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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.04.2019

Irrationaler ZeitgeistFürchtet nicht die künstliche Intelligenz, sondern die mangelnde!

Eine dystopische Fantasiereise von Florian Goldberg

Illustration eines Bootes, in dem ein Geschäftsmann mit Augenbinde die Ruderer über den Abgrund führt, ohne dass die Ruderer wissen, was auf sie zukommt. (imago/Ikon Images/Mark Airs)
Mangels Intelligenz in den Abgrund: Florian Goldberg warnt vor den Irrationalisten, die mit ihrem Irrglauben unsere Zukunft aufs Spiel setzen. (imago/Ikon Images/Mark Airs)

Impfgegner, Verschwörungstheoretiker und andere Irrationalisten haben Zulauf. Sollten sie politische Macht erlangen, droht abermals der Untergang einer Zivilisation - wie damals, als die frühen Christen die Errungenschaften der Antike zerstörten.

Als ich klein war liefen zu Ostern immer diese amerikanischen Sandalenfilme, die von sanftmütigen Märtyrern, grausamen Römern und dem einen, aufrechten Prätorianer erzählten, der sich unsterblich in eine natürlich strohblonde Christin verliebte. Am Ende passierte immer etwas Erbauliches.

Die Filme bedienten ein altes Narrativ, das man aus dem Religionsunterricht kannte: Das antike Rom, ein Hort der Götzenverehrung, des Lasters und der Gewalt, wurde von den Nachfolgern Christi mit Gottes Hilfe friedlich überwunden. Auf seinen Trümmern erstrahlte das christliche Abendland, dem man heute gern ein verschämtes "jüdisch" anhängt.

Das antike Christentum hasste Vielfalt, Philosophie und Kunst

Neuere Publikationen zeichnen ein anderes Bild. Demnach war weder die griechisch-römische Zivilisation besonders grausam, noch erstarkte die Christenheit mildtätig vor sich hin. Im Gegenteil: Für ihr dürftiges intellektuelles Angebot eben noch von gebildeten Römern belächelt, schwoll sie von einer unbedeutenden Sekte zu einer unheilvollen Massenbewegung an, die ein dezidiertes Ziel verfolgte: die alte Ordnung zerstören und sich an ihre Stelle setzen!

Vor allem religiöse Vielfalt, Wissenschaft, Philosophie und Kunst waren den Kirchenführern verhasst. Bald schliffen fanatisierte Anhänger Tempel, zerstörten Kunstwerke und mordeten pagane Priester. Gebildete Frauen wurden verteufelt, Philosophen und Dichter verfolgt, ihre Schriften verboten und verbrannt. Nichts sollte an sie erinnern!

Ein ungeheurer Reichtum an Kultur und Wissen wurde systematisch ausgemerzt. Lehranstalten und Bibliotheken verschwanden, Aquädukte versiegten, ganze Städte verfielen, da für den Erhalt der technischen Infrastruktur bald die Experten fehlten. "Für uns ist Wissbegierde keine Notwendigkeit seit Jesus Christus", rief Kirchenschriftsteller Tertullian ihnen spöttisch hinterher. Eine über tausend Jahre alte kosmopolitische Hochkultur fiel vor der Ignoranz in den Staub.

Das Abendland erstrahlte mitnichten. Es versank in Dunkelheit.

Wiederholt sich die Untergangsgeschichte einer Zivilisation?

Alles Geschichte?

Manchmal, wenn ich in den Nachrichten junge, bärtige Männer mit gen Himmel gestrecktem Zeigefinger sehe, von "Flatearthers" höre, die Wissenschaft für eine Verschwörung der Eliten und die Erde für flach halten, von Impfgegnern, die lieber Epidemien in Kauf nehmen als ihre Rechthaberei aufzuklären, von pöbelnden Maskulinisten oder esoterischen Hard-Core-Irrationalisten, von rechts- bis linksradikalen Wirrköpfen mit ihrer gewalttätigen Ablehnung der Demokratie und des Pluralismus – manchmal gehen die dystopischen Pferde mit mir durch.

Dann male ich mir aus, was geschähe, wenn heute eine Art Sammelbewegung entstünde, die all die verschiedenen anti-intellektualistischen und zivilisationsfeindlichen Ressentiments erfolgreich bündelte. Ich stelle mir vor, wie nicht künstliche, sondern mangelnde Intelligenz die Macht übernähme, um diesmal nicht nur einen Fliegenschiss, sondern endlich wieder einen richtig großen, wirklich tausendjährigen Haufen zu setzen, der all unser Wissen, unsere Technik, unsere Kunst, Kultur, Offenheit und Vielfalt unter sich begrübe.

Tausend Jahre Zerfall, Unterdrückung, Verelendung

Ich stelle mir die Verzweiflung vor und die menschlichen Katastrophen: Erst die der Künstler, Intellektuellen und irgendwie Andersartigen, die gleich über die Klinge springen müssten, dann die der übrigen Bevölkerung, wenn ihr dämmerte, was geschehen sein würde. Es folgten tausend Jahre Zerfall, Unterdrückung, Verelendung. Dann eine zaghafte Renaissance.

Schnitt. Ich spule weitere tausend Jahre vor. Ein kleiner Junge sitzt zu Ostern, das jetzt anders heißt, vor einem dieser neuartigen Bildempfangsgeräte. Er sieht einen Historienschinken, der von grausamen globalen Eliten und sanftmütigen Nationalisten handelt, die sich strohblond dem Großen Austausch entgegenstemmen.

Zeit heilt keine Wunden. Sie gibt nur den großen Legendenmachern Raum für ihre Umerzählungen.

Der Autor, Coach und philosophische Berater Florian Goldberg. (privat)Der Autor (privat)Florian Goldberg hat in Tübingen und Köln Philosophie, Germanistik und Anglistik studiert und lebt als freier Autor, Coach und philosophischer Berater für Menschen aus Wirtschaft, Politik und Medien in Berlin. Er hat Essays, Hörspiele und mehrere Bücher veröffentlicht, daneben zahlreiche politisch Feuilletons für Deutschlanfunk Kultur.

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