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Breitband | Beitrag vom 23.11.2019

InterviewAuthentizität in Zeiten der Digitalisierung

Vera Linß im Gespräch mit Tom McCarthy

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Illustration von zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, sie liegen zwischen einem lebensgroßem Smartphone. (imago/Fstop Images/Malte Müller)
Für Tom McCarthy folgen viele Botschaften im Netz der Logik der "Ideologie des Selbstbezugs". (imago/Fstop Images/Malte Müller)

Unsere Gesellschaft und ihre Wahrnehmung hat sich durch die Proliferation von Smartphones und Sozialen Netzwerken immer mehr weiter verändert. Hat das auch Auswirkungen auf die Relevanz von Authentizität?

Wie wichtig ist Authentizität? Wie wird ihre Wahrnehmung durch fortschreitende Digitalisierung beeinflusst? Um diese Fragen dreht sich das Festival "Authentizität und Feedback" im "Espace Diaphanes" in Berlin. An vier Tagen wird dort versucht, mit Performances, Gesprächen und einer Ausstellung dem Thema nahezukommen. 

Eröffnet wurde das Festival von dem britischen Schriftsteller und Künstler Tom McCarthy. Vera Linß war vor Ort, um mit ihm über Authentizität zu sprechen.

Linß: Authentizität und Kybernetik, das scheint nicht zusammen zu passen. Oder doch?

McCarthy: Nein, sie sind das Gegenteil voneinander. Kybernetik, jedes System, das ein Feedback-Loop in sich hat, ist eine automatische Kritik an Authentizität. Und das finde ich gut. Authentizität muss kritisiert werden, auf jeder Ebene – immer.

Linß: Also passt es zusammen? 

McCarthy: Als Feinde, ja, als Opponenten. Aber es gibt keine Illusion von Authentizität ohne Feedback.

Linß: Aber wie beeinflusst das Prinzip des permanenten Feedbacks, das es in der Kybernetik gibt, wie beeinflusst das was Menschen machen? Gibt es da auch eine dunkle Seite?

McCarthy: Ja, ich denke die Frage wird dann zu einer Frage von Netzwerk-Architektur. Im Zuge der Enthüllungen von Edward Snowden sollten wir vielleicht über Demokratie nachdenken im Sinne einer besseren Netzwerk-Architektur. Wir brauchen Netzwerke, die gerechter konfiguriert sind. Und wir können als Bürger entscheiden, wie wir das machen wollen. Warum sollten das nur Google und die NSA können?

Linß: Also haben wir Big Data und wir haben die Auswertung von Daten. Aber wie beeinflusst das unser Erleben. Weil, man denkt ja, dass man eine individuelle Erfahrung macht, aber eigentlich stimmt das nicht. Weil Technik vermittelt das Gefühl von Individualität, aber gleichzeitig manipuliert es dich.

McCarthy: Ja, ich denke alle Erfahrung ist vermittelt. Wir sind vermittelt als Menschen. Wir sind schon Technologie. Wir sind schon Medien. Und Medien tragen das Versprechen der unvermittelten, natürlichen, puren Bedingung in sich. Aber das ist ein falsches Versprechen. Literatur hat das schon immer verstanden. Westliche Literatur fängt an bei Aischylos und der Orestie-Trilogie, mit dem Bericht eines zeichen-überquerenden Raumes. Mit einer Serie von Leuchtfeuern, die Neuigkeiten übertragen wie den Fall Trojas. Da geht es schon darum, dass man in einem technologisch vermittelten Raum ist. Ich bin sehr an einer Figur wie Don Quijote von Cervantes interessiert, der darüber phantasiert, authentisch und pur zu sein. Aber die einzige Art, wie er das erreicht, ist durch Medien, in dem er Szenen aus Romanen nachspielt. Und sich vorstellt, wenn der Roman diesen Moment beschreibt, dann könnte das so und so aussehen. Das ist eine Art Feedback-Schlaufe der endlosen Vermittlung.

Linß: Also meinen Sie damit, dass wir im digitalen Zeitalter sogar eher authentisch sein können?

McCarthy: Nein, nein. Wir können weniger authentisch sein. Aber das ist gut! Ich habe den Vortrag damit begonnen, Agamben zu zitieren, den Philosoph, der sagt: Ethik beginnt, wenn Authentizität keinen anderen Inhalt hat als das Inauthentische. Adorno sagt das auch: Die Ideologie der Authentizität ist eine reaktionäre Ideologie. Sie führt uns zum Faschismus. Ethik beginnt mit dem Verständnis, dass es nicht um mich geht. Es geht um das Netzwerk und um die anderen.

Linß: Ich dachte, dass Authentizität ein positives Wort ist. Eine positive Sache.

McCarthy: Es wird so benutzt als positive Sache von der Selbsthilfe-Industrie. Aber nein, ich betrachte das als etwas sehr sehr Negatives. Es ist vielleicht in einer Yoga-Klasse harmlos. Aber es ist dieselbe Unlogik, die auch Trump benutzt. Oder die Brexit-Befürworter. Das authentisch Britische! Die wahren Amerikaner! Das ist, wie Adorno sagt: Faschismus spricht die Sprache der Authentizität.

Linß: Aber was ist dann das Gegenteil von Authentizität? Wie würden Sie das beschreiben?

McCarthy: Das Gegenteil von Authentizität wäre eine Ethik, die auf dem Verständnis von Kreisläufen und Demontage beruht. Ich bin nicht "ich" auf irgendeine absolut eigene Art. Ich stehe immer in Verbindung zu anderen, zur Sprache, zur Geschichte von Gesellschaften, zur Kolonialgeschichte, zur technologischen Geschichte. Wir sind Netzwerk-Kreaturen.

Linß: Auf der anderen Seite sagt uns die Industrie immerzu, dass wir besonders sind, dass wir individuell sind. Dass wir unser selbst irgendwie finden. Wie bewerten Sie das?

McCarthy: Dass wir da misstrauisch sein sollten. Das ist das, was Nike uns vermittelt: Drücke deine wahre einzigartige Individualität aus. indem du unsere Turnschuhe kaufst und für dich passend machst. Aber wir sollten bedenken: Wer macht die Turnschuhe? Wie sieht es in den Fabriken aus? Was bedeutet es, etwas auszudrücken? Was drücke ich aus? Das ist eine Ideologie des Selbstbezugs, eine Art Massenwiederholung einer globalen komplexen Situation. Das sollten wir uns anschauen. Das heißt nicht: kauf keine Turnschuhe. Wir sollten in Form Strukturen denken und nicht in Formen von Authentizität und Individualität.

Linß: Sie sagen wir sollten misstrauisch sein. Was könnte die Strategie dagegen sein?

McCarthy: Wissen! Wissen, Nachdenken, Lesen. Jeder sollte Agamben lesen.

Linß: Warum? Können Sie das bitte erklären?

McCarthy: Das ist eine brillante Kritik der reaktionären Ideologien, mit denen wir ständig umgeben sind. Wir werden endlos bombardiert mit diesem Modell. Kapitalismus versucht uns in ein bestimmtes Modell des Individualismus und Selbstausdrucks zu pressen. In diesem Sinne hat die dominante neoliberale Ordnung viel gemein mit schlechter Kunst, mit schlechten Kunstschulen. Es geht nur ums erschaffen von Fabriken, die Selbste erschaffen, die authentische Momente des Ausdrucks erschaffen. Eine Reaktion dagegen in Richtung einer besseren Kunst und einer besseren Gesellschaft, wäre, diesen Motor umzudrehen. Zu zeigen, wie das Gefüge arbeitet. Das könnte auf verschiedenen Skalen und in vielen verschiedenen Kontexten passieren. Sozial, persönlich, künstlerisch und so weiter. Was ich an Denkern wie Deleuze oder Agamben liebe, ist: Sie sagen dir nicht was zu tun ist. Sie versuchen nur verschiedene Modelle zu entwickeln, um die dominanten Modelle darüber, was wir denken, was wir tun, zu dekonstruieren.

Linß: Also, wir sind nicht authentisch. Was ist dann das reale Ich?

McCarthy: Der Andere. Was am realsten ist, bin nicht ich, sondern das ist der Andere. Und die Anderen. Es ist die Beziehung. Es sind die Beziehungen, die Unendlichkeit an und von Beziehungen. Wir sind ohnehin schon Beziehungen. Und da sind nur noch mehr Beziehungen. Und das ist was real ist.

Linß: Aber ist es wichtig, dass es eine reale Beziehung ist? Weil zum Beispiel soziale Netzwerke versuchen Beziehungen vorzutäuschen. Und dann denkt man, man hat Beziehungen, aber vielleicht stimmt das gar nicht.

McCarthy: Ja, aber ich denke, da ist ein Grad von Phantasie in jeder Beziehung. Nicht zuletzt in der Beziehung zum eigenen Selbst. Die ist schon voll von Geistern und Gespenstern. Und Fiktionen.

Linß: Eine Frage noch: der Hauptfokus Ihrer künstlerischen Arbeit ist "Wiederholung, Verdopplung und Duplizierung". Wie hängt das mit unserem Thema heute zusammen?

McCarthy: Eine Kopie ist bereits eine Kritik an der Idee von Originalität. In der Kunst geht es ums Kopieren. Um die Kopie der Kopie. Mehr Kopien von mehr Kopien zu machen. Eine Vermehrung von Kopien. Einen Schwarm von Kopien. Und ich glaube das ist zentral für das, was wir als Künstler machen.

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