Seit 19:05 Uhr Oper
Samstag, 16.01.2021
 
Seit 19:05 Uhr Oper

Religionen / Archiv | Beitrag vom 15.05.2010

Ich glaub nix, mir fehlt nix?

Wie die Kirchen die Religionslosen wieder erreichen wollen

Von Kirsten Dietrich

Podcast abonnieren
Margot Käßmann beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München (AP)
Margot Käßmann beim 2. Ökumenischen Kirchentag in München (AP)

Rund ein Drittel der Deutschen gehört keiner Kirche mehr an - Tendenz steigend. Deshalb widmete sich der Ökumenische Kirchentag einen ganzen Tag lang den Fragen: Wer sind eigentlich diese Religionslosen? Und vor allem: Wie können wir sie wieder zurückgewinnen?

So klingt die Zukunft der Kirche: seelenvoll, schwarz, bewegt – Gospel eben. Das ist sogar wissenschaftlich bestätigt, sagt Martin Bartelworth. Er organisiert sogenannte Gospelkirchentage:

"Von 8000 Befragten sagen 44 Prozent: Ja, dadurch, durch Singen im Gospelchor ist mein Verhältnis zur Kirche verbessert worden, ist stärker geworden. Das hat uns unglaublich gefreut – Hammerergebnis!"

Gospelmusik geht in die Tiefe der Seele und ist doch leicht zugänglich – der ideale Türöffner also auch für Nichtchristen. Und einige der Sänger, das ist die Hoffnung, nutzen die Kirche dann eben nicht nur für den Wohlfühlchor, sondern bleiben auch zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen. Diese Hoffnung treibt viele rührige Einzelprojekte an, in denen dann zum Beispiel verfallende Dorfkirchen von Brandenburgs Gewohnheitsatheisten gepflegt werden.

Oder die Fans von Schalke 04 in der Stadionkapelle wirklich ihr ganzes Leben dem Fußball widmen können – von der Wiege bis zur Bahre: Norbert Filthaus, Seelsorger auf Schalke, traut Fans, tauft ihre Kinder und hilft Vätern und Söhnen, einen Schock wie den Selbstmord von Nationaltorhüter Robert Enke zu verkraften. Zum Saisoneröffnungsgottesdienst kamen 200 Leute, doppelt so viele wie im normalen Gottesdienst, erzählt Filthaus stolz.

"Die sind dann bei sich zu Hause in die Kirche gegangen, ja."

Und damit landet man dann schnell wieder auf dem Boden der Tatsachen. Zur alten, unhinterfragten Volkskirche geht es, allen begeistert vorgestellten Einzelprojekten zum Trotz, nicht wieder zurück. Die Zeiten und vor allem die Gesellschaft haben sich geändert. Und damit müssen auch die Kirchen andere werden.

Hans-Joachim Meyer, ehemaliger Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, erinnert an Extremsituationen: Wenn etwas wirklich Erschütterndes geschehe, der Terror des 11. September 2001 etwa oder der Amoklauf in Erfurt, dann suchten sogar die Menschen im entchristlichten Osten Deutschlands die Kirchen auf. Dort vermuteten sie immer noch Quellen von Trost und Kraft.

"Allerdings: Das geht natürlich nur, wenn in diesen Kirchengebäuden eine lebendige Gemeinde ist. Wenn die kleine Minderheit von Christen Kirche lebendig hält, sodass Menschen, die sonst auf Distanz sind, in einer besonderen Situation doch die Möglichkeit haben, sich der Kirche zuzuwenden, vielleicht wird der eine oder andere dort auch bleiben, andere werden gehen – ich glaube, dass wir doch ein anderes Verständnis von Kirche entwickeln müssen, jedenfalls in einer Welt, die stark säkularisiert ist, dass diejenigen, die die Gemeinde tragen, auch das mittun für andere, und gleichsam das Evangelium in Bereitschaft halten, das Zeugnis für das Evangelium in Bereitschaft, um Menschen in einer bestimmten Situation etwas zu schenken."

Kirche im Stand-by-Betrieb für den Rest der Gesellschaft also. Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, stimmt zu und möchte doch weniger defensiv sein. Die Kirchen müssten Kontakt auch zu den Milieus suchen, in denen sie sich eigentlich nicht so ganz zu Hause fühlen - und zwar nicht nur als Sozialarbeiter, die Hilfe anbieten, sondern mit der Bereitschaft zum Gegenbesuch.

"Laden wir sie eigentlich ein in unseren Gottesdienst? Oder sagen wir: Können wir gleich lassen, ist sowieso langweilig für sie, oder interessiert sie nicht. Also: Laden wir wirklich ein? Oder sind unsere Gottesdienste so, dass diese Leute sagen, das ist so wunderbar, ich möchte in dieser Gemeinschaft sein und lernen."

Margot Käßmann ist überzeugt: Die Kirche müsse missionarisch werden, auch wirklich alle Menschen vorurteilslos willkommen heißen – und nicht nur davon reden.

"Das ist für mich missionarisch: Ich spreche von dem, was mich hält und trägt, oder wie die Herrnhuter sagen: Lebe so, dass dich andere danach fragen, warum du so lebst. Das ist, denke ich, ein guter missionarischer Ansatzpunkt."

Wobei das aus dem Mund einer nach einer alkoholisierten Autofahrt zurückgetretenen Bischöfin ungewollt ein wenig komisch klingt. Oder vielleicht liegt genau in einem solchen Widerspruch in Hinweis darauf, was Menschen wirklich in die Kirchen zurückziehen könnte: pralles Leben. Denn die Kirchentagsbesucher fragen ja wirklich nach Margot Käßmann. Vor der völlig überfüllten Halle drängten sie sich – und die meisten nicht, weil sie wissen wollten, wie sich Menschen ohne Glauben für die Kirchen gewinnen lassen.

"Wenn ich ganz ehrlich bin, der Name Käßmann polarisiert, der zieht natürlich."
"Weil mich die Frau Käßmann sehr interessiert, ich hab schon viel von ihr gehört, teilweise gelesen, aber ich würde sie gern mal live erleben."
"Ja, man kann sich ja mal informieren. Außerdem ist die Frau Käßmann da, die ich mal sehen wollte."

Nun kann Margot Käßmann allein sicher nicht den Mitgliederschwund der Kirchen stoppen. Aber vielleicht lässt sich das Modell ja quasi in Serie geben? Martin Bartelworth vom Gospelkirchentag jedenfalls wünscht sich mehr Fußball-, Gospel- oder sonstige Fans in den Kirchen – nur dann bleibe die Suche nach neuen Mitgliedern in fremden Milieus glaubwürdig und werde nicht peinlich.

"Wir müssen buntere Vögel ausbilden, auch Hauptamtliche in der Kirche müssen viel bunter werden."

Religionen

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur