Kompressor 12.01.2021

Internet- und GamingsuchtDie Droge der ZukunftDaniel Illy im Gespräch mit Massimo Maio

Beitrag hören Ein Junge spielt Computerspiele an einem Tablett. (picture alliance / Jochen Tack )Besonders junge Gamer sind suchtgefährdet. (Symbolbild) (picture alliance / Jochen Tack )

Gaming kann süchtig machen. Kein Wunder, nutzen die Spiele doch Glücksspielmechanismen, um Nutzerinnen und Nutzer am Computer zu halten. Der Psychiater Daniel Illy fordert daher, solche Bindungsfaktoren bei der Altersfreigabe zu berücksichtigen.

Die Coronazeit lässt einige auf der Couch vor dem Computer versacken. Das mag nicht immer gesund sein. Für Computerspielsüchtige sei es aber eine "ganz schwierige Zeit" gewesen, sagt Daniel Illy. Schließlich fallen fast alle anderen festen Termine wie Schule oder Sporttraining für die jugendlichen Patientinnen und Patienten weg.

Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie berät computersuchtgefährdete Jugendliche und ist selbst ein Gamer. Deswegen guckt er auch alles andere als strafend auf das Daddeln. "Es gibt wirklich tolle, wunderbare Spiele. Entscheidend ist immer, was man aus den Medium macht."

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Trotzdem, verharmlosen lässt sich die Gefahr nicht, die von der Computernutzung ausgeht. Eine Studie von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung spricht in diesem Zusammenhang von der Droge der Zukunft: 30 Prozent der Jugendlichen zeigten bereits eine problematische Internetnutzung.

Nicht die Spielzeit ist entscheidend

Die Abhängigkeit liege aber eher im einstelligen Prozentbereich, meint Illy. Dabei sei die Grenze zwischen normalem Computerspielverhalten und Sucht nicht einfach zu ziehen. Die Eltern seiner jungen Patienten würden oft nur auf die Zeit schauen, die ihre Kinder vor dem Computer verbringen. Dabei sei die Spielzeit gar kein Abhängigkeitskriterium, sagt Illy.

"Wenn mir etwas Spaß bringt, verbringe ich natürlich Zeit damit. Wenn das Kind am Wochenende zehn Stunden lang einen Roman gelesen hätte, hätten die Eltern es vielleicht nicht in der Sprechstunde vorgestellt. Entscheidender ist, dass man andere Lebensbereiche nicht vernachlässigt", wie Schule, Hausaufgaben, Freundschaften oder andere Hobbys.

Weitere Symptome, die sich bei Spielsüchtigen finden: "Dass man Entzugssymptome hat, dass man Toleranz entwickelt, also immer mehr konsumieren muss, um den gleichen Effekt zu haben."

Den typischen Gamer gibt es nicht

Dabei habe die Sucht unterschiedliche Gesichter. Neben dem Gamen könne es sich genauso gut in langen Internetrecherchen, als Onlinekaufsucht, Onlineglücksspiel oder als Abhängigkeit von pornografischen Inhalten ausprägen.

Den typischen Computerspielsüchtigen und die typische Gamerin gebe es nicht, betont Illy. Es seien zwar überwiegend Jungs, die bei ihm in der Beratung landen. Einige Daten legten aber sogar nahe, dass unter den 14- bis 16-Jährigen häufiger Mädchen betroffen seien. Diese würden nur einfach nicht als suchtgefährdet auffallen.

"Die Eltern werden hellhöriger, wenn der Junge auf dem Bildschirm Kopfschüsse verteilt. Und das Mädchen, das in der Ecke sitzt und mit den Freunden chattet, das fällt vielleicht gar nicht so auf, auch wenn es das vielleicht am Tag fünf, sechs Stunden tut."

Welche Apps und welche Games nun besonders abhängig machen würden, könne man nicht sagen, betont Illy. Schließlich reagiere jeder Mensch anders.

Glücksspielmechanismen halten am Bildschirm

Viele seiner Patienten würden aber vor allem Multiplayer-Spiele nutzen, bei denen man gemeinsam mit anderen Menschen spielt. Außerdem gebe es spieleigene Faktoren, die den Nutzer länger vor dem Bildschirm halten, wie Levelaufstiege oder wie Loot-Boxen. Darunter versteht man viertuelle, im Spiel platzierte Behälter, die eine zufällige Sammlung bestimmter Gegenstände wie etwa Waffen enthalten und gegen virtuelle oder echte Währung gekauft werden können.

Letztendlich greifen also Glücksspielmechanismen, so Illy. Dies berücksichtige die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) bei der Altersfreigabe der Spiele bisher aber nicht.

Stattdessen würden nur sexuelle Darstellungen, Gewalt und das Thema Drogenkonsum Eingang in die Entscheidung finden. "Die Bindungsfaktoren, die ein Spiel hat, die werden leider im Moment noch gar nicht berücksichtigt."

(lkn)

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