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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.12.2013

Irrwitzige GeschichteMit Hitler im Museum

Ranuccio Bianchi Bandinelli: "Hitler, Mussolini und ich"

Von Angela Gutzeit

Eine italienische Briefmarke mit den Konterfeis von Adolf Hitler und Benito Mussolini (AP Archiv)
Eine italienische Briefmarke mit den Konterfeis von Adolf Hitler und Benito Mussolini (AP Archiv)

Der Archäologe Ranuccio Bianchi Bandinelli wurde 1938 per Befehl abkommandiert, um Hitler bei seinem Italien-Besuch die Kunstschätze in Florenz zu zeigen. Der überzeugte Antifaschist machte sich Notizen, aus denen später dieses Buch wurde.

Das Faszinosum Hitler ist ungebrochen, unter anderem abzulesen an der Vielzahl von Texten und Filmen, die sich mit dem Privatleben des Diktators beschäftigen. Letzten Endes geht es dabei wohl immer noch um die alte Frage, wie dieser von Fanatismus und Größenwahn zerfressende Mann ein ganzes Volk hypnotisieren konnte. An Ranuccio Bianchi Bandellinis "Tagebuch eines Bürgers" zeigt sich mal wieder, dass die Satire die besten Mittel parat hält, um den Wiedergänger Hitler zu entzaubern. Dieses Buch ist eine Entdeckung. Denn es enthält eine Geschichte, die an Irrwitz ihresgleichen sucht.

Bandinelli, adeliger Spross eines Italieners und einer Deutschen, Professor an den Universitäten Cagliari, Florenz und Rom, wurde 1938 per Befehl abkommandiert, um Hitler bei seinem Italien-Besuch die Kunstschätze in Florenz zu zeigen. Mussolini war auf den hochgebildeten Wissenschaftler angewiesen, um gegen den verbündeten Künstlerfreund aus dem deutschen Nazireich, das gerade seine Museen von allen bedeutenden Kunstwerken der Moderne säuberte, bestehen zu können.

Cover: Ranuccio Bianchi Bandinelli "Hitler, Mussolini und ich" (Matthes & Seitz Berlin)Cover: Ranuccio Bianchi Bandinelli "Hitler, Mussolini und ich. Aus dem Tagebuch eines Bürgers" (Matthes & Seitz Berlin)Für die Nachwelt hätte kein besserer Zeuge für diese Begegnung gefunden werden können. Denn Bandinelli war ein überzeugter Antifaschist, ein kluger Kopf mit einem unbestechlichen Blick und einer spitzen Feder. Den Verlauf dieses unfreiwilligen Treffens hielt er in einem Notizbuch fest, um die Aufzeichnungen später in eine literarisch-essayistische Form zu gießen.

Aus der kühlen, ironischen Distanz heraus entlarvt er Hitler als künstlerischen Analphabeten, der seine Unkenntnis hinter emotional-ekstatischen Ausbrüchen oder grollendem Gemurmel verbarg. Und immer gipfelten seine Reden in Beschwörungen der drohenden bolschewistischen Gefahr. Eine skurrile Performance gegen die der poltrige Mussolini nach Bandinellis Beschreibungen wie ein harmloser Tölpel wirkte. Hier eine Kostprobe:

Während des Besuchs ging Hitler voraus, Mussolini spazierte durch die Säle mit den Lokalgrößen. Aber als er ihn vor dem Tondo Doni stehen sah, durchquerte er schräg den Saal, stellte sich ihm zur Seite und sah es an, er, der Desinteressierte an diesen Dingen, wie um zu hören, was der Kollege "Künstler" vor dem ersten Michelangelo seines Lebens zu sagen hätte. Hitler, die Hände auf dem Unterbauch (um, wie die Gehässigen sagen, den einzigen in Deutschland verbliebenen Arbeitslosen zu verstecken), schaute auf das Bild und murmelte in der Tiefe seiner Kehle "Michelanghelo, Michealanghelo". Dann wandte er sich zu Mussolini: "Wenn der Bolschewismus gekommen wär …" Der Refrain wurde von Mussolini mit einer gewissen Grobheit und einem Achselzucken, aber in seinem sehr unverhohlen römisch gefärbten Deutsch vervollständigt: "Alles zerstèert."

Ein Kulturvolk in den Händen von Schmierenkomödianten

Ranuccio Bianchi Bandinelli hatte schon von seiner Herkunft her eine enge Verbindung zur deutschen Kultur. Er liebte die deutsche Sprache und konnte es nicht fassen, dass ein Kulturvolk wie die Deutschen, – aber auch wie die Italiener – sich in die Hände von solchen Schmierenkomödianten begeben hatte. Schon Wilhelm II. zählte für Bandinelli zu diesem tragischen wie komischen Ensemble.

Ihn besuchte der Wissenschaftler 1933 in seinem holländischen Exil. Aus Neugier, aber auch weil er eingeladen worden war, wohl um am Tag der Eröffnung des ersten nationalsozialistischen Parlaments in Potsdam den einstigen Monarchen etwas abzulenken. Aber der abgesetzte Wilhelm, verblendet und uneinsichtig, ließ sich immer noch in Erwartung eines Rückrufs auf den Thron als 'Hoheit' anreden. Er schenkte dem Gast sein Buch "Vom Wesen der Kultur" .

In dieser vom Ethnologen Leo Frobenius abgekupferten, abstrusen Schrift mit Thesen über den Mystizismus, der sich im Nationalismus manifestieren müsse, um Deutschland zu seiner wahren Größe zu verhelfen, erkannte der Italiener hellsichtig eine Denkrichtung, die sich weiterführen ließ bis zum Nationalsozialismus. Für ihn war dieser Mann als einstiger Herrscher ein einmaliger Fehlgriff, der – zum Teil unbeabsichtigt – die Weichen für das Unheil stellte.

Jeder, der sich ihm nähert, muss an den Großen Krieg denken, an die Leiden, die Zerstörungen, die Schmerzen und die Ruinen, die dieser Mann hätte verhindern können und die dieser, auch wenn wir ihm nicht die gesamte Schuld anlasten möchten, nicht verhindern wollte. Er hingegen wirkt ausgesprochen zufrieden mit sich selbst, mit seinem Leben, er erscheint einem oberflächlich, sich seines eigenen Genius sicher zu sein, seiner eigenen Unfehlbarkeit. Man empfindet dabei nichts als Ekel.

Die Aufzeichnungen über die Begegnung mit Wilhelm II. in Doorn ergeben zusammen mit dem Text über Hitler in Italien in ihren wechselseitigen Bezügen eine Einheit. Als Porträts sind sie von unschlagbarem Witz. Eingeschrieben ist ihnen jedoch auch das spätere Wissen des Autors über den katastrophalen Fortgang der Dinge.

Wir finden anrührende Reflexionen über die Schwierigkeit, einen Diktator mittels Attentat auszuschalten. Er bezichtigt sich selbst der Feigheit und bescheinigt seiner eigenen Klasse der Bürger und Adeligen politische Konzeptlosigkeit und Unfähigkeit zur befreienden Tat. Bandinelli ist 1944 in die Kommunistische Partei Italiens eingetreten. Mit dieser ideologischen Ausrichtung hat er in der Nachkriegszeit sowohl der Bundesrepublik wie der DDR Besuche abgestattet. Den in diesem Band in Briefform gekleideten Berichten ist abzulesen, auf welchen deutschen Staat er seine Hoffnung richtete, die er dann allerdings – angesichts der dumpfen Verhältnisse im Arbeiter- und Bauernstaat – wieder verlor.

Dieser kluge Mann hat uns ein Buch voller Komik, Traurigkeit und Selbstzweifel hinterlassen. Aber genau diese Mischung ist es, die uns erhellende Erkenntnisse beschert.

 

Ranuccio Bianchi Bandinelli: Hitler, Mussolini und ich. Aus dem Tagebuch eines Bürgers.
Übersetzt und mit einem Vorwort versehen Elmar Kossel
Matthes & Seitz, Berlin 2013
128 Seiten, 17,90 Euro
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