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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 10.05.2005

"Ich finde, dass es sehr gelungen ist"

Lea Rosh über das Holocaust-Mahnmal

Moderation: Gabi Wuttke

Lea Rosh, Wolfgang Thierse und Peter Eisenman am Holcaust-Mahnmal (AP)
Lea Rosh, Wolfgang Thierse und Peter Eisenman am Holcaust-Mahnmal (AP)

Nach zweijähriger Bauzeit wird nun in Berlin das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas eingeweiht. Mit-Initiatorin Lea Rosh zeigte sich zufrieden mit dem Bauwerk, äußerte aber auch Zustimmung zu dem ersten Denkmalentwurf der Malerin Christine Jakob-Marx, der vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl abgelehnt worden war.

Rosh: Das war ja gar nicht mein Vorschlag, sondern das war der Entwurf einer Künstlergruppe um eine Malerin, Christine Jakob-Marx, und das war die Hälfte der Jury, die sich für diesen Vorschlag entschieden hatte. Ich fand diesen Entwurf sehr gut. Wir wollten ja mit diesem Denkmal drei Dinge und deswegen entsprach dieser Entwurf auch dem, was wir uns vorgestellt hatten.

Wir wollten immer an die Tat erinnern, weil wir sagten, es geht nicht, dass dieses Land zur Tagesordnung übergeht, politische Tagesordnung, als sei da nicht etwas gewesen. Also wir wollten mitten in der Stadt an die Tat erinnern. Wir wollten zweitens die Ermordeten ehren. Und wir haben immer gesagt, wir wollen drittens ihnen ihren Namen zurückgeben.

Deswegen war die Namensplatte genau das, was wir vorhatten und es war ja Platz für sechs Millionen Vor- und Nachnamen, auch wenn wir nicht über sechs Millionen Vor- und Nachnamen verfügen. Wir verfügen heute ungefähr über drei ein halb, vielleicht sogar vier Millionen Namen insgesamt. Wir bekommen ja die Kartei von Yad Vashem überlassen. Das werden dann vielleicht vier Millionen sein und das hätte auf dieser Namensplatte alles geschrieben sein können.

Und da, wo die großen Leerstellen sind, also ich sage mal, wo die Erschießungen in der ehemaligen Sowjetunion waren oder Polen oder Rumänien, da wäre das in der Platte verzeichnet worden, mit den großen Erschießungsaktionen Babier zum Beispiel oder Wald von Rumbula. Also, das leuchtete uns damals sehr ein. Aber wir haben jetzt einen anderen auch sehr guten Entwurf. Man lernt ja im Laufe der Jahre eine ganze Menge.

Wuttke: Was gefiel Ihnen zunächst an dem Entwurf von Eisenman nicht?

Rosh: Ich habe nie gesagt, dass mir etwas nicht gefiel. Ich fand ihn immer sehr gut, den Entwurf. Es waren ja Richard Serra und Peter Eisenman. Ich war nicht Jury in diesem Fall. Im ersten Wettbewerb war ich Mitglied der Jury. Wir hatten uns fünf Kunstsachverständige geholt. James Jahn war der Vorsitzende, das waren Museumsdirektoren im Vorsitz und die entschieden sich dafür. Wir haben alle zugehört und haben auch mit den Künstlern gesprochen. Ich fand diesen Entwurf immer ganz wunderbar. Aber es war sozusagen der zweite Durchgang, nicht rangmäßig, sondern es war eine zweite Wettbewerbsstufe.

Wuttke: Zwei Tage nach dem achten Mai, wie beurteilen Sie das, ist Eisenman sein eigenes Vorhaben gelungen, mit dem Stelenfeld "am Bösen zu rühren", wie er das genannt?

Rosh: Also, ich sage immer, das was künstlerisch ist an dem Entwurf, das weiß jeder, ist von Richard Serra. Die Wellenbewegung im Fußboden oder … das spiegelt sich ja dann auch wieder in der unterschiedlichen Höhe der Stelen. Und von Eisenman ist die Idee der Stelen und - gut, so wie der Entwurf jetzt da ist, denn Richard Serra ist ja ausgestiegen, nachdem Kohl verlangt hatte, es zu verkleinern von 4.000 auf 2.700 Stelen.

Ich finde, dass es alles sehr gelungen ist. Wenn man durchgeht, die Stelen sind ja auch ein bisschen angekippt, dadurch sieht das nicht so schnurgerade aus, kriegt die ganze Sache auch eine wunderbare Dramaturgie. Und wenn man nun neben einer 4,30 Meter hohen Säule steht, dann stellt sich schon das ein, was er gesagt hat, wenn man ein bisschen weiß über die Geschichte und ein bisschen Fantasie hat, also schon Beklemmung.

Wuttke: Das ist Ihr persönliches Gefühl?

Rosh: Ja, das hat Eisenman gesagt. Nun kenne ich das Thema sehr gut. Ich bin ja oft im Ort der Informationen unten gewesen, der ja sehr, sehr eindrucksvoll ist. Eisenman hat immer gesagt, die Besucher sollen versuchen nachzuempfinden, wie es den Juden damals ging. Verlassen. Niemand hat ihnen geholfen. Und wissen Sie, man hat seit '43 durch aus Auschwitz herausgeschmuggelte Kressiber gewusst, was in Auschwitz geschieht.

Die Juden haben gefleht, schmeißt uns Waffen ab. Werft uns Waffen aus der Luft ab. Lieber sterben wir mit der Waffe in der Hand als wehrlos in der Gaskammer. Das ist alles nicht geschehen. Es gab jüdisch-amerikanische Bomberpiloten, die hatten versichert, sie würden die Zufahrtsgleise nach Auschwitz genau treffen können auch die Gaskammern, auch die Krematorien. Man hat sie nicht gelassen. Es war ihnen wichtiger, den Krieg zu gewinnen, als den Juden zu helfen. Das ist eine bittere Erkenntnis.

Und wenn man dieses alles weiß und wenn man in dem Ort der Information vielleicht ja auch war und sich die Briefe und die Auszüge aus den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen der dann Ermordeten durchliest, und dann wieder durch das Stelenfeld gehen, ich finde, dann stellt sich das ein, was Eisenman so formuliert hat.

Wuttke: Sie haben selbst gesagt, dieses Mahnmal sei Ihr Lebenswerk. Nun ist es eine wahnsinnig lange Geschichte, fast 17 Jahre hat es gebraucht von Ihrem Vorschlag bis heute zu dem Tag, an dem das Mahnmal eingeweiht wird. Was war für Sie die schwierigste Phase innerhalb dieser Geschichte bis der Bundestag dem Vorschlag zugestimmt hat, dann letztlich die Ausschreibung, es gab ja viele Hürden in jeder Phase, oder auch die Bauzeit, die sich ja auch noch mal verzögert hat?

Rosh: Nein, das war nicht das schwierige. Also mit dem Bundestagsbeschluss stand fest, es würde gebaut werden und das war dann Eisenman II, der verkleinerte, reduzierte Entwurf. Also, zwei schwierige Phasen hatten wir, als Helmut Kohl, allerdings auf Betreiben von Ignaz Bubis, den Siegerentwurf, diese Namensplatte des ersten Wettbewerbs oder der ersten Wettbewerbsstufe, zurückgerufen hat.

Nachdem alle Gremien - wir hatten ja wochenlang und monatelang zusammen gesessen, das war ja ein gemeinsamer Beschluss von Bund, Land Berlin und Förderkreis - als er das zurückrief, da habe ich schon sehr gezweifelt, ob das ganze Unternehmen noch gelingen könnte und würde oder nicht. Gut, dann mal ein Jahr nachdenken und Ruhepause und dann gab es die zweite Wettbewerbsstufe.

Aber happig war eben auch, bevor Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde, hat er aus Amerika uns sagen lassen über Michael Naumann, den damals designierten Minister für Kultur und Medien, dass die Republik das Stadtschloss errichten würde und nicht das Denkmal. Das war für uns eine herbe Enttäuschung, sowohl für Jäckel als auch für mich, als für den ganzen Vorstand.

Und dann gab es eine Frau, Elke Leonhard, die war die Vorsitzende des Kulturausschusses des Deutschen Bundestages, die dann die Bundestagsdebatte betrieben hat. Jäckel und ich, wir sind in alle Fraktionen gegangen, wir haben einfach dafür geworben. Und die Bundestagsmehrheit 314 zu 209 Stimmen hatte sich ja dann für die Errichtung des Denkmals und nicht für das Stadtschloss entschieden. Das waren zwei Phasen, die schon schwer zu verkraften waren.

Wuttke: Sie haben eben Eberhard Jäckel angesprochen. Er ist ja derjenige gewesen, der sozusagen 1988 Ihnen ganz persönlich auch den Anstoß gegeben hat und die Frage gestellt hat: Ja, warum hat Berlin eigentlich, warum hat Deutschland kein zentrales Holocaust-Mahnmal? Ist er Ihr Wegbegleiter geblieben? Ist er Ihr Wegbegleiter?

Rosh: Ja. Ganz eng und ganz dicht. Ohne Eberhard Jäckel wäre das alles gar nicht so gelaufen und wäre es auch nicht gut.

Wuttke: Ist denn der heutige Tag für Sie der Schlusspunkt einer Geschichte?

Rosh: Nein, wir machen ja weiter. Wissen Sie, wir stemmen uns ja dagegen, dass das Denkmal verstaatlicht wird, ich sage mal in Anführung. Es ist das Denkmal von Bürgerinnen und Bürgern. Wir haben es angestoßen, die Bürgerinitiative, und wir stehen auch da drauf. Wir haben 150 Mitglieder, die seit Jahren Beiträge zahlen, die mit uns auf der Straße gestanden haben, Geld gesammelt haben. Die bleiben ja alle dabei. Wir haben ungefähr 900.000 Euro, wir wollen noch mehr Geld einsammeln bei der deutschen Bevölkerung für dieses Denkmal, für den Raum der Namen, damit wir alle Namen, die wir aus Yad Vashem bekommen haben, dreieinhalb bis vier Millionen, sichtbar und hörbar machen können.

Jetzt kann man im Ort der Information rund tausend Schicksale hören und an alle vier Wände wird gleichzeitig Vor- und Nachname, Geburts- und Sterbedatum der ermordeten Personen projiziert. Wir wollen aber alle drei bis vier Millionen Namen sichtbar und hörbar machen. Es heißt ja, und das ist auch ein guter Satz, jeder Mensch hat einen Namen. Und das wollten wir von Anfang an, den Juden ihren Namen zurückgeben.

Wuttke: Ich habe gelesen, Sie hätten gesagt, der Holocaust hätte Sie vergiftet. Was meinten Sie damit?

Rosh: Nein, ich habe nur gesagt, poröser gemacht. Wissen Sie, wenn man 30 Jahre lang an diesem Thema arbeitet und sich mit diesen schrecklichen Todesgeschichten beschäftigt, das ist natürlich ein Gift, das in einen geht, das schüttelt man ja nicht ab, das schluckt man auch nicht alles so runter, als würde es einen nichts angehen. Das arbeitet schon in einem. Man wird poröser, empfindlicher.

Aber so ist das halt. Ich habe noch niemanden getroffen, der mit diesem Thema zu tun hat, wenn man darauf zu sprechen kommt, der da abschaltet, abschalten kann. Man kann nicht abschalten, man kann es auch nicht lassen, man forscht weiter. Und so werde ich auch mit diesem Thema natürlich weiter verbunden bleiben, weiter arbeiten, aber nicht ausschließlich.

Wuttke: Sind Sie auch poröser geworden, was die Kritik an Ihrer Person angeht über die Jahre, man hat sie "Oberlehrerin" genannt oder auch "Holocaust- Kassandra", was haben Sie damit gemacht?

Rosh: Ach wissen Sie, man muss irgendwann mal begreifen, dass das von Leuten kommt, die sich darüber profilieren wollen, die die Überbringerin einer schlechten Botschaft damit treffen wollen. Ich habe ja auch den Menschen in diesem Land eine Menge abverlangt. Also sich dazu zu stellen, dass wir, die Deutschen unser größtes Verbrechen so sichtbar und auf sehr, sehr lange Zeit mitten in der Hauptstadt zu dokumentieren, das verlangt schon eine ganze Menge. Und dann ist das auf mir abgeladen worden.

Also früher sind die Überbringer schlechter Nachrichten geköpft worden, ich habe das eingesteckt. Aber wissen Sie, wenn man das begreift, womit das zusammenhängt, aus welchen Gründen das so formuliert wird, dann lernt man damit leichter umzugehen. Aber ich gebe zu, man wird lieber geliebt und gelobt, als getadelt und als ich weiß nicht was - es gibt ja schlimmeres als Kassandra - bezeichnet werden. So ist es eben und damit muss man leben, wenn man sich ein solches Thema vornimmt. Ich hätte mir ja auch etwas Netteres aussuchen können, habe ich aber nicht.

Wuttke: Das heißt an der Gedenktante - wie Sie sich selbst genannt haben - ist auch ein bisschen Stolz dabei?

Rosh: Also, Stolz muss was anderes sein. Nicht darauf, nein. Ich bin dankbar, dass wir das haben. Eberhard Jäckel rief mich gerade vorhin an und sagte: Lea, wir haben es geschafft. Das ist doch wunderbar. Und: Ärger dich nicht darüber. Und darüber sag ich ihm auch: Wir haben es geschafft und dieses Denkmal steht. Und die Akzeptanz nimmt ja zu ständig. Und das ist ja auch etwas sehr Erfreuliches. Wenn wir eines Tages so weit sein sollten, dass die meisten Deutschen sagen: Es ist unser Denkmal für die europäischen ermordeten Juden - dann bin ich richtig froh.

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