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Länderreport | Beitrag vom 30.04.2021

Intensivpflege an der CharitéTränen in den Augen und am körperlichen Limit

Nadine Hobuß im Gespräch mit André Hatting

Eine getragene FFP3-Maske (images / Manngold)
Intensivpflege zu Coronazeiten geht nur in Vollausrüstung (images / Manngold)

Nadine Hobuß ist Intensivpflegerin an der Berliner Charité. Sie sieht jeden Tag, wie Menschen an Covid-19 sterben. Wir haben mit ihr über den Alltag auf der Station gesprochen – und über ihre Meinung zu beratungsresistenten Feierwütigen.

André Hatting: Die Berliner Charité steht immer mal wieder im Fokus, weil hier die schwersten Covid-19 Fälle der Hauptstadt behandelt werden. Seit Beginn der Pandemie sind es 2.600 Patientinnen und Patienten – jeder zweite davon auf der Intensivstation. Nadine Hobuß arbeitet als Intensivpflegekraft an der Charité.

Der Tod ist natürlich ein ständiger Gast auf einer Intensivstation. Aber hat sich das durch Corona für Sie noch einmal verändert?

Nadine Hobuß: Es sind in jedem Fall mehr Todesfälle gewesen, die wir miterlebt haben. Es ist ein gewöhnlicher Gast, leider, auf der Intensivstation. Aber in dieser Vielzahl, diese vielen Schläge, das haben wir sonst nicht, nein.

Niemanden allein sterben lassen

Hatting: Dass Sie da oftmals dann auch mit Patienten alleine sind, verändert das auch Ihre Wahrnehmung oder Ihr Gefühl?

Hobuß: Ja, das ist ein ganz besonderer Moment für uns. Das treibt auch vielen alteingesessenen Intensivpflegekräften immer noch die Tränen in die Augen. Wir versuchen natürlich, niemanden allein sterben zu lassen. Und wenn Angehörige nicht kommen können, weil der Patient vielleicht akut so schlecht geworden ist, dass er akut verstirbt, dann versuchen wir, da zu sein.

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Hatting: Man muss das vielleicht noch mal vor Augen führen: In der ersten Welle vor einem Jahr sind die Intensivmediziner an der Charité innerhalb kurzer Zeit mit mehr Todesfällen konfrontiert gewesen als in einem ganzen Jahr. Jetzt haben wir die dritte Coronawelle. Haben Sie eigentlich noch genug Pflegepersonal auf Ihrer Station, um all das zu schaffen?

Hobuß: Wir haben an der Charité ein Modell, das sehr dynamisch ist. Zwar konnten wir uns natürlich auch keine Intensivpflegekräfte aus den Rippen schneiden, aber wir arbeiten in einem Tandem, einem Zweierteam zusammen mit einer examinierten Pflegefachkraft, die uns unterstützt.

Hatting: Was heißt es in der Praxis? Wie viele Patientinnen und Patienten betreuen Sie im Schnitt?

Hobuß: So ein Team, wie ich es eben beschrieben habe, betreut vier intensivpflichtige Patienten mit Beatmung, Dialysen und Bauchlagerung et cetera.

Arbeit am Computer ist die Pause

Hatting: Arbeit unter Coronabedingungen, das bedeutet Vollschutz. Eigentlich sollten Sie und ihre Kolleginnen alle 90 Minuten eine halbe Stunde Pause haben. Aber häufig fallen diese Pausen weg. Wie sehr arbeiten Sie gerade am Limit?

Hobuß: Es ist definitiv anstrengender mit diesen ganzen Schutzmaßnahmen für uns. Wir sind aber nicht die ganze Zeit direkt am Patienten. Das heißt, wir tragen nicht achteinhalb Stunden diese Schutzausrüstung. Wir tragen natürlich eine FFP2-Maske die ganze Zeit. Aber wir haben auch einen hohen Dokumentationsaufwand und den verbringen wir dann ohne Schutzkleidung am Rechner. 

Das sind so die Zeiten, wo man sich etwas erholt, auch körperlich. Das Ganze ist schon auf Kante genäht. Es ist hier sehr anstrengend für uns, ein "Living on the Edge". Reserven sind nicht mehr da. Aber wir packen es.

Hatting: Sie haben gerade gesagt, dass die Arbeit am Computer die Erholungsphase sei. Haben Sie denn die Möglichkeit, diese vorgeschriebenen Pausen zu bekommen?

Hobuß: Niemand guckt hier auf die Uhr, wenn ein Patient versorgt wird. Das kann ich Ihnen jetzt so zeitlich gar nicht genau sagen. Aber es ist ja ganz normal, dass man nach einer anstrengenden Prozedur, Transport et cetera, was ja auch durchaus mal anderthalb Stunden sind, dass man sich dann auch die Zeit nimmt, die Schutzkleidung auszuziehen und dann sich an den Rechner zu setzen.

Alle stehen unter Strom

Hatting: Sie haben gesagt, das ist anstrengend, das ist auf Kante genäht. Haben denn schon Kolleginnen oder Kollegen ihren Job hingeschmissen, weil sie es nicht mehr aushalten?

Hobuß: Ich kenne keinen, tatsächlich. Aber wir wissen alle nicht, wie es nach der Pandemie wird, wenn wir zur Ruhe kommen. Wir stehen alle unter Strom. Jeder arbeitet so viel, wie möglich ist. Ich weiß wirklich von niemandem hier, aus dem Team – oder von Bekannten aus dem Beruf – der jetzt hingeschmissen hätte.

Hatting: Die Politik will helfen. Es gibt Bonuszahlungen für die Pflege, und es gibt das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz der Bundesregierung. Fühlen Sie sich dadurch ausreichender gestützt und gewürdigt?

Hobuß: Ich denke, dass es auf dem Papier schon ganz gut aussieht. Es steht und fällt natürlich alles dann mit der Umsetzung. In der Pandemie kann man bestimmt nicht sagen, dass aktuell eine Intensivpflegekraft nur zwei Patienten betreut. Das geht einfach gerade nicht. Dann müssten wir triagieren. Das möchte keiner.

Keine Wut über Jugendliche, die Party machen

Hatting: Wir sind mitten in der dritten Welle. Inzwischen erkranken immer mehr jüngere Menschen schwer. Wenn Sie erleben, dass Jugendliche jetzt Party machen oder gegen die Coronamaßnahmen demonstrieren, was empfinden Sie dann?

Hobuß: Ich bin nicht überrascht. Gerade die jungen Leute sind schwer gebeutelt. Das ist für sie eine sehr intensive Zeit eigentlich, vom Alter her, von der Entwicklung. Und ich kann auch nur zugucken, wie wir alle. Aber ich denke nicht, dass wir das irgendwie unter Kontrolle kriegen. Wütend macht es mich nicht.

Hatting: Mich überrascht, dass Sie das nur überrascht. Dass Sie nicht sagen "Mein Gott, das ärgert mich. Wenn die wüssten, was auf meiner Station los ist! Und dann machen die Party und demonstrieren gegen die Maßnahmen."

Hobuß: Ich heiße es natürlich auch überhaupt nicht gut. Aber wir können nichts dagegen tun. Wir können nur aufklären. Sie wissen alles sicher aus unseren Medien. Es wird ja alles wissenschaftlich aufgearbeitet. Es ist einfach Beratungsresistenz, was das angeht.

Kollegen geben positive Energien

Hatting: Was tun Sie selbst, um mit sich achtsam umzugehen? Welche Strategie haben Sie, um mit dieser ganzen Belastung klarzukommen?

Hobuß: Ich ziehe ganz viel positive Energie aus meinen Kollegen, aus dem Team, der Umgang hier auf der Station. Dann haben wir auch Psychologinnen, die uns betreuen. Einfach zu wissen, dass sie da sind, tut total gut. Meine Familie natürlich. Und ich versuche viel zu schlafen, tatsächlich. Das gibt mir Kraft.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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