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Lesart / Archiv | Beitrag vom 19.05.2020

Huw Lewis-Jones: "Das Buch des Meeres"Jenseits des Seemannsgarns

Von Günther Wessel

Das Buchcover von Huw Lewis-Jones: "Das Buch des Meeres. Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer". (DuMont/Deutschlandradio)
Huw Lewis-Jones: "Das Buch des Meeres. Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer" (DuMont/Deutschlandradio)

Nehmt Papier und Tinte mit, lautete im 16. Jahrhundert ein Ratschlag an Seefahrer, die ins Unbekannte aufbrachen. Und das taten sie: Huw Lewis-Jones hat jetzt aus den Tagebüchern von 70 Reisenden ein opulentes Buch zusammengestellt.

Log- und Tagebücher wurden aus sehr verschiedenen Gründen geführt: Sie dienten einerseits zur Dokumentation der Reiseroute oder um Seekarten zu verbessern. Sie wurden aber andererseits auch dazu genutzt, wissenschaftliche Erkenntnisse aufzuzeichnen oder Persönliches zu erzählen.

Nur nicht verzweifeln 

So konnte man hinterher die Erlebnisse mit anderen teilen – Seereisen dauerten Monate, wenn nicht gar Jahre und waren oft voller Gefahren. Das Tagebuchschreiben war aber auch Hilfsmittel gegen Langeweile und Angst; es diente zur Selbstvergewisserung und zu eigenen Orientierung. Man wusste, wo man war, wie es dort aussieht und was man erlebte – und das half, nicht zu verzweifeln und zu überleben.

Musterbeispiel dafür sind die Notizen von Frank Hurley, der mit Ernest Shackleton in der Antarktis 1915 Schiffbruch erlitt und monatelang zusammen mit 21 Kameraden auf einer Insel im Südatlantik ausharrte. Schutz bot ihnen eine Konstruktion aus zwei umgedrehten Booten. Skizzen in seinem Tran- und Seewasser-gefleckten Notizbuch zeigen unter anderem, wie die Männer dicht gedrängt in ihren Schlafsäcken nebeneinander liegen.

Auch die Tagebücher von William Bligh halfen diesem offensichtlich, sein Schicksal zu bewältigen. Bligh, Kapitän der "Bounty", war ein herausragender Seemann, der das kleine Boot, in dem er mit 19 Männern ausgesetzt wurde, 5800 Kilometer über das offene Meer  navigierte. Zudem war er ein guter Zeichner wie seine Skizzen von Hammerhaien oder Sittichen belegen.

Nicht nur große Namen

Lewis-Jones hat sich als Herausgeber glücklicherweise nicht nur auf die großen Namen der Entdeckungsgeschichte konzentriert. Denn deren Tagebücher sind nicht die besten, eher sind es die der mitreisenden Zeichnerinnen oder Wissenschaftler.

Stimmungsvolle Bilder der nördlichen Polarwelt etwa zeichnete Louis Choris, der 1815 als Künstler an der von Otto von Kotzebue geleiteten Rurik-Expedition rund um die Erde teilnahm. Herausragend auch die Bilder von Else Bostelmann, die in den 1930er-Jahren unter Wasser mit einer Taucherglocke auf dem Kopf die Tierwelt der Bermudas mit einer Stahlnadel auf einer Zinkgravurplatte dokumentierte.

Herausragende Bilder

Sie ist eine der sechs Frauen, die in dem Band porträtiert werden. Den frühen weiblichen Reisenden aus dem 18. und 19. Jahrhundert war eines gemeinsam: Sie mussten sich als Männer getarnt an Bord schleichen.  

Mit den kurzen, prägnanten Porträts, den wundervollen Bildern und der großzügigen Gestaltung ist Lewis-Jones ein Buch zum Blättern und Staunen gelungen. Und vielleicht hilft das Staunen auch dabei, das Meer wertzuschätzen und sein fragiles Gleichgewicht zu erhalten.

Huw Lewis-Jones: "Das Buch des Meeres. Tage- und Skizzenbücher großer Seefahrer"
Aus dem Englischen von Annika Klapper und Nina Goldt
DuMont, Köln 2020
304 Seiten, 40 Euro

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