Seit 15:05 Uhr Interpretationen
Sonntag, 09.05.2021
 
Seit 15:05 Uhr Interpretationen

Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 25.02.2014

Ideologiefrei und flexibelGeneration Y

Die Kinder der 68-er

Von Christoph Giesa

Arbeiten kann man auch im Garten. (picture alliance / dpa)
Neues Lebensgefühl: Arbeiten lässt sich auch im Garten. (picture alliance / dpa)

Generation Y werden jene gut ausgebildeten Leute genannt, die sich ideologiefrei geben und Beruf, Familie und Freizeit flexibel arrangieren. Und wenn sie es geschickt anstellen, können sie durchsetzen, wovon ihre Eltern und Großeltern nur träumten, meint der Publizist Christoph Giesa.

Inzwischen wird er überall beschrieben, in bunten grellen Tönen und mit all seinen Übertreibungen: der Gründerboom. Und auch über die hohen Ansprüche wird geredet, welche die Generation Y an potenzielle Arbeitgeber hat und wie überzogen diese seien.

Doch wer glaubt, der Zeitgeist bringe gemeinsam mit dem Internet lediglich den nächsten Hype hervor, der macht einen großen Fehler, wenn er diesen nicht vom wahren gesellschaftlichen Wandel zu unterscheiden vermag.

Um diese Aussage zu verstehen, lohnt ein Blick zurück ins Jahr 1999. Damals beschrieben die französischen Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello einen neuen Geist des Kapitalismus, der - ein weiteres Mal  zurückblickend - schon in den 70er-Jahren entstanden sei. Damals habe der Kapitalismus gleichsam seinen Treiber gewechselt, die Werte, die in Netzwerken wirklich zählen, begannen die von klassischen Konzernen langsam abzulösen.

War es zuvor darum gegangen, Mindeststandards für alle Bürger durchzusetzen, häufig von Gewerkschaften erkämpft, habe seitdem die so genannte "Künstlerkritik" an Boden gewonnen.

Der regulierten Fabrikarbeit unter fremdem Kommando sei immer mehr ein sich am Künstlerleben orientierendes Modell, mit Werten wie Individualität, Selbstorganisation, Mitbestimmung und Vertrauen statt Kontrolle entgegengesetzt worden.

Das Ergebnis dieses Prozesses ist derzeit zu bewundern, nämlich in den Werten, die die gerade in den Arbeitsmarkt drängende Kohorte lebt. Dabei sind diese eigentlich einmal die Werte gewesen, für die ihre Eltern, die 68er-Generation, gekämpft haben. Dass die Baby-Boomer, die Protestler wie die Braven unter ihnen, sich dabei noch nicht so verwirklichen konnten, wie sie es sich wünschten, mag dran gelegen haben, dass sie eher am Anfang als am Ende des Transformationsprozesses in den Markt gespült wurden.

Technologischer Fortschritt macht vieles möglich

Ihre Kinder profitieren nicht nur deshalb von der späteren Geburt. Auch der technologische Fortschritt spielt ihnen in die Karten, weil er vieles endlich möglich macht, was schon viel früher erdacht wurde. Und die demographischen Besonderheiten tun ihr übriges dazu, denn Nachwuchs ist derzeit gefragt und allein deshalb durchsetzungsstark.

Allerdings zu denken, wenn sich der Wind wieder einmal dreht, könnte dieses neue Lebensgefühl ausgebremst oder gar wieder umgekehrt werden, das entspräche dem Glauben, der sprichwörtliche Berg käme doch noch eines Tages zum Propheten. Vielmehr sollten Entscheidungsträger sich mit dem Trend ernsthaft auseinandersetzen und ihn besser verstehen lernen. Denn nur dann kann man auch tatsächliche Übertreibungen, die Hypes isolieren - und anschließend das wirklich Neue akzeptieren.

Wenn Start-ups Pleite gehen oder einzelne Freelancer sich doch wieder für die Festanstellung entscheiden, ist dies eben kein Grund, großväterlich vom Platzen einer Blase zu reden. Vielmehr ergeben sich in diesem Moment Möglichkeiten, die alte und neue Wirtschaftswelt miteinander zu verknüpfen und Boltanskis und Chiapellos "Künstler“ aus der Generation Y mit modernen Ansätzen von sich zu überzeugen.

Das sollte aber niemand missverstehen. Es geht nicht darum, sich ein fortschrittliches Mäntelchen umzuhängen oder vor allem betriebliche Kosten zu flexibilisieren, indem man Mitarbeiter durch prekäre Freiberufler ersetzt. Vielmehr gilt es, flexibles Arbeiten einzuführen, das Routinen und Prozesse verändert, dabei die freie Wahl der Zeiten und des Ortes der Arbeit erlaubt und in dem zugleich Kontrolle durch Coaching und Motivation ersetzt wird.

Natürlich gibt es dazu eine Alternative. Und zwar, dass die klugen, jungen Köpfe an anderen Stellen im Wirtschaftskreislauf ihre Heimat finden. Begegnen wird man ihnen sicher noch einmal. Aber dann stehen sie eben auf der anderen Seite und machen einem das Leben schwer.

 

Christoph Giesa arbeitet als Publizist und Unternehmensberater in Hamburg, war Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in Rheinland-Pfalz und Initiator der Bürgerbewegung zur Unterstützung von Joachim Gauck als Bundespräsidentschaftskandidat.

Mit seinem Buch „New Business Order“ (Hanser Verlag 2013) beschreibt er die Schnittstelle zwischen neuer und alter Wirtschaftsordnung. Zuvor erschien bereits „Bürger. Macht. Politik" (Campus-Verlag 2011) mit einem Vorwort von Joachim Gauck.

Das Zeitgeschehen kommentiert er in seinem  "blog.christophgiesa.de" und als Kolumnist von "The European".

Mehr zum Thema:
23.01.2014 | THEMA
Arbeitskultur - Hobbys statt Herzinfarkt
Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über Work-Life-Balance und ausbleibende Karrieren
10.01.2014 | POLITISCHES FEUILLETON
Selbstverwirklichung - Arbeiten, um Spaß zu haben
Die Generation Y verunsichert die Wirtschaft
02.12.2013 | THEMA
Generation Prekär - "Der Fahrstuhl nach oben funktioniert nicht"
Der Soziologe Klaus Dörre über die Zukunft der Arbeit

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Politisches Feuilleton

Fehlende Corona-ErhebungenDeutschland stochert im Trüben
Corona-Test vor verschwommenem Hintergrund (picture alliance / CHROMORANGE / Matthias Stolt)

Wer steckt sich derzeit besonders häufig mit Covid-19 an? Und welche Gegenmaßnahmen helfen? Länder, die stichprobenartig testen, wissen das. In Deutschland jedoch ist die Datenlage mies, beklagt Journalist Jan-Martin Wiarda. Das hat fatale Folgen.Mehr

Rassistische DenkmusterIdentitätspolitik spaltet
Farbangriff auf die Statue des Philosophen Immanul Kant in Kaliningrad (imago/ITAR-TASS / Vitaly Nevar)

Unsere Geistesgeschichte ist von Kolonialismus und Rassismus durchdrungen, meint die Schriftstellerin Katharina Döbler mit Blick auf die aktuelle Identitätsdebatte. Manche Diskussion reproduziere nur alte Denkmuster.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur