Institut für Digitaldramatik

    Pionierarbeit in Mannheim

    09:35 Minuten
    Große Transparente hängen an der Fassade des Nationaltheater am Goetheplatz in Mannheim.
    Am Nationaltheater Mannheim nimmt das neu gegründete Institut für Digitaldramatik seine Arbeit auf. © picture alliance / dpa / Uwe Anspach
    Lena Wontorra und Sascha Hargesheimer im Gespräch mit Janis El-Bira · 09.10.2021
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    Wie schreibt man Texte extra für den digitalen Raum, ist dieser doch weit mehr als Bühne, Licht, Ton und Video? Dieser Frage widmet sich nun das neu gegründete "Institut für Digitaldramatik" in Mannheim. Die ersten Stipendien sind vergeben.
    Die beiden langen Corona-Lockdowns haben den Theatern nicht nur Schlechtes gebracht. Vor Live-Publikum spielen konnte man zwar bekanntlich nicht, aber dafür wurde auf allen Kanälen, vor allem den digitalen, munter experimentiert. Mitunter entstanden sogar ganz neue Stücke, eigens geschrieben für den digitalen Raum.
    Das soll nicht verschwinden, fand man auch am Nationaltheater Mannheim und gründete dort kurzerhand ein "Institut für Digitaldramatik" – unterstützt unter anderem durch Geld vom Social-Media-Riesen TikTok. In dieser Woche nun sind die ersten Stipendiat:innen dieses neuen Instituts vorgestellt worden, das von den Mannheimer Dramaturg:innen Lena Wontorra und Sascha Hargesheimer künstlerisch geleitet wird.

    Neue Formen von Autor:innenschaft

    Lena Wontorra haben die digitalen Experimente während der Lockdowns vor allem gezeigt, dass sie die "Barrieren, die Stadt- und Staatstheater produzieren", hinter sich lassen können, sie also zum Beispiel Menschen erreichen, die vom Theater sonst nicht erreicht werden. Darin liege der "großer Anreiz" des Digitalen, sagt sie. Aber damit sei auch die Frage aufgetreten, "was eigentlich mit dem Schreiben passiert", wenn es explizit für den digitalen Raum entsteht.
    Entsprechend ist es gar nicht so einfach, den Begriff "Digitaldramatik" auf einen Nenner zu bringen, wie Sascha Hargesheimer beschreibt: "Wir verstehen unter Digitaldramatik das ganze Ausgangsmaterial, das für digitale oder hybride Theaterformate entsteht. Das ist erst einmal eine ziemlich große Klammer, weil die Umsetzungsmöglichkeiten ja auch so wahnsinnig unterschiedlich sind. Es gibt jetzt nicht den einen Grundraum mit, ich sage mal, Licht und Ton und Video, sondern da gibt's ganz viele Möglichkeiten – und auch die Formen von Autor:innenschaft sind ganz andere."

    Raus aus der Bubble

    Ein erstes Projekt soll etwa ein Chatbot sein, der im Rahmen eines Festivals in Salzburg vorgestellt wird. Hier lägen die Fragen nach der Autorschaft auf der Hand, sagt Hargesheimer:
    "Was ist denn überhaupt das Werk, also wenn ich so einen Bot habe? Ist das dann die Summe der Antworten? Ist das der geschriebene Code? Oder was bedeutet es zum Beispiel, wenn eine Autorin eine Künstliche Intelligenz trainiert? Es gibt auf jeden Fall eine große Verselbständigung des Werkes. Und das ist dann etwas, was auch zum Thema Interaktivität beiträgt."
    Auch im Digitalen gehe es um das gemeinsame Erlebnis, eine geteilte Erfahrung auch jenseits der Grenzen der eigenen Theater-Bubble.

    Sponsor TikTok

    Dass das Institut aus einem Fonds des in Sachen Datenschutz und Fake News nicht eben unumstrittenen TikTok-Konzerns mitfinanziert wurde, ist eine Ambivalenz, der sich Wontorra und Hargesheimer bewusst sind.
    "Wir haben auch vorher auf Social Media gespielt, auch ohne dass wir dafür Geld bekommen haben – aus dem Wunsch heraus: Wir sind ein Theater, wir haben den Auftrag, zu spielen. Wir haben den Auftrag, einen möglichst großen Teil von Gesellschaft zu erreichen", sagt Sascha Hargesheimer. Dafür müsse man auch mal in Bereiche vorstoßen, wo es "nicht nur immer unproblematisch oder auch bequem" sei.
    Die ausgewählten Stipendiat:innen des ersten Jahrgangs am Institut für Digitaldramatik sind Jchj V. Dussel, FEELINGS (Jil Dreyer & Josef Mehling), Seda Keskinkılıç-Brück, Ralph Tharayil, Wilke Weermann, Niels Wehr, Lars Werner und Zelal Yeşilyurt.
    Sie erhalten Stipendien in Höhe von 5000 Euro pro Person und werden durch Workshops mit Expert:innen in ihrer Arbeit gefördert. Erste Ergebnisse sollen im Januar vorgestellt werden.
    (jeb)
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