Seit 17:05 Uhr Studio 9
Mittwoch, 23.06.2021
 
Seit 17:05 Uhr Studio 9

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.08.2016

Idan Ben-Barak: "Warum sind wir eigentlich noch nicht tot?"Das Immunsystem braucht etwas zum Spielen

Von Michael Lange

(picture alliance / dpa / )
Blutende Wunde: Ein funktionierendes Immunsystem schützt den Körper jetzt vor Krankheitserregern. (picture alliance / dpa / )

Um uns herum wimmelt es von Viren und Bakterien. Viele davon sind Krankheitserreger. Sie wollen uns schaden und einige könnten uns sogar umbringen. Das gleichnamige Sachbuch von Idan Ben-Barak stellt dazu die Frage: Warum sind wir eigentlich noch nicht tot?

Um uns herum wimmelt es geradezu von Viren, Bakterien und Parasiten. Viele davon wollen uns schaden und einige könnten uns umbringen, wenn wir sie lassen würden. Dass wir trotz alledem immer noch nicht tot sind, haben wir allein dem Immunsystem zu verdanken.

Lebendig, leicht verständlich und stets mit einem Augenzwinkern präsentiert der junge Mikrobiologe Idan Ben-Barak das menschliche Immunsystem als Organ, dem ständig neue Aufgaben gestellt werden. Im Laufe der Evolution musste es sich immer wieder an neue Krankheitserreger anpassen. So entstand kein geniales Abwehrbollwerk, sondern ein chaotisches Wirrwarr aus zahlreichen Zelltypen, die untereinander in ständigem Kontakt stehen. Immer wieder musste das Immunsystem improvisieren, um irgendwie zu überleben. Statt militärischer Ordnung herrscht kreatives Chaos.

Beschreibungen mit Worten aus dem Militärbereich

Dennoch beschreiben Immunologen die Immunabwehr immer noch mit Worten aus dem Militärbereich. Sie sprechen von Angriffen, Verteidigungsstrategien, Abwehrbollwerken oder biologischer Kriegsführung. Es liegt auch nahe, das Gegeneinander von Immunsystem und Krankheitserregern als Kampf zwischen Gut und Böse zu betrachten. Idan Ben-Barak jedoch vermeidet diese Bilder, denn sie führen oft in die Irre. So wird behauptet, bestimmte Substanzen oder Verhaltensweisen stärken unsere Abwehr. Dabei weiß keiner, was damit eigentlich gemeint ist. Mehr Antikörper oder mehr Immunzellen einer bestimmten Sorte dienen keinesfalls der menschlichen Gesundheit. Viele Symptome, aber auch Krankheiten sind die Folge einer zu starken oder fehlgeleiteten Immunreaktion. Dazu gehören rheumatoide Arthritis, Diabtetes Typ 1 oder Multiple Sklerose.

Konfuses, aber stets lebendiges Bild

Idan Ben-Barak wählt schafft stattdessen neue Bilder. Mal spricht er von einer Bürokratie, die immer mehr Bestätigungen einfordert, um nicht falsch zu reagieren, ein anderes Mal von Zellen, die sich wie Verrückte verhalten, aber selbst glauben sie seien die einzigen Normalen und gehörten eigentlich zum Anstaltspersonal. So entsteht ein manchmal konfuses, aber stets lebendiges Bild, das auf dem neuesten Forschungsstand basiert.

Das Buch bietet eine ebenso unterhaltsame wie informative Einführung in eine fremde Welt aus Molekülen, Zellen und Mikroben. Es beschreibt den aktuellen Forschungsstand im Stil eines "Science Slam". Neue Tipps, wie sich das Immunsystem unterstützen lässt, hat es nicht zu bieten. Es bleibt dabei: Nicht rauchen, viel bewegen, abwechslungsreich ernähren und bei Versprechungen sowohl der Pharmazie als auch der Naturheilkunde lieber skeptisch bleiben. Und nicht vergessen: So oft wie möglich an die frische Luft und dem Dreck nicht aus dem Wege gehen! Denn das Immunsystem braucht etwas zum Spielen.

Idan Ben-Barak: "Warum sind wir eigentlich noch nicht tot? – Alles über unser Immunsystem"
Ullstein, Berlin 2016
208 Seiten, 16,99 Euro

Mehr zum Thema

Sex für das Immunsystem
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 13.01.2013)

Das Immunsystem der Psyche
(Deutschlandradio Kultur, Forschung und Gesellschaft, 20.12.2012)

Training fürs Immunsystem
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 25.05.2008)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Lyrik lesen"No Art" oder "Kunst"?
Lyrikerin Wanda Coleman vor einem Graffito in einer Unterführung. (IMAGO / Leemage)

Lyrik beglückt oder verstört, seit Menschen ihre Gedanken und Gefühle in Worte fassen. Drei Kritiker und eine Moderatorin diskutieren über neue Lyrikbände. Allein drei davon stammen aus den USA, ein vierter entstand dort. Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur