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Lesart | Beitrag vom 19.03.2021

Isabela Figueiredo: „Die Dicke“„Der Körper ist ein Raum von Diversität“

Isabela Figueiredo im Gespräch mit Andrea Gerk

Isabela Figueiredo sitzt vor einer weißen Wand und blickt in die Kamera. (privat / Weidle Verlag)
Isabela Figueiredo wurde in Mosambik geboren und hat den Rassismus bei ihren Eltern selbst erlebt. (privat / Weidle Verlag)

In ihrem Roman "Die Dicke" bricht Isabela Figueiredo mit einem westlichen Schönheitsideal. Ganz nebenbei geht es auch um Portugals Kolonialgeschichte, um Ausgrenzung und Rassismus. Alles Dinge, die sie selbst erlebt habe, erzählt Figueiredo.

Nicht nur für Frauen, sondern in zunehmendem Maße auch für Jungen und Männer gilt in Europa das Schönheitsideal eines schlanken, hochgewachsenen und hellhäutigen Körpers. Mit dem Tabu, anders zu sein, bricht die portugiesische Schriftstellerin Isabela Figueiredo in ihrem neuen Buch "Die Dicke".

Figueiredo erzählt in ihrem Roman die Geschichte von Maria Luisa. Sie lebt irgendwo in Portugal allein im Haus ihrer Eltern, jedes Kapitel des Romans spielt in einem anderen Zimmer des Hauses. Das macht auch ihre Einsamkeit in der Welt deutlich.

Rückkehrer waren "die Bösen"

Maria Luisa ist aus zwei Gründen einsam: Sie wird schon in der Schule gemobbt und auch später gemieden, weil sie unheimlich dick ist. Zum anderen ist sie in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Mosambik aufgewachsen und nach Portugal zurückgekehrt.

"Rückkehrer aus den Kolonien wurden in Portugal immer als 'die Bösen" betrachtet', erzählt Figueiredo, "als Kolonialisten, Reaktionäre und Rassisten". Figueiredo wurde selbst in Mosambik geboren und weiß, wovon sie spricht. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit war in Portugal lange ein Tabu.

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Maria Luisas Vater arbeitete in Mosambik als Elektriker. Figueiredo beschreibt ihn als einen ziemlichen Rassisten. Ihre Eltern schicken Maria Luisa als junges Mädchen von Mosambik zurück nach Portugal. Sie sieht sie erst nach zehn Jahren wieder. Sie wird ohne Eltern und ohne Hilfe hinaus ins Leben geworfen und ist allein.

Das Trauma lässt sich nicht ablegen

Diese Einsamkeit, diesen Mangel an Liebe kompensiert sie durch das Essen. So wird sie sehr dick. Und obwohl sie sich als erwachsene Frau den Magen verkleinern lässt und abnimmt, spricht sie immer noch von sich als einer "dicken Frau".

"Dicke Menschen haben in ihrem Leben Erfahrungen gemacht und können, selbst wenn sie abgenommen haben, dieses Trauma nicht einfach ablegen", sagt Figueiredo.

Ihre Protagonistin ist aber nicht nur dick, sie wuchs auch anders auf als ihre Mitschülerinnen, nämlich in Mosambik. Auch deswegen wird sie ausgegrenzt. Im Subtext des Romans geht es immer auch um den Kolonialismus, die Entwicklung Portugals und um den Umgang mit der eigenen Geschichte.

Eine bessere Kindheit in Mosambik

Es gebe zwar Parallelen zu ihrer eigenen Biografie, sagt Figueiredo, doch der Roman sei keine Autobiografie. Ihre eigenen Erfahrungen mit der kolonialen Vergangenheit seien aber in die Geschichte eingeflossen.

"Es ist etwas anderes, in Mosambik aufzuwachsen", sagt sie. "Ich hatte dort eine sehr viel bessere Kindheit, als wenn man in Portugal aufwächst. Ich kam 1975 nach Portugal, ins Land meiner Eltern. Und ich war davon ausgegangen, dass es viel entwickelter ist als Mosambik, musste aber feststellen, dass es sehr viel rückständiger ist und ärmer."

Cover zu Isabela Figueiredos Roman "Die Dicke" auf orangem Aquarellhintergrund. (Deutschlandradio / Weidle Verlag)2020 erschien „Roter Staub. Mosambik am Ende der Kolonialzeit“ von Isabela Figueiredo. (Deutschlandradio / Weidle Verlag)

Man habe Rückkehrer in Portugal nicht gut behandelt, erzählt Figueiredo. Sie habe immer zu verbergen versucht, dass sie eine Rückkehrerin ist. Nach 1975 entwickelte Portugal sich aber und ist heute ein europäisches Land, sagt sie.

Eingeschlagen wie eine Bombe

Figueiredos erster Roman "Roter Staub" hatte in Portugal für einen Skandal gesorgt, weil die darin enthaltene Kritik an Portugals Kolonialherrschaft noch immer ein Tabuthema war.

"Die Rückkehrer haben dieses Buch gehasst", sagt Figueiredo. "Roter Staub hat in Portugal eingeschlagen wie eine Bombe und eine Diskussion über den Kolonialismus eröffnet." Intellektuelle, Wissenschaftler und die politische Szene hätten mit der Aufarbeitung des Kolonialismus begonnen.

Insofern sei die Geschichte von Maria Luisa in "Die Dicke", ihre Ausgrenzung als Rückkehrerin, ihre Erfahrung mit Rassismus durchaus als Fortsetzung des ersten Romans "Roter Staub" zu verstehen.

(nis)

Isabela Figueiredo: "Die Dicke"
Weidle Verlag, Bonn 2021
280 Seiten, 24 Euro

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