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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 08.11.2016

Ideologisierung von GeschichteJetzt schreibt die Politik die Vergangenheit um

Von Jörg Himmelreich

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Grenztürme stehen bei Milz (Thüringen) auf dem früheren Todesstreifen, der heutigen Grenze zwischen Thüringen und Bayern. Knapp 1.400 Kilometer zieht sich das "Grüne Band" auf der einstigen DDR-Staatsgrenze von der Ostsee bis ins Vogtland. (picture alliance / dpa / Martin Schutt)
Erinnern hilft: Ehemaliger Todesstreifen in Thüringen (picture alliance / dpa / Martin Schutt)

Einst Instrument zur Aufklärung, wird heute die Historie zur nostalgischen Rückwärtsgewandtheit in eine geordnete heimelige Nische verwendet. Dort, so die Hoffnung, seien wir dann vor den Unvorhersehbarkeiten der Globalisierung geschützt.

Plötzlich soll es wieder der Nationalstaat richten. In ganz Europa schwindet die europäische Solidarität. Im Mutterkontinent der Aufklärung verflüchtigt sich der aufgeklärte, aus historischer Erkenntnis gewachsene Zusammenhalt. Er weicht dem nostalgisch verklärten Blick in die Vergangenheit und der Rückkehr zum Nationalstaat. Geschichte wird derzeit missbraucht.

Sogar in Deutschland wird sie wieder ideologisiert, um eine neue Politik zu begründen. Alexander Gauland etwa fordert den Schutz der Grenzen für seinen neuen, völlig autonomen deutschen Nationalstaat, und verweist auf den römischen Limes, mit dem sich auch das Römische Reich schon vor dem Einfall der Barbarenhorden geschützt hätte. Damit verwischt der AfD-Vize einmal eben alle Zivilisationsfortschritte einer 2000-jährigen Geschichte des westlichen Abendlands.

Rückwärtsgewandt statt fortschrittsgläubig

Nun hat es eine Ideologisierung von Geschichte immer und überall gegeben. Aber spätestens aus den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erwuchs in Westeuropa ein ganz anderes Verständnis von Geschichte, insbesondere in der Bundesrepublik.

Jetzt bestimmte ein positives Vertrauen auf historische Erkenntnis den Geschichtsdiskurs in den westlichen Gesellschaften. Ein aufklärerisches Moment trieb die Geschichtsdebatten an, wie den deutschen Historikerstreit 1987 um die Einzigartigkeit nationalsozialistischer Verbrechen, und stiftete damit bundesdeutsche Nachkriegsidentität.

Wer die historischen Ursachen der Katastrophen erforschte und erörterte, wollte dazu beitragen, dass sie sich nie mehr wiederholten, wollte in eine bessere Zukunft führen: offener, liberaler, gewaltloser. Geschichtliche Erkenntnis bestimmte die Politik für eine bessere Zukunft.

Heute hingegen treibt Geschichte keine aufgeklärte Fortschrittsgläubigkeit mehr an. Heute wird Historie zur nostalgischen Rückwärtsgewandtheit in eine geordnete heimelige Nische verwendet. Dort, so die Hoffnung, seien wir dann vor den Unvorhersehbarkeiten der Globalisierung geschützt, - einer Globalisierung, deren Früchte wir sonst alltäglich und selbstverständlich genießen.

Die Sehnsucht nach dem vermeintlich geordneten Nationalstaat

In der unübersichtlichen Welt von heute stifte die ideologische Rückbesinnung auf eine vermeintlich geordnete Nation der Vergangenheit neue Orientierung und verlorenen Sinn. Das behaupten zumindest diejenigen, die eine Rückkehr zum ach so geordneten Nationalstaat propagieren: bei der AfD und den polnischen, ungarischen und französischen rechten Nationalisten genauso wie bei den Brexiters. Jetzt beeinflusst nicht mehr die geschichtliche Erkenntnis die Politik, sondern umgekehrt die Politik die geschichtliche Erkenntnis.

Dem haben die Aufgeklärten wenig entgegenzusetzen. Selbst eine bekannte deutsche Wochenzeitung für Professoren und Lehrer vermag in einem zweiseitigen Gespräch mit Gauland dessen krude historische Halbbildung nicht zu entlarven. Es ist offenbar nicht gut bestellt um die historische Bildung in der Bundesrepublik. Es mangelt an Schulen und Universitäten an Ausbildung von Geschichte.

"Zukunft hat Herkunft", hat der Philosoph Odo Marquard einmal festgestellt. Wer den Geschichtsdiskurs der Ideologisierung der Rückwärtsgewandten überlässt, überlässt ihnen auch die politische Gestaltung von Zukunft.

Jörg Himmelreich (Peter Ptassek)Jörg Himmelreich (Peter Ptassek)Jörg Himmelreich schreibt als Autor für die "Neue Zürcher Zeitung" und forscht zu kulturgeschichtlichen und außenpolitischen Themen Russlands und Asiens. Er war Mitglied des Planungsstabs des Auswärtigen Amts in Berlin sowie Gastdozent in Washington, Moskau, und London.

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