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Religionen | Beitrag vom 08.07.2018

Islamwissenschaftler Murtaza "Der Koran gibt zu wenig her, um ihn antisemitisch zu gebrauchen"

Muhammad Sameer Murtaza im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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"Die Kippa des Anstoßes" im Jüdischen Museum Berlin (picture alliance/dpa/Foto: Sina Schuldt)
Weil er diese Kippa trug, wurde ein Berliner Student im April 2017 von einem Syrer angegriffen und mit einem Gürtel geschlagen. (picture alliance/dpa/Foto: Sina Schuldt)

Der muslimische Antisemitismus berufe sich weniger auf den Koran, als auf einen antisemitischen Text aus Europa, sagt der Islamwissenschaftler Murtaza. Er sagt, das Bild vom Juden als Weltverschwörer habe sich erst im 19. Jahrhundert verbreitet.

Anne Françoise Weber: Über muslimischen Antisemitismus ist in den vergangenen Monaten viel diskutiert worden hier in Deutschland. Vor allem nach dem Angriff eines syrischen Geflüchteten auf einen Kippa-tragenden Mann in Berlin haben sich viele Menschen gefragt, ob hier eigentlich eine neue Dimension oder eine andere Art des Antisemitismus nach Deutschland kommt. Und wie viel hat dieser Antisemitismus dann mit dem Islam zu tun? Damit hat sich Muhammad Sameer Murtaza beschäftigt.

Der Islamwissenschaftler ist Mitarbeiter der Stiftung Weltethos, und er hat vor kurzem das Buch veröffentlicht "Schalom und Salam: Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus". Ich habe vor der Sendung mit Muhammad Sameer Murtaza gesprochen, und ich habe ihn zunächst gefragt: Wenn wir mal ganz vorne anfangen und auf den Koran schauen, dann finden sich da ganz unterschiedliche Verse über Juden – solche, in denen sie als Leute der Schrift respektiert werden, aber auch solche, in denen sie kritisiert oder auch diffamiert werden, und es gibt in der muslimischen Tradition Berichte davon, wie Muhammad zumindest Angehörige eines jüdischen Stammes töten und versklaven ließ. War also vielleicht schon zu Muhammads Zeit die Haltung der Muslime zu Juden unentschieden?

Muhammad Sameer Murtaza: Ich denke, dass der Koran erst mal verschiedene Aussagen zu Juden, aber auch zu Christen macht, zeigt einfach, dass er sehr nah am Leben offenbart worden ist und dass er die wechselnden Verhältnissen in Medina zwischen der muslimischen Frühgemeinde und verschiedenen jüdischen Stemmen widerspiegelt. Es gab in Medina selber ja nicht nur einen jüdischen Stamm, sondern mehrere. Interessanterweise hier im Westen wird oftmals der Konflikt zwischen Mohammad und den jüdischen Stämmen als ein Religionskonflikt gedeutet, oftmals mit der Argumentation, Mohammad habe am Anfang seiner Zeit in Medina um die Juden geworben, und als sie ihn ablehnten, wäre er darüber erbost gewesen und wäre dann gegen die jüdischen Stämme vorgegangen.

Man muss genau hinschauen

Was aber nicht ganz zu dieser Erzählung passt oder dieser Deutung, ist einfach, dass die muslimische Frühgemeinde im Laufe mehrerer Jahre mit lediglich drei von fünf jüdischen Stämmen in Konflikt geriet und Mohammad zu keinem Zeitpunkt alle Juden aus Medina vertrieben hat, sondern auch nachdem der Konflikt mit diesen drei jüdischen Stämmen beigelegt worden ist, gab es weiterhin über 1.000 Juden in Medina, mit denen der Prophet Mohammad engste Kontakte pflegte. Sogar ein jüdischer Junge pflegte bei ihm im Haus ein- und auszugehen. Also da gab es positive Beziehungen.

Das heißt, man muss genau hinschauen, was waren die Konfliktursachen zwischen diesen verschiedenen jüdischen Stämmen und der muslimischen Frühgemeinde, und dann, aufgrund dieses historischen Kontextes dann auch die Verse im Koran auslegen. Ich kann nicht einen Vers herauspicken und daraus deuten, das wäre nun die Position des Islam gegenüber Juden, sondern ich muss wirklich die Verse immer im historischen Kontext lesen.

Weber: Sie schreiben, der Antisemitismus kam eigentlich erst im 19. Jahrhundert in die Levante als europäischer Import. Wie kam es denn dazu?

Murtaza: Ich denke, den Anfang macht 1840 die Damaskus-Affäre. In Damaskus verschwindet ein christlicher Priester und sein muslimischer Diener spurlos, und es stellt sich die Frage, was ist mit dem christlichen Priester passiert. Und die christliche Gemeinde in Damaskus unterstellte den Juden in Damaskus, man hätte diesen christlichen Priester entführt und ermordet, um sein Blut für eine bevorstehende jüdische Festlichkeit zu verwenden. Der muslimische Polizeichef von Damaskus lehnte diese Unterstellung ab und stellte sich auch schützend vor die jüdische Gemeinde in Damaskus. Die Christen in Damaskus schalteten darauf den französischen Konsul ein, denn damals hatte aufgrund der beginnenden Kolonialisierung Frankreich einen großen Einfluss auf das Osmanische Reich und vor allem auch in Syrien, und man bedrängte den Gouverneur, hier das jüdische Viertel zu durchsuchen.

"Protokolle der Weisen von Zion" - ein antisemitischer Text

Also auf Anraten und aufgrund antijudaistischer Vorstellungen beginnt man, das jüdische Viertel zu durchsuchen, Juden festzunehmen, sie zu foltern, bis man am Ende dann auch die entsprechenden Geständnisse hat, obwohl man nie die Leiche dieses Priesters gefunden hat. Man hat nie Flaschen gefunden mit dem angeblichen Blut des Priesters, aber es ist etwas Neues in die muslimische Welt gekommen, und zwar diese Motive des Antijudaismus, des Juden als jemand, der das Blut eines Priesters benötigt, um es für bestimmte jüdische Riten zu benutzen. Das war den Muslimen bis dahin total unvertraut.

In der Folgezeit findet dann auch wieder durch christliche Gemeinden im Nahen Osten die Übersetzung der "Protokolle der Weisen von Zion" statt. Das heißt, im Laufe von 1840 bis ungefähr Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts werden Muslime durch Übersetzungen von antisemitischen Schriften vertraut gemacht mit dem Bild des Juden als Großkapitalist, als Weltverschwörer, als Revoluzzer, als jemand, der auch die finanziellen Ressourcen hat, um Regierungen zu stürzen, und im Zuge parallel des Nahostkonfliktes dienen dann diese Bilder immer mehr Muslimen als eine Erklärung, warum man im ersten arabisch-israelischen Krieg verloren hat, warum der Westen, allem voran die USA, sich so sehr auf die Seite Israels geschlagen hat, als Erklärungsmuster.

Weber: So ein antisemitisches Feindbild erfüllt ja auch viele Funktionen. Das bringt die Leute zusammen.

Murtaza: Das erfüllt viele Funktionen, und wir haben erst 1951 die erste Übersetzung der "Protokolle der Weisen von Zion" aus muslimischer Feder, und wir haben dann ab Beginn der 50er Jahre, gerade durch den Muslimbruder und Ideologen Sayyid Qutb eine zunehmende Islamisierung dieser europäischen antisemitischen Vorurteile, indem man sie rückprojiziert in den Korantext, in bestimmte Episoden aus dem Leben des Propheten Muhammad und sie dadurch islamisiert und sie dadurch auch massentauglich macht unter Muslimen.

Weber: Sie verwenden ja sehr bewusst den Begriff islamisch verbrämter Antisemitismus. Heißt das, Sie wollen sagen, es gibt keinen muslimischen Antisemitismus, weil das mit dem Wesenskern des Islam eigentlich nichts zu tun hat? Aber machen Sie es sich damit nicht zu einfach, kann man von so einem Wesenskern sprechen, der ganz frei ist von irgendwelchen Anlagen zu Gewalt oder sonst etwas - also bei jeder Religion, jetzt nicht nur beim Islam?

Murtaza: Nein, darum geht es nicht. Die Ursprungsfrage war ja – und das ist ja auch in der Einleitung -  ob der Islam selber antisemitisch ist, ob wir dort antisemitische Argumente vorfinden. Und es hat sich einfach gezeigt, dass das Phänomen des Antisemitismus tatsächlich erst ab dem 19. Jahrhundert auftaucht, beginnend mit dem europäischen Antisemitismus, der dann in den 50er Jahren islamisiert wird. Das heißt, da muss ich doch ganz klar auch sagen, hier wird etwas islamisiert, also islamisch verbrämter Antisemitismus ist schon richtig. Das heißt, ich kann auch durch eine Dekonstruktion dieser Form von Antisemitismus auch wieder den Islam davon befreien, weil es nicht zum Islam selber gehört. Wäre es anders, hätte ich das Buch genannt "Islamischer Antisemitismus", aber ich konnte nicht aus dem Koran alleine oder aus dem Leben des Propheten Mohammad einen Antisemitismus ableiten.

Der Koran selbst gibt zu wenig her

Das Interessante ist ja, selbst Ideologen wie Sayyid Qutb, die versucht haben, den Antisemitismus islamisch zu legitimieren, kommen nicht umhin, in ihrer Argumentation immer wieder auf die "Protokolle der Weisen von Zion" zu verweisen, selbst die Hamas, die ja auch antisemitisch ist, in ihrer Gründungscharta verweist auf die "Protokolle der Weisen von Zion" und kaum bis gar nicht auf den Koran, weil es der Koran selber zu wenig hergibt, um ihn antisemitisch zu gebrauchen, und das fand ich sehr, sehr interessant in dieser Recherche.

Weber: Sie schreiben in Ihrem Buch auch, es müsse mehr Informationen über das Judentum unter Muslimen geben, und soweit ich weiß, machen Sie auch Vorträge in Moscheegemeinden und so über das Thema Antisemitismus. Wie ist denn da die Reaktion?

Murtaza: Ja, das war die erste Aufgabe, die ich bei der Stiftung Weltethos hatte, das war ein Projekt 2000 bis 2013, das hieß "Kernethos von Judentum und Islam", wo wir vor jungen Muslimen, aber auch manchmal vor jungen Juden Vorträge gehalten haben über die Gemeinsamkeiten im Ethos anhand der prophetischen Gestalten von Judentum und Islam, und das Interessante war, es waren in der Regel junge Menschen, und die Reaktion war positiv. Es gab keinen einzigen Vortrag, der irgendwie abgerutscht wäre in bestimmte Klischees.

Klischees junger Muslime aufbrechen

Das Interessante war, dass dann aber natürlich junge Muslime mit der Vorstellung aufgewachsen sind, alle Juden sind reich. Und für mich, als jemand, der auch mit Juden zu tun hat und der in Köln in einer liberalen jüdischen Gemeinde mal zu Gast war, die damals noch in einem Keller war und wo die Gemeinde auch kaum finanzielle Mittel hatte - und das zu sehen, das hat mich erinnert an die Hinterhofmoscheen - und dann den Jugendlichen zu erzählen, nein, es ist nicht so, alle Juden haben Geld, sondern dann das praktische Beispiel einer jüdischen Gemeinde, die genauso in einem kleinen Keller den Gottesdienst vollzieht, das war für viele so ein Aha-Erlebnis, wo ich dann Dinge aus der Praxis, die man selber gesehen hat, erzählen konnte und dann bestimmte Bilder, die in den Köpfen da sind, aufbrechen konnte.

Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren, da war eine muslimische Jugendgruppe in Alzenau, die wollte unbedingt diesen Vortrag halten, aber die Moscheegemeinde stand dem ablehnend gegenüber, und es sah dann so aus, als würde der Vortrag nicht stattfinden, weil wir keinen Raum hatten, und dann haben die Jugendlichen, weil sie das Judentum so interessiert hat, in Zusammenarbeit mit der Kirche vor Ort selber Räumlichkeiten organisiert, und wir haben dann den Vortrag durchgeführt und haben dann auch im Anschluss eine Dokumentation über das Judentum gezeigt. Und der Raum war voll mit jungen Leuten - junge muslimische Buben, Mädchen mit Kopftuch, ohne Kopftuch - und die waren alle sehr, sehr interessiert. Deswegen glaube ich, ist es wichtig, dass wir die Begegnung zwischen Juden und Muslimen mehren, weil gerade bei jungen Muslimen, für die sind Juden das Unbekannte, fast sowas wie Außerirdische, die man nur aus der Literatur kennt, und dann oftmals ist diese Literatur auch negativ gefärbt.

Weber: Dazu kommt ja auch: Das sind nicht nur die Unbekannten, sondern es sind die, die mit dem Staat Israel in Verbindung gebracht werden. Und da schreiben Sie selbst von Ihrer Jugend, dass Sie in der Schule in Deutschland viel über den Holocaust erfahren haben, dass aber der Nahostkonflikt so wenig besprochen wurde und dass Sie da eher über muslimische Kontexte damit konfrontiert wurden. Haben Sie den Eindruck, dass das heute auch so ist und dass die jugendlichen Muslime da was mit sich rumschleppen, eine Solidarität mit Palästinensern als muslimischen Glaubensgeschwistern, die es ihnen schwermacht, einen neutralen Umgang mit Juden in Deutschland zu haben?

Murtaza: Ich denke, auf allen Seiten ist das Problem, dass wir nicht sprachfähig sind, also wie sprechen wir über die Schoah, und wie sprechen wir über den Nahostkonflikt? Und das ist eines der Anliegen in meinem Buch gewesen, einfach diese Sprachfähigkeit herzustellen. Die Sprachfähigkeit gilt auch für nichtmuslimische und nichtjüdische Deutsche.

In der Schule wurde nicht über den Nahostkonflikt gesprochen

Das Beispiel aus der Schulzeit war, dass auch die Lehrer selber nicht wussten, wie sie über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Und als ich mich dann zunehmend im Zuge der zweiten Intifada politisch doch sehr einseitig als Jugendlicher für die palästinensische Seite starkgemacht habe und auch im Kunstunterricht meinen Protest zum Ausdruck gebracht habe, wurde ich natürlich ins Lehrerzimmer gebracht, aber was sagte dann der entsprechende Lehrer zu mir, er sagte: "Ich kann dich ja verstehen, aber das kann man halt so nicht sagen." Da war natürlich für mich als Jugendlicher, wo ich dachte, aha, es ist halt so, man spricht nicht über den Nahostkonflikt, man beschäftigt sich nur mit der Schoah. Der Lehrer hat eigentlich alle Vorurteile, die ich zu dem Zeitpunkte hatte eigentlich bekräftigt, weil er selber nicht sprachfähig war zwischen Schoah und Nahost, wie er das kommunizieren sollte.

Ich denke, das ist ganz gewichtig, dass wir klarmachen, Juden sind eine Religionsgemeinschaft. Der Staat Israel ist ein Staat, und auch nicht seine Bürger sind verantwortlich für die Politik, die dieser Staat macht, sondern es ist die jeweils gewählte Regierung, und dass wir das streng unterscheiden und nicht alle Juden in Haft nehmen für eine Politik, die wir Muslime nicht gutheißen. Genauso wie wir Muslime ja nicht in Haft genommen werden möchten für die Politik, die ein Staat wie Saudi-Arabien oder der Iran macht, weil wir damit ja nichts zu tun haben. Ich denke, da ist es wichtig, dass wir hier klar unterscheiden.

Weber: Also ein Plädoyer für eine wirkliche Differenzierung, das können sich auch Nichtmuslime hinter die Ohren schreiben.

Murtaza: Aber was wir auch brauchen: wir haben einen Großteil von Menschen in diesem Land, die haben nichts mit der Schoah zu tun. Auch von ihren Wurzeln her haben sie nichts damit zu tun, und was meines Erachtens nach fehlt, ist: Wie können wir Menschen, die gerade durch Zuwanderung in unser Land kommen, die Schoah und auch die deutsche Verantwortung, die wir haben - und das betrifft jeden, der hier in diesem Land lebt - wie können wir die vermitteln?

Und das ist, glaube ich, etwas, worüber wir in diesem Land uns zu wenig Gedanken machen. Man muss manchmal auch Erzählungen neu weben, damit sie auch die Leute erreicht. Das war mir auch sehr wichtig, dass wir zu einem Verständnis kommen, auch wir, die wir nicht hier mit der Schoah direkt etwas zu tun haben, die wir erst zweite oder dritte Generation sind, dass wir aber dennoch auch für diesen Teil der deutschen Geschichte mit Verantwortung tragen müssen.

Weber: Vielen Dank, Muhammad Sameer Murtaza, Islamwissenschaftler beim Projekt Weltethos. Ihr Buch "Schalom und Salam: Wider den islamisch verbrämten Antisemitismus" ist erschienen beim Info3-Verlag, hat 160 Seiten und kostet 16,90 Euro.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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