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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 27.09.2017

Import-Priester in BayernKatholische Kirche wirbt um Nachwuchs im Ausland

Von Nana Brink

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Priester Angelo Kangosa kommt aus  aus dem Kongo und arbeitet jetzt in eine kleinen Kirchengemeinde im Südwesten Münchens. (Deutschlandradio / Nana Brink)
Priester Angelo Kangosa kommt aus aus dem Kongo und arbeitet jetzt in eine kleinen Kirchengemeinde im Südwesten Münchens. (Deutschlandradio / Nana Brink)

Seit Jahren gibt es in der Katholischen Kirche in Bayern kaum noch Priesternachwuchs. Deshalb suchen die Bistümer Priester auch im Ausland - wie beispielsweise in Polen, Indien oder in afrikanischen Ländern.

"Es ist schnell gegangen. Am Anfang waren die Leute ein bisschen, na ein bisschen vorsichtig, aber das hat nicht mehr als einen Monat gedauert, ich bin dort bis jetzt wie "dahoam" … Ghee Angelo Kangosa, ich bin Doktor der Theologie und Gastdozent im Kongo. Hier bin ich Pfarrvikar im Pfarrverband im Würmtal."

"Mit meinen Eltern rede ich weiter Polnisch, besser gesagt Schlesisch, sehr stark im Dialekt, aber mit meiner Schwester habe ich mich immer Deutsch unterhalten. Mein Name ist Martin Siodmok, ich bin 33 Jahre alt und Pfarrvikar in Gräfelfing bei München."

Priester Angelo Kangosa und Martin Siodmok sind so etwas wie die neuen Hoffnungsträger der katholischen Kirche in Bayern. Ohne die 600 ausländischen Pfarrer würde manche barocke Zwiebeltürmchen-Kirche leer bleiben. Nur 30 junge Männer haben sich in Bayern letztes Jahr zum Priester weihen lassen. Vor zehn Jahren waren es noch doppelt so viele. Generalvikar Harald Heinrich aus Augsburg beschreibt das Problem.  
 
"Dass die Zahl der Priester zurückgeht, ist ja kein Geheimnis, aber ich muss es leider immer auch wieder so sagen, es geht auch die Zahl der Gläubigen zurück! Und dann schauen wir heute mal so die Familien an, wie viele sind denn kirchlich sozialisiert. Ich sag's mal etwas drastisch: Woher sollen die Priester denn herkommen?"

Zum Beispiel aus Indien, Afrika oder Polen. Diakon Peter Artman, der in der Diözese München-Freising für die Betreuung der ausländischen Priester zuständig ist, weiß, dass die Kirche auf sie nicht mehr verzichten kann.

"Wir können sagen, dass unter den aktiven Priestern so ungefähr ein Drittel bis ein Viertel ausländische Priester sind."

Voraussetzung: Gute Sprachkenntnisse

In der Diözese München-Freising arbeitet man schon seit Jahren gezielt mit ausländischen Orden zusammen, die die jungen Männer auswählen. Voraussetzungen sind in der Regel entsprechende Deutschkenntnisse, ein Theologiestudium und die Priesterweihe, vielleicht sogar ein Führerschein.

"Und da legen wir sehr viel Wert darauf, dass die Priester schon mit sehr guten Sprachkenntnissen zu uns kommen. Wer zu uns kommt, hat seine Sprachprüfung abgelegt, die zertifiziert ist. Zu uns kommen keine Neuanfänger, sondern wir legen Wert darauf, dass es Männer sind, die mit hoher Motivation und gut vorbereitet bei uns ins Erzbistum kommen, die wissen, was sie erwartet."

Sonntagmorgen in St. Vitus, einer kleinen Gemeinde im Würmtal. Angelo Kangosa hat sich nach der Messe umgezogen, das beigefarbenes Meßgewand getauscht gegen sein buntes afrikanisches Hemd.

"Grüß Gott … so fröhlich wie sein Shirt. Wir sind froh. Das ist heilige Dreifaltigkeit … habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen."

Wie jeden Sonntag unterhält sich Kangosa mit den Kirchgängern, hauptsächlich ältere Menschen aus den Nachbarhäusern. Zwei Damen in Tracht haben einen Kuchen für ihn.

"Ja schon, ja wir san recht zufrieden mit dem … und der kann gut Deutsch, macht die Predigt kurz, schreib's nur rein, Predigt macht er kurz und recht sympathisch … geht auf einen zu, freundlich und wir san glücklich, der ist wirklich 1a! Wir haben ja schon mehrere Schwarze g'habt und jeder ist willkommen, und ein jeder fühlt sich wohl, gell?"

Den Kuchen in der Hand muss Pfarrer Kangosa schmunzeln. Er kennt den bayrischen rauen Charme. Es ist schon seine dritte Pfarrei.

"Ein Kind hat mich zum ersten Mal gesehen in der Kirche und sagt zu seiner Oma: Oma, den müssen wir waschen, und als ich dann die Ortschaft verlassen hatte, hat das Kind immer geweint, Oma, wo ist unser schwarzer Pfarrer? Also das nehme ich alles mit Humor."

"Na gut, solche Leute gibt's auch, im Zug da hörst Du, Blaumann, ah der blaue Mann … Na ich habe das nicht als Beschimpfung betrachtet, mit Humor, ah der weiße Mann … bei uns, vor allem die Kinder, die sind sehr neugierig, wenn sie einen Weißen sehen, dann rufen sie (afrikanisches Wort), das heißt, der Weiße, der Weiße!"

Harte Prüfung: Bayerisches Essen

Im Kongo hat Kangosa Theologie studiert, hier in Deutschland promoviert. Noch immer hält er Vorlesungen an der Uni in Kinshasa. Er spricht die großen Muttersprachen seiner Heimat neben Französisch  - und natürlich Deutsch. Fließend.

"Ich habe, sagen wir es mal so, einen Fuß in Deutschland und im Kongo … Also am Anfang war ich einsam, ich hatte nur mit meiner Wohnung und mit meiner Sprachschule zu tun, da fühlt man sich schon einsam, mit der Sprache auch und mit dem Wetter auch im Winter und mit dem Essen auch, mit dem bayrischen Essen, das war bisschen hart." 

In der Erzdiöszese München-Freising durchlaufen alle Priester, die hier arbeiten wollen, einen Vorbereitungskurs, der meistens ein Jahr dauert. Die Neuankömmlinge lernen die Verwaltungsstrukturen einer Pfarrerei kennen, Steuerrecht und Personalführung. Und erfahren etwas - so steht es im Plan - über "kulturelle Besonderheiten".

"Man darf die ausländischen Priester nicht als monolithischen Block sehen, das sind keine pastoralen Gastarbeiter, das sind Menschen, die auch aus unterschiedlichsten Ländern mit unterschiedlichstem Hintergrund kommen und denen wird es nicht gerecht, wenn man sagt, alle müssen jetzt dasselbe lernen. Es gibt ein Grundgerüst, das enthält beispielsweise Erarbeitung des kulturellen Hintergrundes, wir gehen sehr auf die Gemeinden hier in Deutschland ein. Auch vom Rollenverständnis des Priesters, der Mitarbeiter und Laien. Es ist für viele auch eine neu Erfahrung, wie bei uns auch pastoral geteilt wird, wie die Zusammenarbeit mit Diakonen und wir stark auch ehrenamtliche Laien sich hier bei uns einbringen und mitreden können."

"Vor allem mag ich Schweinshaxe"

Für Angelo Kangosa war das kein Problem. Und von wegen "kulturelle Besonderheiten" ....

"Vor allem mag ich Schweinshaxe! Sehr gern, aber bis auf einen Punkt: Sauerkraut, das habe ich noch nicht geschafft, aber sonst esse ich alles!"

Und er weiß auch, was "seine" Deutschen so mögen an ihm ....

"Mehr Nähe an die Leute, und die Kirche, den Gottesdienst anders gestalten, bisschen lockerer, sich Zeit zu nehmen für den Gläubigen, vor allem für die Kranken, für die älteren Leute ... hier habe ich zum Beispiel drei alte Damen, die sind über 90, aber zuhause, auf Wunsch von ihnen, bringe ich ihnen die Heilige Kommunion, jeden Sonntag nach der Messe." 

Nähe, Zuwendung - das sind auch die Worte, die immer wieder fallen, wenn Martin Siodmok von seinem Alltag erzählt. Er ist in Deutschland zur Schule gegangen, hat hier studiert. Als Pfarrvikar in Gräfelfing bei München kümmert sich der 33-Jährige vor allem um die Jugendlichen in der Pfarrei. Gern auch mit WhatsApp und per YouTube-Video.

"Mmmm, Entschuldigung, ich musste noch einen Krapfen essen, ist Faschingsdienstag und dann beginnt die Fastenzeit. Wisst Ihr überhaupt, was das ist? Klingt ja nach Spaß verderben …."

Martin Siodmok trifft den Ton. Und ist überhaupt selbstbewusst, was seinen Job betrifft, nicht nur weil er die deutsche Staatsbürgerschaft hat. Der Begriff "Import-Priester" - der oft in der innerkirchlichen Diskussion fällt - perlt an ihm ab. Gern erzählt er da von einer Taufe in seiner Gemeinde.

"Wo der Vater ein Franzose ist, aus dem Elsaß, und die Mutter kommt aus Polen. Und dann sagt sie mir, ja, ich habe da ein kleines Problem, weil - wissen Sie - der Pate, der kann kein Deutsch, und dann sage ich so, ja was spricht er denn, ja, der kommt aus Polen und dann sage ich, ja kein Problem, ich spreche Polnisch, und dann war sie ganz entzückt, und dann haben wir weiter gesprochen, und dann hat sich herausgestellt, dass die andere Patin des Kindes aus Frankreich kommt, und dann sage ich, ja ich habe ein Jahr in Belgien gelebt und kann einigermaßen Französisch, und dann habe ich eben heute die Messe gehabt, wo ich auf Französisch und Polnisch gepredigt habe ... die Tauffeier selbst hab ich dann auf Deutsch gemacht. Das war ein Geschenk für mich."

Die ausländischen Priester kommen gut an in den Gemeinden

Laut einer internen Umfrage kommen die ausländischen Priester gut an in den Gemeinden - über 80 Prozent sind froh, dass ihre Kirche einen Pfarrer hat. Der Deutsch spricht.  

"Er kommt einfach sympathisch rüber und er hat auch so einen guten Kontakt mit allen, das finde ich sehr schön, eine echte Bereicherung für unsere kleine Schwesterpfarrei, die noch geblieben ist." 

Na ja, angesichts der immer größer werdenden Verschiedenheit und Pluralität in der Gesellschaft, ist das ja letztlich nur eine Spiegelung. Wer es nie erlebt hat in seinem eigenen Erleben, irgendwo zu sein, und damit meine ich nicht nur einen Wochenendtrip in Paris oder so, sondern irgendwo mal zu sein und eine Sprache nicht zu verstehen, Herangehensweisen nicht zu kapieren, wieso reagieren die Menschen so, wieso ist die Mentalität so, wieso denken die so ... also wer sich nie fremd gefühlt hat, der wird auch Fremde nie verstehen.

"Viele bayrischen Diözesen, die kaum noch Priesternachwuchs haben, werben ganz offensiv um Pfarrer aus dem Ausland. Für den Ausgburger Generalvikar Harald Heinrich mittlerweile eine Selbstverständlichkeit."

Es ist schon interessant, im Fußball ist es ganz normal, dass gute Spieler von wo auch immer dazu kommen, auch in anderen Bereichen, wir sind Weltkirche, wenn wir zurückschauen, wo kamen die Missionare her in Afrika, Südamerika? Aus Europa. Es hat sich umgedreht. Gott sei Dank.

 

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