Individuen aller Länder entschuldet euch!

Vorgestellt von Michael Böhm |
Leben wir in einem neuen Mittelalter, von einer Religion zu Schuldnern gemacht, unfähig unsere Schulden zu begleichen? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf nach der Lektüre von Maurizio Lazzaratos Essay auf. Er kommt zu dem Fazit: Das soziale Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern sei das Herz der westlichen Gesellschaft.
Leben wir in einem neuen Mittelalter, von einer Religion zu Schuldnern gemacht, unfähig unsere Schulden zu begleichen? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf nach der Lektüre von Maurizio Lazzaratos Buch: La fabrique de l'homme endetté, zu deutsch: "Die Fabrik des verschuldeten Menschen". Das soziale Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern, so der italienische Philosoph darin, sei das Herz der modernen westlichen Gesellschaft; weil es heute keinen Unterschied mehr mache, zwischen Arbeitern und Arbeitslosen, Produzenten und Konsumenten, Rentnern und Beziehern von Sozialleistungen – alle seien sie "Schuldner": schuldig und verantwortlich gegenüber dem Kapital, das sich als großer, universaler Gläubiger manifestiere. Dem kann wohl niemand widersprechen, angesichts der zahllosen öffentlichen Haushalte, die sich verschulden, der Familien, die ihren Konsum mit Krediten finanzieren, der Firmen, die damit ihre Investitionen tätigen.

Doch ist das Buch keinesfalls nur eine Streitschrift gegen die neoliberale Politik, die nach ihm die Budgets der Sozialstaaten reduziere, wirtschaftliche Risiken auf die Individuen verlagere – und so global eine Schuldenökonomie betreibe, weil man Geld in Schulden transformieren könne und Schulden in Besitz.

Geschult an Marx, Nietzsche und Foucault, entwickelt Lazzarato eine Genealogie des verschuldeten Menschen, fragt nach den Ursprüngen von Schulden und ihrer Funktion: Entgegen der Meinung von Anthropologen, wonach Menschen symbolisch Geschenke austauschen und damit Vertrauen und Gesellschaft schaffen würden; anders auch als die liberale Theorie, nach der sie der ökonomische Austausch – etwa der Handel – sozialisiere, ist für Lazzarato der gesellschaftliche Kitt das, was schon Nietzsche als "älteste" Form ansah, das "Raubtier Mensch" zu zähmen: die Macht, die ein Gläubiger über seinen Schuldner besitzt. Der Homo debitor sei daher die neue Form des homo economicus und es liege in der Natur des heutigen Systems, aus jedem Individuum ein verschuldetes Wirtschaftssubjekt zu machen – damit man es beherrschen und sozialer Kontrolle unterziehen könne:

"Es gibt kein Recht auf Wohnraum mehr, aber einen Immobilienkredit; nicht mehr das Recht auf Bildung, aber – vor allem im angelsächsischen Modell – geborgtes Geld, um sein Studium zu finanzieren."

Für Lazzarato untergräbt das die souveräne demokratische Macht, weil soziale Rechte zu sozialen Schulden privatisiert würden und eine Atmosphäre der Schuld, des Misstrauens und der Spionage entstehe: zu sehen an Sozialhilfeempfängern, die ihre Kontoauszüge vorlegen müssten; zu sehen auch am griechischen Staat, dessen Souveränität bedroht sei.

Die tiefere Ursache für das moderne Schuldenregime entdeckt Lazzarato in der christlichen Moral. Er variiert damit die gängige These, wonach die Fortschrittsidee der modernen Gesellschaft im Jenseitsglauben des Christentums angelegt sei. Gott habe sich selbst für die Schuld des Menschen geopfert und es ihm dadurch unmöglich gemacht, sie auf Erden zu begleichen – die Schulden würden daher ewig existieren und der homo debitor sei der Sisyphos unserer Zeit:

"Während die verinnerlichte Schuld des Christentums noch eine transzendentale Natur besitzt, hat sie im Kapitalismus eine immanente Existenz. Das Unendliche, das das Christentum in die Religion einführt, erfindet der Kapitalismus wieder in der Ökonomie."

Der "große Gläubiger" oder der "neoliberale Block", von dem bei Lazzarato als Motor des modernen Verschuldungskreislaufes immer wieder dunkel die Rede ist, erscheint so als säkularisierte christliche Rationalität – und das weltweit zirkulierende Kapital tatsächlich als eine Art Zivilreligion, die in verschuldeten Menschen weltweit ihre Schuldigen findet.

Es verwundert nicht, dass Lazzarato in den Versuchen von IWF und europäischer Zentralbank nur vergebliche Akte sieht, das Schuldendilemma zu beenden. Vielmehr bedürfe es einer neuen Moral, einer neuen Unschuld, um sich der Schulden zu entledigen: "Annullieren", fordert er deshalb, "nicht einen Pfennig zurückzahlen!" Was dies für wirtschaftliche, rechtliche und moralische Konsequenzen haben könnte, darüber schweigt sich Lazzarato allerdings aus. Das ist zweifellos ein Manko seines Essays. Doch ist dieser ansonsten ein brillanter und inspirierender Kommentar zur aktuellen Schuldenkrise und sollte ins Deutsche übersetzt werden.


Maurizio Lazzarato: La fabrique de l'homme endetté
Essai sur la condition néolibérale. Éditions Amsterdam.