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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 07.10.2014

IS-TerroristenDer Zeigefinger der Milizen

Über die Vorgehensweise der Einpeitscher und Demagogen

Von Hans Christoph Buch

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Unterstützer der Terrorgruppe IS während einer Demonstration in Syrien. (afp / Karam Al-Masri)
Unterstützer der Terrorgruppe IS während einer Demonstration in Syrien. (afp / Karam Al-Masri)

Die Propagandisten des IS werben im Internet für Gewalt und Mord und heben dabei ungeniert den mahnenden Zeigefinger. Der Schriftsteller Hans Christoph Buch beschreibt das Wirken der Terrormiliz, das auch deshalb so schockiert, weil es so öffentlich ist.

"Machen Sie eine charakteristische Handbewegung", hieß es einst in Robert Lemkes "Heiterem Beruferaten": Der Pianist intonierte einen Akkord, der Mechaniker zog eine Schraube an, und die OP-Schwester streifte Gummihandschuhe über. Die charakteristische Handbewegung der Kämpfer für den islamischen Staat sind aber nicht die zum Victory-Symbol gespreizten Finger, die sie Winston Churchill abgeschaut haben – einem jedem Fanatismus abholden Politiker. Es ist auch nicht das Zücken eines Enthauptungswerkzeugs. Das Markenzeichen der IS-Redner und Propagandisten, die Tag für Tag in den Nachrichten zu sehen sind, ist ein drohend erhobener Zeigefinger.

Frontalunterricht so selbstverständlich wie Körperstrafen

Beim Betrachten der Fernsehbilder wird mir nicht klar, ob der Zeigefinger auf die Gehirnwäsche verweist, der sich die Kalifat-Kämpfer beim Drill unterziehen, oder ob er aus einer Medressa oder Koranschule stammt, in der Kinder und Jugendliche religiös indoktriniert werden, bevor man sie als Selbstmordattentäter auf Jesiden und andere Ungläubige hetzt. Schüler heißt Talib auf Arabisch, Mehrzahl Taliban, und der in vielen zivilisierten Staaten längst abgeschaffte Frontalunterricht ist hier so selbstverständlich wie Körperstrafen und Prügel. Trotzdem führt eine autoritäre Pädagogik nicht zwangsläufig zum Terrorismus, auch wenn das eine ohne das andere nicht denkbar ist – die NS-Ideologie und der Stalinismus sind Beispiele dafür. "Islam ist die Lösung", sagte mir vor über zehn Jahren ein extremistischer Mullah in Pakistan, und als ich wissen wollte, was sich hinter dem gebetsmühlenartig wiederholten Mantra verbarg, fügte er hinzu, die Ungläubigen müssten sich dem Islam unterwerfen, dann gäbe es Frieden auf Erden.

So einfach ist das also: Im Namen dieser und anderer Dogmen schlagen Anhänger verschiedener Volks- und Religionsgruppen sich seit Jahrhunderten gegenseitig die Schädel ein. Im Unterschied zu heute aber geschahen die Morde und Massaker früher klammheimlich. Es gab kein Internet, und Nazis wie Stalinisten dokumentierten ihre Untaten nicht in der Wochenschau. Auch die Gräuel der Kulturrevolution und der Roten Khmer in Kambodscha unterlagen der Zensur.

Ihr Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns

Anders heute, wo Genickschüsse und Enthauptungen wehrloser Geiseln zur Tagesordnung gehören und weniger der Abschreckung als der Anwerbung von Sympathisanten dienen. "Propaganda der Tat" hieß das zu einer Zeit, als Anarchisten und Kommunisten noch über Gewaltlosigkeit und/oder individuellen Terror stritten. "Wenn wir einen liquidieren, überzeugen wir hundert andere", schrieb Mao Zedong, bevor er das kleine Einmaleins des Tötens millionenfach in die Tat umsetzte. Aber selbst die von Mao inspirierten Attentate der RAF erscheinen harmlos im Vergleich zum wahllosen Herausgreifen von Passanten, die vor laufenden Kameras enthauptet werden sollten, wie ISIS-Kämpfer in Australien dies planten. Ihr Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, und wer nicht selbst zum Schwert oder zur Kalaschnikow greift, hat den Tod verdient.

Dass Einpeitscher und Demagogen, die andere als Kanonenfutter verheizen, sich die erhobenen Zeigefinger nicht schmutzig machen wollen, steht auf einem anderen Blatt. Werden auch sie, wie die Kriegsverbrecher in Nürnberg oder beim Menschenrechtstribunal in Den Haag, hinterher versichern, sie hätten von nichts gewusst?

Der Schriftsteller Hans Christoph Buch (picture alliance / ZB / Marc Tirl)Hans Christoph Buch (picture alliance / ZB / Marc Tirl)Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der "Gruppe 47". Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre gab er theoretische Schriften, Dokumentationen und Anthologien heraus. Mit seinen Essays versöhnte er Politisches und Ästhetisches miteinander. Seit 1984 schreibt er Romane: "Die Hochzeit von Port au Prince", "In Kafkas Schloss", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh", "Tanzende Schatten"‚ "Reise um die Welt in acht Nächten"; zuletzt erschienen 2011 "Apokalypse Afrika" und zuvor 2010 der Essay "Haiti - Nachruf auf einen gescheiterten Staat".

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