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Religionen | Beitrag vom 03.02.2019

Islamischer Theologe Esnaf Begić über AlmosenSpenden für Arme sind Pflicht

Esnaf Begić im Gespräch mit Anne Françoise Weber

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Ein Mann trägt einen Spendenkorb auf dem Kopf, in den Passanten Geld werfen. (imago stock&people)
Zakat-Spenden auf Zypern: Der Koran sieht Almosen in Höhe eines Vierzigstel dessen, was man überschüssig besitzt, vor. (imago stock&people)

Der Islam unterscheidet zwischen Pflichtabgaben und freiwilligen Spenden. Der frühere Imam Esnaf Begić erklärt, wofür sie verwendet werden dürfen, und wie eine besondere Auslegung in Bosnien die Existenz der islamischen Gemeinschaft sicherte.

Anne Françoise Weber: Almosengeben gehört zu den fünf Säulen des Islam, und jeder Muslim ist eigentlich verpflichtet zu spenden. Wie das in der Praxis aussieht und was es bedeutet, wenn ein Muslim in der U-Bahn nacheinander von fünf Obdachlosen angesprochen wird, darüber spreche ich mit Esnaf Begić. Er ist ausgebildeter Imam und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Herr Begić, welche unterschiedlichen Spendenformen gibt es denn im Islam? Da ist ja nicht nur die Pflichtspende, sondern eine freiwillige Spende - unter was fällt es eigentlich, wenn ich einem Obdachlosen eine Münze gebe, habe ich dann einen Teil meiner Pflichtspende geleistet?

Esnaf Begić: Nein, nicht die Pflichtspende, sondern eine freiwillige Spende. Sie haben schon richtig gesagt, dass es mehrere Arten des Spendens im Islam gibt. Zunächst einmal die Zakat als eine religiös grundsätzlich verpflichtende, und es gibt eine freiwillige Spende, die man tagtäglich tätigen muss oder, besser gesagt, kann - beispielsweise in den Situationen, wenn jemand um einen Euro gebeten wird oder eine Münze oder was auch immer.

Muslime spenden nicht leichter, aber vielleicht konstanter

Weber: Sie haben in Bosnien und in Deutschland gelebt. Haben Sie denn den Eindruck, dass es Muslimen leichter fällt, wenn sie angesprochen werden, mal eben in die Tasche zu greifen und einen Euro rauszuholen, weil das ganz klar auch zu den Pflichten gehört?

Begić: Wenn ich ehrlich bin, nicht grundsätzlich. Diesen Eindruck würde ich so nicht bestätigen. Ich habe sehr viele christliche Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen in meinem privaten und auch im dienstlichen Kreis. Auch dort stelle ich eine eine sehr große Spendenbereitschaft fest. Auch generell im gesamtgesellschaftlichen Kontext in Deutschland, beispielsweise zur Weihnachtszeit.

Vielleicht ist eine Bemerkung hier passend, dass es bei den Muslimen sozusagen etwas konsequenter ist im Sinne, dass man das nicht unbedingt auf einen konkreten Zeitraum beschränkt ist, sondern bemüht ist, nachhaltig, also öfters, zu spenden, soweit es geht. Während ich beispielsweise hier in Deutschland im gesamtgesellschaftlichen Kontext zu unterschiedlichen Zeiten oder Zeiträumen diese größere Spendenbereitschaft feststelle. Aber von der Intensität beziehungsweise von dem Willen würde ich da nicht von größeren Unterschieden sprechen.

Weber: Sie haben von nachhaltigem Spenden gesprochen. Christliche Hilfswerke wie "Brot für die Welt" vertreten ja immer stärker den Ansatz, dass eigentlich nur Hilfe zur Selbsthilfe erfolgsversprechend ist und dass es nicht darum gehen kann, nur die Not zu lindern, sondern den Menschen die Instrumente in die Hand zu geben, dauerhaft aus dieser Not rauszukommen. Gibt es eine ähnliche Überlegung bei muslimischen Hilfswerken?

Begić: Vor allem auf den deutschen Kontext bezogen, haben wir zunächst die Problematik, dass wir noch keine richtig strukturell herausgeformte muslimische Hilfswerke haben. Vom Geist der Religion oder der religiösen Botschaften kann man dennoch zu diesem Schluss kommen. Vor allem beispielsweise, wenn man sich auf die erste Zeit des Frühislam zurückbesinnt oder sich diese Zeit anschaut: Im Grunde genommen hatte die erste Offenbarungsperiode in Mekka zwei wesentliche Aspekte: Zum einen, die Verstetigung oder die Vermittlung des Glaubens an den einen und einzigen Gott.

Der zweite wichtige Aspekt war vielmehr eine Art sozialer Revolution, wo der Prophet Mohammed versucht hat, die Missstände in der damaligen vorislamischen Zeit in Mekka, in dieser Stadtgesellschaft, auszuräumen, als er auf die sozialen Ungerechtigkeiten hingewiesen hat. Insofern kann man durchaus von Nachhaltigkeit sprechen - in dem Sinne, dass man gesamtgesellschaftliche Strukturen schafft, damit die Menschen von dem leben können, was sie selbst erwirtschaften, und fähig sind, in Lohn und Brot durch ihre Arbeit zu kommen.

Die Spende soll an die Armen und Bedürftigen gehen

Weber: Im Koran steht schon auch ziemlich deutlich drin, für welche Gruppen die Spenden bestimmt sein sollen. Das sind also vor allem Arme, aber auch noch Sklaven, die sich freikaufen wollen – stimmt das?

Begić: Genau, genau, eben das, was ich gerade gesagt habe, beispielsweise in Bezug auf die erste Offenbarungsperiode in Mekka. Das ist sehr charakteristisch, dass beispielsweise der Freikauf von Sklaven ein sehr wichtiges Merkmal dieser Offenbarungszeit war. Auf der anderen Seite gibt es durch den Koran betrachtet mehrere Verse – in etwa zwölf –, in denen das Spenden oder das Abgeben eines Teils des Vermögens oder dessen, was man selbst besitzt, thematisiert wird.

Ein Vers davon ist sicherlich der Bekannteste, in dem unterschiedliche Gruppen festgelegt werden, die die verpflichtende Zakat-Abgabe erhalten sollen: Die Armen, die Bedürftigen, unter anderem auch Sklaven. Es ist auch die Rede von denjenigen, die an der Einsammlung von Zakat mitwirken, auch "auf dem Wege Gottes" beispielsweise. Das ist eine Kategorie, die in Bosnien-Herzegowina, wo ich herkomme, für eine sehr wichtige Reform der Zakat-Abgabe in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts als Grundlage gegolten hat.

Weber: Das müssen Sie uns jetzt genauer erklären. Da ging es darum, dass man die Zakat eben nicht mehr für solche konkreten Hilfsprojekte verwendet hat, sondern einfach für den Beibehalt der Islamischen Gemeinschaft, die vom kommunistischen Regime eben ihrer materiellen Grundlage beraubt worden war?

Begić: Genau, das stimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es nämlich so, dass die Religion mit der kommunistischen Ideologie und dem kommunistischen Herrschaftssystem generell an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde - nicht nur der Islam, auch das Christentum. Die Güter und Stiftungen der religiösen Gemeinschaften wurden im großen Stil verstaatlicht wurden. Vor allem die Islamische Gemeinschaft wurde an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Eine Zeit lang stand sogar ihre Existenz auf der Kippe.

Man hat sich diese koranische Verpflichtung oder Vorgabe über die Abgabe eines Teils des Vermögens, nämlich der Zakat, als Grundlage genommen, und sie den Umständen in der Gesellschaft entsprechend umgedeutet, dass die Abgabe nicht mehr an die Armen und die Bedürftigen und die weiteren Kategorien zu gelten hat, sondern nur auf die Kategorie "auf dem Wege Gottes". Das bedeutete in diesem konkreten Fall, dass man auf dieser Grundlage dann den Fortbestand der Islamischen Gemeinschaft einerseits sicherte und zweitens, dass man die Bildungsinstitutionen – und im Grunde genommen war das im Geiste diese Kategorie "auf dem Wege Gottes" –, dass man neue Bildungsinstitutionen gründen konnte, unter anderem die damalige islamische theologische Fakultät.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang vielleicht, dass die Akteure oder Diskursteilnehmer, die sich damals für eine solche Umdeutung der Zakat-Abgabe in Bosnien und Herzegowina an diesem Diskurs beteiligt haben, im Grunde genommen versucht haben, eine Symbiose zwischen den gesellschaftlichen Umständen und der religiösen Vorgaben zu erreichen. Das haben sie größtenteils geschafft, und diese Vorhaben wurden vom Volk begleitet, denn die islamische Fakultät besteht immer noch.

Stipendien wären finanzierbar, der Moscheeunterhalt nicht

Weber: Wenn ich jetzt hier nach Deutschland gucke und mir vorstelle, ich bin Muslima, ich verdiene ganz gut, ich will meine Zakat abgeben, wie läuft das? Es sollen ja nicht 2,5 Prozent des Einkommens sein, sondern des zurückgelegten Geldes. Habe ich das richtig verstanden?

Begić: So in etwa. Von dem, was über die normalen Lebenshaltungskosten hinaus überflüssig ist, muss man ein Vierzigstel, also 2,5 Prozent, abgeben. Natürlich haben wir heute in Deutschland beispielsweise die Situation, dass viele Menschen relativ gut bis sehr gut verdienen und dass es möglicherweise hier und da keine Kategorien im koranischen Sinne gibt, an welche man die eigene Zakat abführen könnte. Deswegen wäre beispielsweise möglich, dass man vielleicht nochmal auf der Grundlage dieser Kategorie "auf dem Wege Gottes" die Stipendien für Studierende oder Schülerinnen und Schüler übernimmt.

Weber: Oder auch einen Moscheebau finanziert. Das würde doch wahrscheinlich auch darunter fallen, oder?

Begić: Nicht unbedingt. Das ist durchaus umstritten. Erst recht, wenn es darum geht, dass eine Moschee beispielsweise ihren alltäglichen Unterhalt aus den Mittel der Zakat unterhält. Das wäre nicht im Sinne der Zakat. Man müsste da wieder auf diese freiwilligen Spenden zurückgreifen, Mitgliedsbeiträge oder ähnliches, die in Deutschland und in vielen weiteren Teilen der muslimischen Welt durchaus freiwillig sind. Für den Bau der Moscheen könnte man eventuell unter bestimmten Umständen die Zakat auch verwenden.

Statt der Schafe den Wert der Aktien berechnen

Weber: Ist es Ihnen denn als Imam schon mal passiert, dass ein Gemeindemitglied zu Ihnen gekommen ist und gesagt hat: Herr Imam, ich würde ja gerne spenden, aber wie soll ich das denn tun, und wie berechne ich das? Und überhaupt, ich weiß gar nicht so genau, muss ich das wirklich tun? Suchen Leute wirklich Rat in diesen Fragen oder ist das allen ganz klar, wie das funktioniert?

Begić: Es ist überhaupt nicht klar. Grundsätzlich sind durch den Koran als erste Quelle des Islam die Grundlagen festgelegt, an wen und wie viel man abführen muss und ergänzend dazu durch die prophetische Sunna. Nur haben wir die Problematik, dass sich die Gesellschaft stetig weiterentwickelt, dass es Veränderungen in der Gesellschaft gibt, dass immer neue Aspekte des Lebens dazukommen. Insofern sind die muslimischen Theologen und Theologinnen berufen, sich mit dieser Materie stetig auseinanderzusetzen. Es stellt sich beispielsweise die Frage, und das sage ich auch heute öfters, wenn ich über dieses Thema spreche: Wir leben nicht mehr in der Zeit, wo wir die Zakat beispielsweise durch die Anzahl der sich im Besitz befindenden Schafe berechnen können, sondern vielleicht durch die Aktien, die ich in irgendeiner Firma besitze oder ähnliches.

Insofern ist es nämlich so, dass man bemüht sein muss, die islamischen Vorschriften und Normen im Geiste der Zeit immer wieder aufs Neue zu prüfen und den Musliminnen und Muslimen neue Lösungen anzubieten. Tatsächlich ist es auch bei mir, während meiner aktiven Imam-Tätigkeit, so gewesen, dass die Menschen oft auf mich zugekommen sind und gefragt haben: Ja, ich besitze das und das, wie berechne ich jetzt meine Zakat-Abgabe?

Weber: Mittlerweile gibt es im Internet aber auch Zakat-Rechner, habe ich gesehen.

Begić: Das stimmt, genau.

Weber: Auf jeden Fall bleibt es eine komplexe Angelegenheit, das Spenden im Islam. Vielen Dank für diese Erläuterungen. Esnaf Begić, ausgebildeter Imam und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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