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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.06.2020

Integration in CoronazeitenVirtuelle Klassenzimmer für Flüchtlinge

Von Anja Nehls

Teilnehmer des Integrationskurses für Zuwanderer beim Bundesamt für Migration (BAMF) arbeiten mit ihren Unterrichtsmaterialien. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)
Um die Unterbrechung der Präsenzkurse für Migranten zu überbrücken, sind digitale Lösungen gefragt. (picture alliance / dpa / Sven Hoppe)

So schnell wie möglich Deutsch lernen: Weil Integrations- und Sprachkurse wegen Corona gestoppt werden mussten, ist das zurzeit nicht einfach. Manche Bildungsträger haben schnell umorganisiert, auch das BAMF hat nun ein digitales Programm gestartet.

"Jonas, wollen wir am Wochenende mal wieder etwas zusammen unternehmen? – Ja gern, hast du eine Idee? – Noch nicht. Aber wir können ja mal im Internet nachschauen."

Auf einem Smartphone unterhalten sich zwei bunte Comicfiguren - im Online-Tutorium der Volkshochschulen für Deutsch als Fremdsprache. Nach dem Dialog geht es für die Benutzer darum, Fragen zu beantworten.

"Und dann, was ist richtig, hören Sie und wählen Sie aus. Und dann drückt man hier: Das wollen Simon und Jonas machen. Und die Antwortmöglichkeit ist: Sie wollen auf einem Tablet einen Film anschauen oder sie wollen etwas unternehmen", erklärt Nadine Al-Khafagi von der GIZ.

Kursangebote sofort umorganisiert

Die Gesellschaft für interkulturelles Zusammenleben bietet als Bildungsträger Integrations- und Sprachkurse für Migranten in Berlin-Spandau an. Vieles findet für die Kursteilnehmer jetzt online statt, zum Beispiel mithilfe des Portals der Volkshochschulen.

Als die Präsenzkurse der GIZ wegen Corona gestoppt werden mussten, hat man hier sofort reagiert, sagt Anar Imanov, der das Kursangebot koordiniert:

"Wir sind am letzten Tag, das war ein Montag, 16. März, in alle Kurse reingegangen, dort die Teilnehmer dazu gebracht, dass sie Telegram installieren, damit wir direkten Kontakt zu ihnen haben. Und so haben wir da die Lerngruppen in Telegram eingerichtet. So konnten wir natürlich direkt mit der Gruppe kommunizieren."

Coronavirus-NewsletterTelegram funktioniert so ähnlich wie WhatsApp. Ein Smartphone besitzen die meisten Migranten. Einige fühlten sich von der Technik überfordert, anderen gefiel das Angebot sogar besonders gut, weil sie zum Beispiel Kinder betreuen müssen.

Knapp 70 Prozent haben sich von Anfang an auf das Online-Experiment eingelassen, erklärt Kursleiterin Mary Matta: "Wir haben Gruppen erstellt, jeden Morgen haben wir ihnen so eine Aufgabe geschickt und sie haben uns die Lösungen am Ende des Tages gesendet. Wir haben dann kommentiert und Feedback gegeben."

So schnell wie möglich Deutsch lernen

Für Metaz Kahlaf, der mit seiner Familie aus Syrien nach Berlin gekommen ist, war das wichtig. Weil er demnächst eine Ausbildung als Busfahrer beginnen will, möchte er so schnell wie möglich Deutsch lernen.

"Ich lerne Deutsch seit sieben Monaten, jeden Tag, jeden Tag", sagt er. "Ich will Briefe schreiben, hören, lesen, gut schreiben. Jetzt muss ich das B1 Zertifikat machen und dann sofort eine neue Ausbildung machen."

So gut wie möglich möchte er sich hier in Deutschland integrieren – dafür sei die Sprache das wichtigste und seine Kinder darin schon besser. Er lächelt.
"Ich habe sechs Kinder", erzählt er. "Meine Kinder gehen alle zur Schule, meine Kinder haben gute Zeugnisse, 1,9, 2,0, 1,5! Alle machen Hausaufgaben, ich lerne auch von meinen Kindern."

BAMF startet digitales Programm

Und jeden Abend mit Hilfe des Smartphones. Nicht überall konnte so effizient weitergearbeitet werden wie bei der GIZ. Nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mussten eine Viertel Millionen Zuwanderer bundesweit ihre Integrationskurse unterbrechen.

Deshalb hat nun auch das BAMF ein Programm gestartet, mit dem die Zeit der Kursunterbrechung digital überbrückt werden kann, sagt Felix Hartmann vom BAMF.

"Durch die Unterbrechung der Kurse besteht die Gefahr, dass die Teilnehmenden, das was sie bereits gelernt haben, vergessen und verlernen", erklärt er. "Und ab dem Moment, wo die Kurse wieder beginnen, mit einem deutlich niedrigeren Lernstand wieder anfangen müssten - und da soll das Online-Tutorium helfen."

40 Millionen Euro hat das Bamf für Online-Angebote und virtuelle Klassenzimmer zur Verfügung gestellt - auch um die fest angestellten Lehrkräfte und die Honorarkräfte der Kursträger weiter zu beschäftigen. Gefördert wird der digitale Sprachunterricht von Ausnahmen abgesehen, aber nur, wenn das spezielle Lernportal der Volkshochschulen benutzt wird.

Spezielles Lernportal der Volkshochschulen

Knapp 5000 Lerngruppen bundesweit nutzen es bereits, auch einige im Berliner GIZ. Das Lernangebot sei zwar gut, aber für viele Lernenden sei allein die Registrierung ganz schön kompliziert, meint Mary Matta. "Und da haben wir das mit ihnen Schritt für Schritt gemacht, bei jedem Teilnehmer hat das so ungefähr 30 Minuten gedauert", erzählt sie.

Gebraucht werde für ganz unterschiedliche Zielgruppen, von Analphabeten bis zu Uniabsolventen, ein jeweils passendes digitales Sprachlernprogramm, sagt Britta Marschke von der GIZ. Sie wünscht sich deshalb, dass auch andere Online-Angebote, wie zum Beispiel barrierefreie Links zu speziell erstellten Youtube-Videos, finanziell gefördert werden.

"Die sowohl den Teilnehmenden helfen, ihre Deutschkenntnisse zu erhalten und auch auszubauen und auch das Gefühl zu haben, dass sie in der Gesellschaft mit integriert sind, dass wir sie nicht vergessen, bloß weil wir Corona haben", sagt sie. "Und das andere, dass wir als Träger die Möglichkeit haben, unserer Angestellten, unserer Mitarbeiter auch weiter zu entlohnen, ohne in Existenzängste zu kommen."

Über eine Unterstützung der Teilnehmer, denen die entsprechende Technik fehlt, wird beim BAMF derzeit nachgedacht. Für virtuelle Klassenzimmer reiche das Smartphone oft nicht und auch beim Online-Tutorium der Volkshochschule wird es manchmal schwierig, meint Nadine Al Khafagi.

"Viele haben keinen Laptop", sagt sie, "einen Computer schon gar nicht. Das ist ja auch gar nicht mehr so gang und gäbe, allerhöchstens ein iPad oder so ein Tablet, aber das allermeiste ist ein iPhone. Wir arbeiten auch mit vielen Teilnehmern, die älter sind, die haben jetzt auch nicht die neuesten Techniken."

Außerdem haben Menschen, die noch in Unterkünften leben, meist nur begrenzt Zugang zum WLAN. Aber die meisten seien aufgeschlossen und interessiert, meint Kursleiterin Tugba Bektas.

"Wir haben auch ältere Frauen, die sind tipptopp mit ihrem Smartphone. Klar, die ersten Hemmungen sind immer da, das kennt man nicht. Aber die wissen, wie man chattet, die wissen, wie man Sprachnachrichten schickt, die können Videos öffnen, die können Links öffnen. Also die haben da schon eine Kompetenz, die müssten nur mehr gefördert werden. Also müsste man vielleicht einfach im Präsenzunterricht sowas einführen."

Möglichst schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht

Denn grundsätzlich wünscht man sich eine möglichst schnelle Rückkehr zum bewährten Präsenzunterreicht im Klassenzimmer, sagt Felix Hartmann vom BAMF.

"Präsenzunterricht ist deutlich effizienter", erklärt er. "Darüber hinaus wäre es natürlich wünschenswert, wenn digitale Lernmöglichkeiten auch in Zukunft verstärkt genutzt würden."

Aber eben nur als Ergänzung zum Unterricht im Klassenzimmer, betont Kursleiterin Tugba Bektas: "Also besonders bei denen, die schneller lernen. Da kann man es super als zusätzliche Übung mitanbieten. Die haben auch Spaß daran, weil es etwas anderes ist, also sie sehen, ich bin auch fähig, Programme zu nutzen, also definitiv kann man es als zusätzliche Übung sehen und als zusätzlich erlernte Fähigkeit."

Das sieht Metaz Kahalf aus Syrien ähnlich, wünscht sich aber dennoch möglichst schnell wieder regelmäßigen Sprachunterricht in der Gruppe mit einer leibhaftigen Lehrerin: "In der Schule ist es sehr, sehr gut. Ich verstehe, meine Lehrerin erklärt immer: Was ist das, was passiert, was ist los. Das ist gut für mich."

Seit einer Woche finden im GIZ nun wieder die ersten Präsenzkurse statt. Mit Abstand, unter Corona-Bedingungen.

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