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Lesart | Beitrag vom 30.09.2019

Ida Hegazi Høyer: "Trost"Hals über Kopf ins Abenteuer des Begehrens

Von Carsten Hueck

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"Trost" von Ida Hegazi Høyer (Cover: Residenz Verlag / Collage: Deutschlandradio)
Risiken der Hingabe: Ida Hegazi Høyer beschwört die Sehnsucht nach Trost durch einen anderen Körper. (Cover: Residenz Verlag / Collage: Deutschlandradio)

Ein flüchtiger Blick, eine Berührung und Mut zum Sprung ins Ungewisse: Mit feinem Gespür für Details und versteckte Signale erzählt die norwegische Autorin Ida Hegazi Høyer von den erotischen Begegnungen einander unbekannter Großstädter.

In einem Anfall "promiskuitiver Einsamkeit" drückt eine namenlose Frau einem Mann ihre Telefonnummer in die Hand. Sie ist nur vorübergehend in der Stadt, in einer Bar, in Begleitung eines anderen Mannes. "Ein schlechtes Date" sei das gewesen, wird sie später sagen. Natürlich meldet sich der Unbekannte, die beiden verabreden ein erstes Treffen, und alles entwickelt sich diesmal wie gewünscht. Doch vorhersehbar ist nur, dass sie irgendwann im Bett landen.

Das Risiko, sich aufeinander einzulassen

Was bis dahin und was genau in dem Moment passiert, in dem sie ihr Begehren aneinander stillen, erzählt mit einem unglaublich feinen Gespür für Details, mit Empathie und Neugier, mit selbstbewusster Lust an erotischer Spannung die norwegische Autorin Ida Hegazi Høyer. Sie folgt jeweils zwei Menschen, die bereit sind, ein Risiko einzugehen, die scheinbar aus heiterem Himmel übereinkommen, sich aufeinander einzulassen – auch wenn sie sich damit oft selbst einen Schritt voraus sind. Sie erleben Anziehung, Unsicherheit, Irritationen, Überraschungen – das Abenteuer zu leben, unverbindlich und doch intim, frei, doch auch verletzbar.

Hegazi Høyers Roman "Trost" ist ein sanfter, suggestiver Gesang auf die Anziehung des Körpers und die Verwundbarkeit des Herzens. Er geht unter die Haut. Drei Kapitel hat er, drei Geschichten werden erzählt: Von Mann und Frau in Lissabon, von zwei Frauen in Berlin, von einem jungen Mann und einer älteren Frau in Brüssel. Immer geht es um die Annäherung, die Erfahrung, wie wenig es doch braucht, einen Raum zu etablieren, in dem sich zwei Fremde, die keine gemeinsame Sprache teilen, menschlich und/oder sexuell begegnen können. Und es geht um die Bedürftigkeit, die Sehnsucht nach Trost durch einen anderen Körper, jenseits eines schnellen Ficks.

Erinnerungen an die Hand eines anderen

Die Protagonisten in Hegazi Høyers Roman wollen mehr als das und haben auch mehr anzubieten. Irgendwo im Hintergrund gibt es immer eine Geschichte, die in kleinen Andeutungen nur kurz aufschimmert. Als der Singlemann in Lissabon die Frau plötzlich an der Hand nimmt, durchzuckt sie die Erinnerung an die Hand eines anderen, die loszulassen wehtat. Hier nun möchte sie gar nicht Hand in Hand mit jemandem gehen.

Als in Brüssel der berückend schöne, zärtliche aber irgendwie ungreifbare junge Araber "mit einem schmerzerfüllten Laut" sein Gesicht zwischen den Brüsten der Frau verbirgt, dann plötzlich nicht mehr anruft und nur die Nachricht hinterlässt "Du hörst von mir", stellt sich für den Leser erst ein Zusammenhang her, als die Protagonistin eines Morgens wahrnimmt, dass es nach Rauch riecht, Sirenen ertönen und Hubschrauber über der Stadt kreisen.

Alle Geschichten in "Trost" erzählen von der Utopie des Begehrens. Die klarsichtige Autorin blendet dabei nicht die Gewaltverhältnisse aus, die unsere Gegenwart grundieren: die zwischen den Kulturen, Ethnien und Geschlechtern. Die Fremdheit lässt sich bei ihr aber, zumindest vorübergehend, durch vorbehaltlose Hingabe, das Begreifen des Anderen im Körper, überwinden.

Ida Hegazi Høyer: "Trost"
Aus dem Norwegischen von Alexander Sitzmann
Residenz Verlag, Salzburg-Wien 2019
204 Seiten, 22 Euro

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