Intellektuelle verlassen Russland

„Die Zukunft des Landes ist verloren“

10:06 Minuten
Eine tote Stubenfliege liegt auf dem Rücken.
Russland werde sich Andersdenkender entledigen wie einer "Fliege, die einem in den Mund geflogen ist", so Putin - und kündigt damit implizit Staatsterror an. Viele der so Herabgewürdigten verlassen das Land. © imago / Panthermedia / Hans-Jürgen Jand
Manfred Sapper im Gespräch mit Britta Bürger · 18.03.2022
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Seit dem Angriff auf die Ukraine fliehen russische Intellektuelle ins Ausland. Der Braindrain störe Putin wenig, meint der Russlandexperte Manfred Sapper. Er sieht eine neue Ära stalinistischer Säuberungen anbrechen.
Am Freitag, dem achten Jahrestag der Annexion der Krim, gab es im Moskauer Luschniki-Stadion eine große Propagandaveranstaltung. Es war Wladimir Putins erster öffentlicher Auftritt seit dem Einmarsch in die Ukraine. Seiner Lobrede auf die sogenannte "Spezialoperation" des russischen Militärs jubelten Zehntausende zu.
„Das war eine Mobilisierungsrede, um die Reihen zu schließen“, sagt Manfred Sapper, Chefredakteur der Zeitschrift Osteuropa. „Diese Reden sind in der Regel Zeichen von Schwäche und nicht von Stärke. Die Rede zeigt, unter was für einem Druck Russland durch die militärische Fehlkalkulation, durch die politischen Probleme und vor allen Dingen durch die Wucht der Sanktionen und der davon ausgelösten ökonomischen Probleme jetzt steht.“

Ein neuer Terror kündigt sich an

Für Sapper ist allerdings eine Rede, die Putin nur zwei Tage zuvor gehalten hatte, noch aufschlussreicher. In dieser sprach er davon, dass das russische Volk in der Lage sei, „das Gesindel und die Verräter zu erkennen und sie auszuspucken, wie man eine Fliege ausspuckt, die einem in den Mund geflogen ist“. Putin zeigte sich sicher, dass eine „echte und notwendige Selbstreinigung der Gesellschaft unser Land nur stärken wird“.
„Diese Rede war eine stalinistische Rede“, sagt Sapper. „In dieser Terminologie steckt im Prinzip der Beginn eines neuen großen Terrors. Es ist der Aufruf, die liberalen Kräfte oder aber die, die ein Gewissen haben und gegen den Krieg auftreten, zu verfolgen, auszumerzen, so wie es in der Sowjetunion und insbesondere im Stalinismus war.“

Seit Kriegsbeginn 200.000 Intellektuelle weniger

Neben dem Krieg gegen die Ukraine finde momentan in Russland auch ein Krieg gegen die eigene Gesellschaft statt, der mit „mit aller Brutalität“ geführt und immer radikaler werde, so Sapper. Seit Beginn der Invasion hätten etwa 200.000 gut ausgebildete Menschen das Land verlassen, was angesichts des Umstandes, „dass es praktisch nicht mehr möglich ist, aus Russland herauszukommen, sehr viel ist“. Flug- und Zugverbindungen zwischen Westeuropa und Russland seien eingestellt, sodass viele Menschen in der Falle säßen.
„Die Zukunft des Landes ist verloren“, resümiert Sapper, „weil sich die Träger von Modernisierung, von technischer Innovation, von Diversifizierung der Volkswirtschaft, Leute aus dem IT-Bereich, Leute aus der kreativen Wirtschaft, Leute aus Kunst und Kultur, maßgeblich nach Europa, aber auch nach Amerika und Übersee absetzen“.

Den Machthabern ist der Braindrain egal

Der momentan in Russland herrschenden Elite sei dieser Braindrain jedoch „völlig egal“, diese Elite halte „überhaupt nichts“ von Intellektuellen. „Es ist eine Form des Autismus. Es ist eine Form des Zynismus.“ Im heutigen Russland gebe es keine Intellektuellen mehr, die dem Putinschen Regime zur Seite ständen: "Die wirklich Intelligenten Leute verlassen das sinkende Schiff, und das ist eine Katastrophe für dieses Land. Die einzigen, die momentan bleiben, sind ältere Intellektuelle, die sagen, für sie ist es zu spät, zu gehen. Für diese ist es einfach eine Tragödie.“

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