Trigger-Warnungen an Theatern

Mit Rücksicht auf das Publikum

10:00 Minuten
Auf einer Theaterbühne wird ein Kreis in der Mitte mit einem Spotlight bestrahlt.
Achtung! Hier könnte gleich etwas Verstörendes passieren. © imago-images / Panther Media / Fares Al Husseni
Hannes Oppermann im Gespräch mit Janis El-Bira · 07.05.2022
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Immer mehr Theater weisen vor Aufführungen darauf hin, wenn potenziell Verstörendes gezeigt wird. Das sei ein Zeichen einer positiven Sensibilisierung, sagt der Dramaturg Hannes Oppermann. Der Theatergenuss müsse dadurch nicht getrübt werden.
Heutzutage wird im Vorfeld von Theateraufführungen sehr oft vor Sex- und Gewaltdarstellungen, rassistischer Sprache oder auch intensiven Geräuschen und Lichteffekten gewarnt. Mit diesen Triggerwarnungen oder Inhaltshinweisen soll das Publikum auf sensible Inhalte oder verstörende und beunruhigende Szenen vorbereitet werden.

Das Publikum will wissen, was auf es zukommt

Man bediene mit solchen Inhaltshinweisen den Anspruch des Publikums, möglichst umfassende Informationen zur Inszenierung zu bekommen, sagt Hannes Oppermann, Dramaturg am Schauspiel Hannover. Dieser Service werde vom Publikum geschätzt, weil es sich als Gegenüber ernst genommen fühle. Dazu gehörten auch Audioeinführungen oder Vorabinterviews, damit man besser einschätzen könne, ob man sich für das Stück interessiert.
"Ich habe den Eindruck, dass diese Hinweise den Aufführungsbesuch erleichtern. Nur noch wenige Menschen wollen sich vollkommen überraschen lassen."

Unangenehme Erfahrungen können dazugehören

Wenn man Menschen in den Fokus nehme, die von struktureller Diskriminierung oder Rassismus betroffen seien oder außerhalb von bestimmten gesellschaftlichen Normierungen lebten, könne man gut die Themen oder Eigenschaften einer Inszenierung daraufhin untersuchen, ob ein solcher Hinweis notwendig sei, sagt Oppermann. Explizite Warnungen lehnt er aber ab, ebenso wie den inflationären Gebrauch solcher Hinweise.

Viele Menschen, die sich über diese Hinweise beschweren, haben meistens selbst keine ausgrenzenden Erfahrungen gemacht, haben wahrscheinlich das Privileg, nicht mit psychischen Erkrankungen oder Rassismus oder Queerfeindlichkeit konfrontiert worden zu sein.

Dramaturg Hannes Oppermann

Er selbst habe als Theaterbesucher sogar intensivere Erlebnisse gehabt, wenn er sich habe vorbereiten können. "Die Hinweise verhindern ja keine unangenehmen Erfahrungen, so spezifisch oder individuell können sie gar nicht formuliert werden. Deswegen gehen die Schreckmomente auch nicht weg. Sie werden aber anders verarbeitet und bleiben vielleicht sogar nachhaltiger hängen", sagt Oppermann.
Natürlich sei nicht jedes unangenehme Erlebnis eines Menschen ein Trauma, vor dessen potenzieller "Triggerung" bei einem Theaterbesuch gewarnt werden müsse. "Außerdem können unangenehme Erfahrungen auch bei einem Theatergenuss dazugehören. Die vermehrte Anwendung der Inhaltshinweise spricht aber dafür, dass wir uns beispielsweise mehr mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen als früher. Das ist für mich eine positive Deutung."
(rja)

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