Isolationshaft in der DDR

Überleben im "Tigerkäfig"

Wulf Rothenbächer in seiner ehemaligen Zelle im Zuchthaus Cottbus. © Sylvia Belka-Lorenz
Von Sylvia Belka-Lorenz · 24.09.2018
Im Zuchthaus Cottbus saßen neben Bautzen die meisten politischen Gefangenen der DDR ein. Ein spezieller Haftraum zur Disziplinierung von sogenannten "Härtefällen" ist dort in der heutigen Gedenkstätte wieder der Öffentlichkeit zugänglich.
Der Alptraum der politischen Häftlinge misst knapp viereinhalb mal zwei Meter. Ein erwachsener Mann braucht nur gut drei Schritte, um vom Gitter der Fensterluke bis zum Gitter am Ende der Zelle zu gehen. Einzelunterbringung heißt diese Disziplinierungsmaßnahme. Einzelunterbringung im Keller. Eine kleine Klappe im Gitter als Sitz, ein Kübel für die Notdurft, ein Bett, das zur Nacht von der Wand geklappt werden darf. Kein Kontakt zu anderen Gefangenen, die Dunkelheit der Nacht als einzige Tagesstruktur. Für Sigmar Faust, damals Mitte 20, dauert dieses Martyrium wegen angeblich staatsfeindlicher Hetze länger als 400 Tage:
"Die Anfangszeit ist das Schlimmste. Um nicht verrückt zu werden – da hab ich die Notbremse gezogen und bis Tausend gezählt, nur damit ich nicht verrückt werde, nur damit die Zeit vergeht. Das ist ein Kampf gegen die Zeit."
Die Kälte, die Nässe und der Schimmel in der Zelle. Hunger. Mehr an körperlichen Repressalien allerdings habe es nicht gegeben, erzählt Ex-Häftling Wulf Rothenbächer:
"Wenn man nicht diese Einzelzelle mit dem Gitter als Folter bezeichnet. Aber körperlich angegriffen hat mich niemand, das wurde auch nicht angedroht. Also mir nicht angedroht. Gegenüber war ein junger Mann, ein Häftling, den haben die offensichtlich an das Gitter angeschlossen, mit Handschellen. Er musste also auf Zehenspitzen stehen. Und dann ist er reingefallen in die Handschellen und der hat gebrüllt."

20.000 politische Häftlinge bis zur Wende

Das Zuchthaus Cottbus war neben Bautzen der größte politische Strafvollzug der DDR. Schätzungsweise 20.000 politische Häftlinge saßen hier bis zur Wende ein. Vor gut zehn Jahren haben ehemalige Gefangene sich zum Verein zusammengeschlossen, um das Zuchthaus zu kaufen – und zur Gedenkstätte auszubauen. An Abenden wie dem, an dem der rekonstruierte "Tigerkäfig" vom Verein der Öffentlichkeit präsentiert wird, erzählen die ehemaligen Gefangenen ihre Geschichten – gespickt mit Anekdoten und Pointen. So wie der schmächtige Arzt Wulf Rothenbächer, der bald 77 wird. Was man ihm nicht ansieht.

40 Jahre lang habe er unter Alpträumen gelitten, erzählt Rothenbächer, als wir allein unten in der Zelle sind. 40 Jahre lang keine einzige Nacht, in der er nicht im Traum aufgegriffen und eingesperrt wurde. In der nicht Leute aus seiner Zelle geholt und getötet wurden. Oben vor Publikum gibt er zum Besten, dass der Westen sich ihn als Arzt beim Freikaufen immerhin 100.000 D-Mark habe kosten lassen. Pfarrer habe es immer umsonst gegeben. Großer Lacher.
"Meine Angst hier unten war nie, dass ich krank werde. Meine Angst war, dass ich einknicke und kooperativ zu den Erziehern bin. Und wie lange meine Kraft ausreicht, das habe ich am Anfang dem Offizier bei der Stasi gesagt: Dann brechen Sie mal!"
Zeitzeugen und Besucher auf dem Gelände der heutigen Gedenkstätte
Zeitzeugen und Besucher in der heutigen Gedenkstätte © Sylvia Belka-Lorenz

Gedichte gegen das Verrücktwerden

Erzieher, das ist keineswegs Knast-Slang. Erzieher sind Stasi-Offiziere, die an der ideologischen Umpolung der Gefangenen arbeiten sollen, mit allen Mitteln. Einer der Männer erzählt mir, dass er in seinem After Gedichte und Vokabeln nach unten geschmuggelt habe, nur um nicht verrückt zu werden. Sigmar Faust, als er mehr als 400 Tage im "Tigerkäfig" sitzt, perfektioniert geradezu den Hungerstreik. Zumal der beinahe einfacher gewesen sei als die tägliche Arrestration von drei Scheiben Brot:
"Das heizt den Hunger richtig an. Man wird richtig zum Tier. Und dann will man mal satt sein und frisst die drei Scheiben auf einmal. Und dann 24 Stunden warten aufs nächste Futter. Das sind Situationen, da kann man zum Tier werden. Wenn man da nicht eine innere Disziplin hat, um sich nicht zu erniedrigen, Mensch zu bleiben."
Auch Faust wird schließlich von der BRD freigekauft. Vorher kommt er in ein Zwischenlager nach Chemnitz, wo es Essen gibt, Kaffee und frische Luft. Wenn sie im Westen ankommen, sollen die Häftlinge nicht aussehen wie ausgemergelte Zuchthäusler.
Sigmar Faust ist zur Präsentation des Tigerkäfigs als Zeitzeuge eingeladen. Doch Führungen durch das Zuchthaus darf er seit einigen Monaten nicht mehr leiten. Wegen der öffentlichen Relativierung des Holocaust hat sich das Menschenrechtszentrum von ihm distanziert. Freunde und Weggefährten mögen das nicht am Mikrofon kommentieren. Der Mann, dem die SED-Diktatur so sehr zuwider war, sieht seine politische Heimat inzwischen bei der AfD.
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