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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 13.12.2019

Indische Autorinnen verschaffen sich GehörSchweigen gilt nicht!

Von Margarete Blümel

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Demonstrierende Frauen in traditionellen Saris im Hungerstreik, nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer Tierärztin in Hyderabad. (picture alliance / NurPhoto / Mayank Makhija)
Nach der Vergewaltigung und dem Mord an einer Tierärztin in Hyderabad haben Inderinnen im Dezember mit Hungerstreik demonstriert. (picture alliance / NurPhoto / Mayank Makhija)

In Indien ist es schlecht um die Rechte der Frauen bestellt. Doch indische Frauen bringen ihre Verbitterung über Unterdrückung und Ungerechtigkeit inzwischen zu Papier − und ein Verlag hat sich sogar auf Frauenrechte spezialisiert.

"Grundlegende Veränderungen sind hierzulande sehr schwierig. Darüber vergessen wir aber leicht, dass es durchaus Fortschritte gibt."

Urvashi Butalia ist 67 Jahre alt und die Chefin des feministischen Verlagshauses "Zubaan" in Delhi. Was feministische Literatur und die indische Frauenbewegung angeht, so laufen bei ihr seit mehr als dreißig Jahren die Fäden zusammen.

"Hier bei 'Zubaan' versuchen wir, einen soliden feministischen Wissensfundus zu erstellen, um effektiv für die Rechte indischer Frauen kämpfen zu können. Wir wollen die Machtverhältnisse ändern, indem wir dieses Wissen in den öffentlichen Fokus rücken."

Neben "Zubaan" gibt es einen weiteren indischen Verlag, der ausschließlich feministische Literatur herausbringt. Beide Verlage halten sich  unter anderem durch geringe Gehälter und Spenden über Wasser. Bei anderen indischen Verlegern ist die feministische Thematik inzwischen Teil des Programms.

"Von Frauen geschriebene Texte werden mittlerweile vermehrt publiziert. Als wir damit anfingen, feministische Literatur herauszugeben, war das völlig anders. Viele Verleger dachten damals, Frauenthemen seien nicht von Belang. Seit sie gemerkt haben, dass das Gegenteil der Fall ist, haben sie sich eines Besseren besonnen."

Desolate Verhältnisse, die sich nur langsam verändern

Aus westlicher Sicht ist die Situation vieler indischer Frauen desolat. Erschreckende Beispiele gibt es zuhauf: Witwen, die von ihren Familien verstoßen werden oder "Dienerinnen Gottes" etwa, die man in Tempeln bestimmten Gottheiten weiht und die danach Freiwild für Männer höherer Kasten sind. Inderinnen, die sterben müssen, weil sie nicht genug Mitgift einbringen oder, weil sie durch ihr Verhalten die Familienehre verletzen, Säureattacken zum Opfer fallen. Hinzu kommt die doppelte Marginalisierung von Dalit-Frauen, sogenannten "Unberührbaren", die das Kastensystem unter "arm-unberührbar-und-weiblich" in einem der untersten Ränge ansiedelt.

Und doch gebe es positive Veränderungen, auch wenn diese Fortschritte vor allem Menschen aus dem Westen klein erschienen: 
"Seit die neue Gesetzgebung für Vergewaltigungsdelikte gilt, haben mehr Frauen als je zuvor solche Übergriffe zur Anzeige gebracht. Da ich nicht glaube, dass die Vergewaltigungsrate gestiegen ist, heißt das, dass sich jetzt mehr Betroffene trauen, die Täter anzuzeigen."

Das Leben – ein Drahtseilakt

"Zubaan" veröffentlicht Texte von Frauen aus allen Kasten, Religionen und gesellschaftlichen Schichten. Bulbul Sharma, die in einem Reichenviertel Delhis wohnt, ist eine dieser Autorinnen.

"Ich befasse mich viel mit dem Alltag indischer Familien und der Frage, wie es Frauen dabei geht. Oft ist ihr Leben ein Drahtseilakt, denn sie führen den Haushalt, müssen für den Zusammenhalt der Familie sorgen und dabei stets den schwierigen Gatten bei Laune halten. Die meisten indischen Männer denken ja immer noch, sie seien Frauen überlegen. Das ändert sich inzwischen ein wenig, allerdings nur in den Städten."

In ihrem Kurzgeschichten-Band mit dem Titel "Der Toten gedenken" beschäftigt sich Bulbul Sharma mit den Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mutter und Sohn und Schwiegermutter und Schwiegertochter.

"Kritiker behaupten, dass die Frauen in meinen Büchern immer stärker seien als die Männer," sagt die Autorin. "Das ist Teil meiner Geschichte. Meine Großmutter und meine Tanten etwa waren unbeugsame, starke Persönlichkeiten. Meine Großtante zum Beispiel bestand darauf, zu studieren. Am Ende wurde sie in einem mit zugezogenen Vorhängen ausgestatteten Wagen zum Unterricht gebracht. Und sie hat ihren Abschluss gemacht!"

Literatur von "Unberührbaren"

Die Bandbreite der bei "Zubaan" verlegten Autorinnen ist groß. Besonderes Augenmerk gilt marginalisierten Mädchen oder Frauen. Auch Dalit-Frauen, die zu den "Unberührbaren" gehören und am unteren Ende des Kastensystems stehen, kommen oft zu Wort. Eine von ihnen ist Urmila Pawar. In ihrer Autobiografie spricht die 1945 geborene Dalit-Aktivistin nicht nur die Ungerechtigkeiten an, die ihr als Unberührbarer täglich widerfuhren, sondern auch die Missachtung, mit der ihr Ehemann sie strafte.

"Wir Dalits sind es nicht gewohnt, uns schriftlich zu äußern. Dennoch habe ich ein paar Freunden und Verwandten meine Biographie zu lesen gegeben. Sie mochten das Buch sehr und  haben mir gesagt, dass sie sich damit identifizieren können, dass es auch ihre Geschichte ist."

Urmila Pawar lebt in der Nähe der Metropole Mumbai an der indischen Westküste. Sie engagiert sich für die schwächeren Mitglieder ihrer Gemeinschaft, die wegen der Kastenvorbehalte keinen Job finden, auf den Dörfern den öffentlichen Brunnen nicht benutzen dürfen oder gar, wenn es sich um Frauen handelt, meist ungestraft von kastenhöheren Männern vergewaltigt werden.

Sie hat es geschafft, ihrem Ehemann die Stirn zu bieten, der das willfährige Mädchen, das er geheiratet hatte, irgendwann nicht mehr wiedererkannte. Sie hatte eine Arbeitsstelle angenommen, verfügte über ein eigenes Einkommen – und über einen unabhängigen Geist.

"Damals wurde ich dann auch auf Urvashi Butalias Verlagshaus 'Zubaan' aufmerksam, das indische Frauenliteratur in andere Sprachen übersetzt und Debütantinnen mit Rat und Tat unterstützt. Ich fing mit Kurzgeschichten an. Von da an nahm meine Karriere als Autorin Fahrt auf."

Gewalt als etwas Alltägliches

Baby Halder ist eine weitere Dalit-Frau, die sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ihres Lebens gezogen hat. Ihre Biografie "Vom Dunkel ins Licht" wurde ein Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte einer heute 46-jährigen Frau, die aus zerrütteten Verhältnissen kommt, kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag verheiratet und mit dreizehn zum ersten Mal Mutter wird.

"Beim Versuch, dieses Buch ins Ausland zu verkaufen, machten wir interessante Erfahrungen", sagt Urvashi Butalia. "Eine Kritik lautete: "Was ist das für eine Art und Weise, Gewalt zu beschreiben? Das klingt so lapidar." So erlebt eine Frau aus dieser sozialen Schicht die Dinge aber. Frauen wie Baby, die jeden Tag aufs Neue Gewalt erfahren, erleben das als Routine. Und wenn sie darüber reden, ist das nicht melodramatisch, sondern gleichförmig. Ich kam nach Hause, er war betrunken, dann hat er mich geschlagen, mein Arm war gebrochen und ich habe das Abendbrot zubereitet. So in etwa."

SprecherInnen: Carolin Haupt, Deborah Kaufmann, Frauke Poolmann
Regie: Cordula Dickmeiss
Ton: Hermann Leppich
Redaktion: Dorothea Westphal 

Das Manuskript als PDF.

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