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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.03.2015

Israelische StartupsTel Avivs Gründerszene orientiert sich nach Berlin

Von Jens Rosbach

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Blick von Jaffa aus auf Tel Aviv (Deutschlandradio.de / Andreas Main)
Die Startup-Szene von Tel Aviv gilt als besonders lebendig und kreativ. (Deutschlandradio.de / Andreas Main)

Israel gilt als "Startup-Nation": Die Tech-Branche des Landes ist eine der besten der Welt. Immer mehr IT-Profis der lebendigen Gründerszene Tel Avivs entdecken Berlin als Standort, um von dort aus den europäischen Markt zu erreichen.

Das Großraumbüro wirkt hip: Graffiti-Sprüche an der Wand, Holzpaletten mit Sitzkissen - und eine Tischtennisplatte. Willkommen bei Axel Springer Plug and Play – dem Startup-Labor des Medienkonzerns in Berlin-Mitte.

Vor einem silbernen MacBook: Bettine Schmitz. Die Direktorin für Unternehmensentwicklung präsentiert eins ihrer Top-Startups: Vicomi aus Israel. Die Online-Firma hat ein Tool entwickelt, das bereits auf 10.000 Webseiten zu finden ist:

"Bei Spiegel-Online gibt es ja immer diese Kommentare unten. Die sind ja momentan meistens noch einfach Text. Vicomi, was die sagen: Wir machen eine erweiterte Kommentarfunktion, wo man seine Stimmung dazu sagen kann. Zum Beispiel: Anschläge in Paris – ich bin supertraurig darüber. Oder: Reaktionen auf Anschläge in Paris – ich freue mich darüber. Und dann kann man neben diesen Kommentaren immer sehen, wie sich der Mensch dazu gefühlt hat. Was die dann machen: Die verknüpfen das dann auch noch mit Werbemitteln, die die dementsprechend ausspielen können."

Axel Springer Plug and Play kauft Anteile erfolgversprechender Jungunternehmen. Und besonders gern in Tel Aviv. Denn die dortige Startup-Szene gilt als extrem lebendig, die Gründer als überaus engagiert.

"Da kann es sehr gut passieren, dass im Club nachts um drei Uhr morgens ein Startup zu einem hinkommt und sagt: Du, ich möchte Dir jetzt genau erzählen, was meine Idee ist. Ich finde, das ist die beste Idee. Ich finde, Du solltest da reininvestieren. Und ich finde, wir sollten zusammenarbeiten. Was wir so Pitch nennen. Wenn man von hier kommt, würde man eher sagen: Lass mich in Ruhe, ich kann jetzt eh grad nicht mehr ganz nachdenken. Da sind die dann auch sehr beharrlich, was auch fantastisch ist und was einen im Zweifelsfall auch echt umhaut."

Israels Armee als Kaderschmiede

"Wir wissen, es gibt 24 Stunden an einem Tag, wir sind erreichbar den ganzen Tag. Auch am Sonntag und auch am Samstag. In Israel dein Handy ist niemals aus, kein Problem."

Maor Cohen studiert in Tel Aviv Jura und Finanzwirtschaft, nebenbei hat er ein Startup gegründet: Es produziert spezielle Armbänder, damit Kinder auf Großveranstaltungen nicht verloren gehen können. Der 25-Jährige hat seine Management-Fähigkeiten aus der israelischen Armee mitgebracht.

"In der israelischen Armee sagen sie dir nicht immer, was du machen sollst. Sie wollen, dass du denkst, und sie wollen, dass du alles selbst machst. Und das gibt dir viel, viel Selbstvertrauen. Das sind nicht nur zwei Monate, das sind drei Jahre, dass du viel Verantwortung hast."

Auch deutsche Investoren und Unternehmensentwickler, wie Bettine Schmitz, wissen das Militär als Kaderschmiede zu schätzen:

"Es ist deswegen wichtig in Israel, auch im Startup-Kontext, weil, es gibt die Option, in gewisse Elite-Abteilungen zu gehen. Und es gibt eine sehr große Eliteabteilung, heißt irgendwie 8200, in der wird programmiert. Und das sind dann blutjunge Leute, die kommen aus der Schule, kommen dann im frühesten Programmieralter in Berührung mit den besten Techniken, die es gibt – und das sind einfach Top-Spitzen-Techies, die da raus kommen: Techniker.

Grenzenlose Kreativität in Tel Aviv

"Die Israelis versuchen, aus jedem Tag das Beste heraus zu holen. Warum? Weil sie wissen, schon übermorgen oder morgen könnten vielleicht wieder Raketen fliegen. Die Startups arbeiten sehr, sehr hart. Die arbeiten härter, als wir hier in Deutschland, die Kreativität hat da keine Grenzen."

Berlin-Schöneberg, in einem weiteren Startup-Labor: hub:raum, der Entwicklungs- und Investment-Einheit der Deutschen Telekom. In einem club-ähnlichen Ambiente mit Bar und Sofas hält Axel Menneking Ausschau nach Startups, mit denen er kooperieren kann oder in die man investieren sollte. Besonders in Tel Aviv:

"Israel hat keine Rohstoffe und hat erkannt, dass Bildung ein Schlüssel ist. Deswegen also sehr hoher Bildungsstandard. Auch die Anzahl der Nobelpreisträger in Israel bezogen auf die Gesamtpopulation ist ja sehr hoch. Und Technologieaffinität. Die führen eben dazu, dass eben eine sehr hohe Gründeraktivität stattfindet."

Menneking hat an diesem Tag eine Gruppe von Studenten und Startup-Gründern aus Israel zu Besuch – unter Leitung der Professorin Dafna Kariv. Die Wirtschaftsexpertin spricht von einer besonderen israelischen Startup-Mentalität:

"Die Kultur ist eine tolerante Kultur. Und das ist sehr interessant: Wenn du in Israel Misserfolg mit einem Startup hast, dann bist du erfolgreich! Wenn du in deinen Lebenslauf schreibst, dass du vier Startups in den Sand gesetzt hast, dann bist du sehr erfolgreich! Weil es bedeutet, dass du Mumm hast. Weil du innovativ bist."

Deutsche Tugenden als Vorbild

Die Management-Spezialistin versucht, Startups aus aller Welt fit zu machen für einen internationalen Auftritt. Bei den israelischen Gründern ist ihr allerdings aufgefallen, dass am Anfang viel Energie reingesteckt wird, dann aber – bei der täglichen Kleinarbeit – die Geduld der Firmeninhaber oft nachlässt:

"Da haben wir viele Schwachstellen. Es reicht nicht aus, ein Genie zu sein für Ideen. Du musst Leute einstellen, du musst Finanzen machen, du musst den Markt erobern. Hier sehen wir die Deutschen als Vorbild. Sie sind sehr präzise, sehr strukturiert, sie haben viel Ausdauer. Und danach streben wir."

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