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Buchkritik | Beitrag vom 12.07.2019

Huw Lewis-Jones: "Verrückt nach Karten"Geschichten vom Vermessen der Welt

Von Günther Wessel

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Buchcover zu "Verrückt nach Karten" (Wbg Theiss / Deutschlandradio)
Über die Magie der Karten schreiben verschiedene Autoren in "Verrückt nach Karten". (Wbg Theiss / Deutschlandradio)

Für den englischen Historiker und Journalisten Huw Lewis-Jones ist ein Leben ohne Landkarten nicht vorstellbar. Sie ordnen und vermessen die Welt, regen gleichzeitig die Phantasie an. Der Leidenschaft ist das Buch "Verrückt nach Karten" gewidmet.

Karten sind wesentlich mehr als die Projektion eines Landstriches auf eine Fläche. Sie erschaffen eine Welt im Kopf, zeigen einen Weg, locken aber den Betrachter vielleicht auch dorthin, wo er nie hin wollte. Alte Karten besaßen weiße Flecken oder füllten diese mit Fabelwesen, Glücksversprechen oder Bedrohungen, sie lockten und warnten gleichzeitig. Noch heute versuchen Karten, das Chaos und die Fülle an Informationen zu ordnen und Wirklichkeit zu komprimieren.

Fiktive Karten in der Literatur

Allerdings nicht immer, denn es gibt auch erfundene Karten, etwa in literarischen Werken. Den Umschlag von Thomas Morus "Utopia" schmückte eine Karte des legendären Landes. Sandro Botticelli malte angeregt durch Dantes "Göttliche Komödie" schon um 1480 eine Karte der neun Kreise der Hölle.

Seltsamerweise kam eines des bedeutendsten Werke der Weltliteratur ohne eine Ansicht des Landes aus: Daniel Defoes "Robinson Crusoe". Etwas später veröffentlichte Jonathan Swift seinen "Gulliver". Die Inseln, auf denen sein Held strandete, ließ er in echte Landkarten einzeichnen, um Realität vorzugaukeln: Lilliput liegt demnach westlich von Australien.

Ein Werk der Weltliteratur verdankt sein Entstehen überhaupt erst einer Karte: Robert Louis Stevenson zeichnete im Sommer 1881 zur Unterhaltung seines zwölfjährigen Stiefsohnes die Karte einer Schatzinsel: detailverliebt und die Phantasie anregend – offensichtlich vor allem seine eigene.

Über Erzählkarten und Frauen in der Kartografie

Huw Lewis-Jones ist nicht alleiniger Autor des Buches, er hat sich als Herausgeber 23 prominenter Mitautorinnen und -autoren versichert, die teilweise höchst persönlich von ihrem Leben mit Karten berichten.

So schreibt der Schriftsteller Robert Macfarlane über Erzählkarten – solchen, die in alten Kulturen gefertigt wurden und Orte so darstellten, wie Individuen oder Gruppen sie wahrnahmen. Das erfordert oft bestimmte Techniken. So schnitzten die Inuit dreidimensionale Karten aus Holz; Minikopien der Region, in der sie lebten.

Sandi Toksvic, englische Radiomoderatorin und Autorin, steuert einen Text über Frauen in der Kartografie bei: Mal berichtet sie von Nonnen, die im 13. Jahrhundert die berühmte, leider nur noch in Kopie erhaltene, dreieinhalb Quadratmeter große Ebstorfer Weltkarte zeichneten. Und sie erzählt von Phyllis Pearsall, die sich mit einer uralten Karte in London verirrte und daraufhin angeblich 23.000 Straßen ablief, um anschließend den höchst erfolgreichen London "A-Z Stadtplan" zu entwickeln.

Persönliche Erfahrungen Anekdoten, kluge Gedanken und literarische Fundstücke vermitteln in Lewis-Jones' Buch den Zauber von Karten. Zudem ist es grandios und opulent illustriert: Ein Buch, um sich darin zu verlieren.

Huw Lewis-Jones (Hrsg.): "Verrückt nach Karten. Geniale Geschichten von fantastischen Ländern"
Aus dem Englischen von Hanne Henninger
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019
256 Seiten, 34 Euro

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