach Belieben. Das kann dessen tschechische Residentur ohne Probleme machen, denn der russische Einfluss auf Tschechien ist gewaltig. Korrupte Politiker und korrupte Sicherheitsbehörden stehen längst auf den Lohnlisten der Russen.

Wie so etwas läuft, exemplifiziert der Roman am Beispiel des nationalistischen Politikers Chytil, der, vor langer Zeit noch vom KGB angeworben, heute als hoher Beamter russischen Waffenhändlern hilft, embargorelevantes Kriegsgerät in harmlose Produkte umzuwandeln. Jetzt kandidiert er für das Europaparlament, gesponsert von einer russischen Oligarchenbank.

Dummerweise aber hat er einen idealistischen Sohn, der sein Herz für den Freiheitskampf der Kasmenier entdeckt hat und sich mit ein paar Kumpeln einer paramilitärischen Truppe anschließt, die in Kasmenien mit eher geringen Erfolgsaussichten kämpft. Was tun?

Opportunisten und eine schwache Polizei

Um Chytils Dilemma herum konstruiert Procházková ein ziemlich finsteres Szenario, bevölkert von finsteren Gestalten: psychotische Killer, Geheimdienstler, kriminelle Bankiers, wackere Journalistinnen, betrügerische Eheleute, politische Opportunisten und eine schwache Polizei.

Nur die Jugendlichen scheinen aufzubegehren, im "Freiheitskampf" der Kasmenier sehen sie eine moralische Option. Sie radikalisieren sich und ziehen allen Ernstes in den Krieg, wo sie von den Kasmeniern flugs instrumentalisiert werden.

Iva Procházková, die auch eine renommierte Kinder- und Jugendbuchautorin ist (deswegen vermutlich ihr Fokus auf die jungen Figuren in der Geschichte), organisiert den Roman in diversen Erzählsträngen – die Geheimdienste, Chytil, die Jugendlichen, die Polizei – und wagt es, diese Stränge nicht zu Ende zu führen.

Viele lose Enden - als Cliffhanger?

Gutwillig könnte man sagen, dass es thematische Gemengelagen gibt, die eine konsistenzstiftende Erzählung nicht mehr zulassen: Die realpolitischen und privaten Geschichten brauchen ein Open End, alles andere wäre deterministisch und lediglich dem literarischen Plot geschuldet. Aber das hieße auch, dass der Roman die Wirklichkeit lediglich nachbaut, sie simuliert, anstatt mit ihr kreativ umzugehen, was eigentlich das Kerngeschäft von Literatur ist.

Es kann aber auch sein, dass Prochásková ein Sequel vorbereitet und wir die losen Enden als Cliffhanger begreifen sollten. Ungewöhnlich und interessant ist "Die Residentur" allemal.

Iva Procházková: "Die Residentur"
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch
Braumüller, Wien 2020
573 Seiten, 24 Euro

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