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Zeitfragen | Beitrag vom 25.01.2021

Immobilienspekulation in BerlinAltersvorsorge auf Kosten anderer

Von Caroline Nokel

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Protestbanner gegen Mietenerhöhung an einem Haus in Berlin-Friedrichshain. (imago images/Müller-Stauffenberg)
Protestbanner gegen Mietenerhöhung am Haus in Berlin-Friedrichshain: „Miete neu: 1700 €“, „Miete alt: 707 €“ (imago images/Müller-Stauffenberg)

In Berlin haben Mieterinnen und Mieter recherchiert, wer die Geldgeber ihrer Immobiliengesellschaft sind. Von Modernisierung und Mietsteigerungen bedroht, haben sie Kontakt mit „ihren“ Investoren aufgenommen: Zahnärzte in Schleswig-Holstein.

"Ich wohne seit 21 Jahren im Haus und möchte natürlich auch wohnen bleiben."

Synke Köhler steht an der Ecke Samariterstraße / Rigaer Straße im Friedrichshain und zeigt auf einen hellblauen Altbau. Hier wohnen die Autorin und 23 andere Parteien zur Miete. An der Fassade hängen Transparente, auf denen steht: "Miete neu: 1700 €", "Miete alt: 707 €" und an einem Balkon: "Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum stoppen". (*)

Synke Köhler und ihre Nachbarn protestieren gegen die Absicht ihres Vermieters, das Haus zu modernisieren und die Miete drastisch zu erhöhen.

"Wir haben ziemlich am Anfang gleich eine Demo gestartet und eine Aktion, um unser Umfeld zu informieren. Deswegen haben wir auch die Transparente gehängt."

Drastische Mieterhöhung im Zuge der Modernisierung

"Modernisierung" klingt erst einmal gut: Konkret kündigte der Vermieter an: einen Aufzug einzubauen, eine Videosprechanlage und Balkons. Die Information kam zwei Tage, bevor die neue Regelung in Kraft trat, nach der nur noch acht Prozent der Modernisierungskosten auf die Mieter umgelegt werden dürfen. (*)

Der Vermieter ist die Fortis Real Estate Investment AG. Ihr Geschäftsmodell besteht darin, Altbauten zu kaufen und als Eigentumswohnungen weiterzuverkaufen. In der Modernisierungsankündigung wird den Mietern nahegelegt, "das Für und Wider des Verbleibs in der Wohnung abzuwägen". Synke Köhler und ihre Nachbarn tauschten sich mit Bewohnern anderer Häuser der Fortis aus und sie machten eine interessante Entdeckung.

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"Über Artikel in der Zeitung haben wir erfahren, dass das Zahnarztversorgungswerk Schleswig-Holstein an der Fortis, also unserem Vermieter, beteiligt ist. So' n Zahnarztversorgungswerk ist im Prinzip die Rentenabsicherung für die Zahnärzte."

Und richtig, so steht es auf der Website der Fortis. Das Versorgungswerk der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein ist Mitgesellschafter und Finanzierungspartner der Fortis Group. Laut eigenen Angaben ermöglicht das der Gesellschaft, den Kauf von Gebäuden mit einem Transaktionsvolumen bis zu 250 Millionen Euro zu prüfen. Freiberufler, wie Zahnärzte, Architektinnen oder Anwälte, zahlen statt in die gesetzliche Rente in eigene Versorgungswerke ein. Insgesamt 90 Versorgungswerke gibt es in Deutschland. Sie haben 2018 zusammen rund 218 Milliarden Euro angelegt.

Theo Römer fühlt sich mitverantwortlich

"Und dann haben wir überlegt, ob wir die Zahnärzte anschreiben. Eine aus dem Haus hatte denn die Idee, und dann haben wir das gemacht. Dann haben wir ein Schreiben vorbereitet und haben uns aus dem Netz die E-Mail-Adressen herausgesucht. Das war nicht so einfach. Es ist richtig viel Arbeit."

Tausend Zahnärztinnen und Zahnärzte haben sie angeschrieben und sie gebeten, sich aus dem Investment zurückzuziehen. Von den tausend haben zwei reagiert. Einer ist Theo Römer. Ihm war sofort klar, dass er antwortet.

"Erst mal war die Mail schon so ein Notruf. Und dann war ich zu der Zeit auch sensibilisiert, weil bei uns in der Straße Ähnliches stattfand und ich auch betroffen war. Der Mensch interessiert mich schon, und so interessiert mich der Mensch natürlich auch, wenn es darum geht, was passiert mit meinen Geldern, wo gehen die hin? Machen sie Unheil, vielleicht?"

Drohpotenzial gegen die Mieter aufgebaut

Theo Römer bezieht bereits eine Rente, arbeitet aber noch in Teilzeit weiter. Jedes Jahr bekommt er einen Geschäftsbericht von seinem Versorgungswerk. Darin steht für 2019, dass es Immobilienbeteiligungen im Wert von über 93 Millionen Euro hielt.

"Als Zahnarzt, man liest sich diese Berichte mal durch, die man jährlich bekommt, aber im Detail kann man auch nicht sehen, wo passiert was. Und das hat mich dann interessiert, und ich habe gesagt: Ja, ich werde mich erkundigen.

Zwei Männer stehen in einem Zahnlabor. (Dieter Stürmer)Zahnarzt Theo Römer (r.) lehnt die Vorgehensweise seines Versorgungswerks ab. (Dieter Stürmer)
Ich habe in Kiel nachgefragt, ob sich das so verhält, dass die Firma Fortis mit meinen Geldern bzw. mit den Geldern der Kollegen, die in das Versorgungswerk einzahlen, ob die wirklich das machen, dass sie nämlich dort die Mietverträge kündigen, bzw. die haben sie ja nicht gekündigt in dem Sinne, die haben bloß gesagt: ‚Besser ist es schon, wenn ihr auszieht, denn die Miete wird so hoch werden, dass Sie die wahrscheinlich sowieso nicht bezahlen können‘. Das war ja so ein Drohpotenzial, was da aufgebaut worden ist. Und da muss ich sagen, wenn mein Versorgungswerk mit ursächlich solche Sachen betreibt, dann finde ich es ganz schlimm. Und ich werde auch weiter fragen, ob es so ist."

"Geld ist doch nicht alles"

Die Zahnärztekammer Schleswig-Holstein äußert sich aktuell nicht zu Fortis und den drastischen Mieterhöhungen. Aber: Der Geschäftsführer des Versorgungswerks, Bruno Geiger, sitzt im Aufsichtsrat der Fortis. Er muss also über ihre Geschäftspraktiken informiert sein. Synke Köhler wurde eine Mieterhöhung um das Doppelte angekündigt. Zu viel, als dass sie es sich leisten könnte.

"Was ich mir da schon tatsächlich wünschen würde, ist, dass ein paar mehr Zahnärzte auch sagen, so geht’s nicht. Geld ist doch nicht alles!"

(*) Redaktioneller Hinweis: Wir haben gegenüber der ersten Fassung zwei Zahlen korrigiert und ein Foto auf Bitten einer der gezeigten Personen gelöscht.

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