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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.07.2016

Intellektuelle zur politischen Krise in Frankreich"Bürgerkriegsähnliche Situation"

Von Jürgen König

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"Zu viele Künstler, nicht genug Anarchisten" - heißt es auf diesem Graffiti in Avignon. (Deutschlandradio/Jürgen König)
"Zu viele Künstler, nicht genug Anarchisten" - heißt es auf diesem Graffiti in Avignon. (Deutschlandradio/Jürgen König)

Der Anschlag von Nizza, dazu wochenlange Streiks, Krawalle, Demonstration wegen der Wirtschafts- und Sozialreformen der Regierung in Paris: Die politische Situation in Frankreich sorgt auf dem Theaterfestival von Avignon für Krisenstimmung.

Hunderte von sehr kleinen und sehr großen Theaterkompanien, 1416 Inszenierungen, gezeigt auf 116 Bühnen, täglich zwölf Stunden Programm: von 10 bis 22 Uhr. Was sich in Avignon allsommerlich abspielt, ist wahrlich ein Theaterfest: Es reicht vom deklamatorischen Ton eines Aischylos-Stücks, in dem feierlich gemahnt wird, dass "das Wort genau zu sein hat" [hier mit Frédéric Le Sacripan], bis zum ausgelassen-fröhlichen "Eingebildeten Kranken", sehr frei nach Molière gegeben von der "Compagnie Marbayassa" aus Burkina Faso.

"Man hat wenig Hoffnung"

Doch ganz so ausgelassen wie früher ist das Festival in diesem Jahr nicht - und das nicht nur wegen des Anschlags von Nizza. Nach Monaten harter politischer Kämpfe, nach wochenlangen Streiks und Krawallen und Demonstrationen gegen ein Gesetz, das den Arbeitsmarkt flexibler machen soll - und das am Ende doch von der Regierung am Parlament vorbei durchgesetzt wurde - herrscht Krisenstimmung im Land - und das macht manchen Künstlern zu schaffen. Die Autorin und Schauspielerin Cindy Féroc:

"Nach den Attentaten vom 13. November hatten wir wirklich das Gefühl, wir sind im Krieg. Das war schon hart. Und dann kamen noch diese ganzen Demonstrationen, und das war nicht mehr normal: Dass man in einem Land wie Frankreich wie verrückt gegen ein Gesetz kämpfen muss, das keiner will und das sinnlos ist. Ich finde es allerdings ziemlich normal, dass daraus so eine Stimmung wie vor einem Bürgerkrieg geworden ist. Dass es wirklich ein Bürgerkrieg wird, glaube ich nicht, aber von Hollande sind alle enttäuscht. Und das Problem ist, dass man nurmehr wenig Hoffnung hat und nicht wirklich die Kraft mehr zu kämpfen. Es ist schon schwer."

Veranstaltungsplakate in Avignon (Jürgen König)Veranstaltungsplakate in Avignon: Das Theaterfestival in der französischen Stadt zeigt 1416 Inszenierungen auf 116 Bühnen. (Jürgen König)

Der Schauspieler Camille nimmt es locker: Krisen sei Frankreich doch gewohnt. Die Schauspieler Damian, Jeremy und Felicien sind mit einer Komödie in Avignon vertreten und im übrigen: kämpferisch gesonnen. 

"Die ganze Kulturszene mobilisiert sich"

"Ich glaube, nicht Frankreich ist in einer Krise, sondern ganz Europa, siehe Brexit. In Frankreich aber, immerhin, gibt es so etwas wie eine revolutionäre Kraft, sich für die Menschenrechte starkzumachen. Nicht nur wir Theaterleute, die wir besonders betroffen sind: Die ganze Kulturszene mobilisiert sich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Geld für viel wichtiger gehalten wird als der Mensch, und das führt uns in die Katastrophe, denn der Mensch macht die Wirtschaft erst möglich. Man muss das soziale Klassengefüge überwinden. Und da können wir Kulturleute etwas tun, wir können die Kultur zum Mittel der Bildung, der Erziehung machen, für die ganze Bevölkerung."

Solche Meinungen hört man sehr oft in diesen Tagen in den Straßen von Avignon. Die Kunst wird angesehen als wichtiges Instrument gegen die Zersplitterung der französischen Gesellschaft, für welche wiederum die geplanten Wirtschaftsreformen als Hauptursache angesehen werden. Die Terrorgefahr kommt hinzu, ihr zu begegnen, gilt wiederum die Kultur als sehr wichtiges Mittel. Maurice Lévy von der Compagnie "A vous de jouer".

"Unser Publikum hier in Avignon, das sind alles Leute, die das Theater lieben, die das Leben lieben. Und das ist so schön: durch das Theater, durch die Kultur ganz allgemein, zeigen wir doch, dass wir eine menschliche Gesellschaft sind und auch eine bleiben. Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir verteidigen hier auch das Recht des freien Wortes: und das Publikum hält zu uns. Es ist da, ist lebendig, und es leistet Widerstand wie wir, nicht aggressiv, aber: um die Kultur zu verteidigen."

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