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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.07.2014

Ingeborg-Bachmann-PreisLiteraturkritik in 140 Zeichen

Der Wettbewerb von Klagenfurt und das Internet

Von Christian Möller

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Twitter (dpa / picture alliance / Ole Spata)
Vom heimischen Sofa aus kommentieren viele Twitter-Nutzer das Geschehen beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt. (dpa / picture alliance / Ole Spata)

In Klagenfurt konkurrieren Autoren ab heute um den Ingeborg-Bachmann-Preis. Aufmerksamkeit bekommt der Wettbewerb nicht bloß vom klassischen Feuilleton - sondern auch auf Twitter. Entsteht hier eine neue Form der Literaturkritik?

4. Juli 2013. Auf der Bühne des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs sitzt die Autorin Verena Güntner und liest einen Auszug aus ihrem Roman "Es bringen".

"Aus welchem Leberfleck ein Haar raussteht. Bis wo genau Richtung Arsch die Schamhaare wachsen..."

Es ist nicht das erste Mal an diesem Tag, dass Schamhaare in einem Text vorkommen. Genau genommen sogar schon das dritte Mal. Die Fans auf Twitter registrieren das sofort.

"Die haben sich doch abgesprochen! Schamhaarjahr 2013!"

"Schon wieder Schamhaare! Juhuuu!"

"Aufgrund der heurigen Schamhaar-Dichte konnte Gilette als neuer Sponsor gewonnen werden."

"In der Gegenwartsliteratur gibt's noch die Schamhaare, die überall sonst seit zwanzig Jahren rasiert werden."

Mit solchen Kommentaren vom heimischen Sofa ist beim Bachmannpreis seit einigen Jahren zu rechnen. Die Literaturinteressierten im Internet haben die Veranstaltung in Klagenfurt für sich entdeckt. Und kommentieren die Fernsehübertrag live im sozialen Netz.

Auch die Jury muss sich jetzt der öffentlichen Diskussion stellen

"Weil diese Möglichkeit oder zumindest dieses Phantasma, in etwas live und aktuell einzugreifen, recht reizvoll ist", erklärt Christian Ankowitsch. Der Autor und Kulturjournalist moderiert den Wettbewerb seit 2013. Auch er selbst ist auf Twitter aktiv.

"Man hat jetzt so quasi eine Ritze gefunden in dem festen Gefüge der klassischen Medien, die einen Jahrzehnte lang nur bestrahlt haben. Durch diese Ritze ruft man diesem großen Apparat hin und wieder Botschaften zu. Und zur großen Überraschung und zur großen Freude vieler Twitterer werden die auch aufgenommen."

Eine davon ist die Autorin Cornelia Travnicek. Die 27-Jährige hat 2012 selbst in Klagenfurt gelesen und den Publikumspreis gewonnen. Aber auch unabhängig von einer Teilnahme twittert sie jedes Jahr mit. Am wichtigsten ist ihr dabei das Gemeinschaftsgefühl, das unter den Twitterern entsteht, ob die sich nun direkt von Klagenfurt aus melden oder von zuhause.

"Man schreibt ja nicht nur Dinge, die sich direkt auf den Wettbewerb beziehen, sondern man erfährt auch manchmal einige persönliche Rundum-Informationen, zum Beispiel, wo die jetzt sind, mit wem die jetzt sind, wie sie diesen Wettbewerb erleben, also zum Beispiel bei einem Brunch oder dergleichen. Es entsteht dann eine große Gemeinschaft."

Und die kommentiert neben den Texten und der Performance der Autoren auch die Diskussionen der Jury.

"Also nicht nur die Wettbewerbsteilnehmenden, sondern auch die Jury muss sich da der Diskussion der Öffentlichkeit stellen. Da gibt's genau so harte Kritik wie die Jury auch manchmal an den Lesenden übt."

Das Feuilleton verliert die Interpretationshoheit

Kritik der Kritiker also. Etabliert sich hier gar eine neue Form der Literaturkritik? Der Literaturwissenschaftler Stephan Porombka, Professor für Texttheorie an der Universität der Künste in Berlin, rät auf jeden Fall dazu, die neu hinzugekommenen Stimmen nicht abzutun.

"Es ist nicht die Form von Literaturkritik, die das Feuilleton ablösen wird. Aber wir müssen uns klar darüber sein, dass wir es ganz konkret zu tun haben mit neuen Formen von Öffentlichkeiten, wo wir nicht mehr sagen können, dass das alte Feuilleton die Interpretationshoheit und die Wertungshoheit hat über das, was Literatur ist. Sondern diese Form der Wertung und der Auseinandersetzung auch in vielen anderen kleinen Öffentlichkeiten stattfindet. Und Twitter gehört dazu."

Und dürfte auch dazu beigetragen haben, den Wettbewerb in dieser Form zu erhalten. Als im vergangenen Jahr im Raum stand, der ORF werde aus Kostengründen aus dem Bachmannpreis aussteigen, regte sich vor allem auf Twitter der Protest der Fans, der vermutlich auch von den Verantwortlichen registriert wurde. Keine Konkurrenz also zwischen Literatur und Netz, sondern einträgliche Zusammenarbeit, findet Moderator Christian Ankowitsch.

"Diese ganze Twitter-und Onlineaktivität um den Bachmannpreis bestätigt die klassisch-konservative These, dass Inhalte offensichtlich doch zählen. Und dass man es als Institution, die so etwas haben will, zulassen sollte, das außenrum in einer offenen Art und Weise so etwas entsteht, ohne es vereinnahmen zu wollen. Und da ist Bachmann und Klagenfurt ein wunderbares Beispiel."

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