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Fazit | Beitrag vom 08.09.2019

Houellebecq im Deutschen TheaterKomödie aus der postkapitalistischen Arbeitswelt

Von André Mumot

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Ein Mann im Anzug lehnt gegen einen Statuenkopf. Auf seinem eigenen Kopf sind zwei tierische Hände und ein Fuß zu sehen. (Foto: Arno Declair / Deutsches Theater)
Samuel Finzi spielt in der Berliner Inszenierung die Rolle des Arbeitskollegen Tisserand. (Foto: Arno Declair / Deutsches Theater)

Literaturstar Michel Houellebecq ist auch auf den deutschen Bühnen präsent. Nun hat sich das Deutsche Theater dessen Erstlingsroman "Ausweitung der Kampfzone" vorgenommen - mit dem großen Schauspieler Samuel Finzi.

25 Jahre ist es her, dass der französische Schriftsteller Michel Houellebecq seinen provozierenden Einstieg in die Weltliteratur gefeiert hat: 1994 erschien die französische Erstausgabe von "Ausweitung der Kampfzone". Ein Buch, das seitdem zum Klassiker einer brüchig gewordenen Männlichkeitsbespiegelung geworden ist.

Tatsächlich tauchen die Bearbeitungen von Houellebecqs süffisant bösartigen, selbstquälerischen Romanen derzeit überall an den Theatern auf, gerade erst hat etwa der Regisseur Falk Richter "Serotonin" am Hamburger Schauspielhaus inszeniert. Das ist schon deshalb erstaunlich, weil sich die Bühnen derzeit angeblich doch so sehr darum bemühen, neue feministische Perspektiven zu entwickeln – weg vom männlich dominierten Roman und vom Dramenkanon.

Keine klare Linie

Auch an diesem Abend im Deutschen Theater in Berlin merkt man, dass Regisseur Ivan Panteleev schwer damit ringt, wie nun mit dem Phänomen Houellebecq umzugehen ist, mit seinem ausgestellten Sexismus, seiner psychopathologischen Wehleidigkeit des sexuell frustrierten weißen Hetero-Mannes. Abwehren? Zersetzen? Der Lächerlichkeit preisgeben?

Eine klare Linie im Umgang mit Houellebecqs Vorlage findet diese Inszenierung zu keinem Augenblick, entscheidet sich aber für ein nach allen Seiten offenes Aus-dem-Vollen-Schöpfen: In unordentlichster Überfrachtung werden hier die Regie-Einfälle auf die Bühne gekugelt, ausprobiert, durchgehechelt, ausgebremst. Houellebecqs düstere Verzweiflungswelt wird hier zur überdrehten Komödie aus der postkapitalistischen Arbeitswelt. Und das Ensemble albert sich durch Sex- und Job-Frust. Der Hauptdarsteller Samuel Finzi kocht live Kartoffelbrei mit nacktem Hintern. Dazu wird geduscht, es werden Zaubertricks aufgeführt und riesige Frauenbeine senken sich aus dem Minirock, der an der Bühnendecke auftaucht.

Überdrehte Komödie

Eben noch ärgert man sich über das übermäßig aufgekratzte Spektakel, dann wieder verfällt man dem verdrucksten Charme von Marcel Kohler, der den Protagonisten als stoischen IT-Buster Keaton spielt, dessen dunklere Seiten sich erst langsam zeigen und der sich folgerichtig auch in einer Szene einen überdimensionierten Houllebecq-Kopf aufsetzt.

An seiner Seite verzückt Finzi als noch verzweifelterer Versager, der sich mit Angelrute und Langhaarperücke in desaströse Disconächte hineintanzt und sich am Ende nonchalant ans Publikum richtet und klar macht: Die Houllebecq-Depression ist von uns allen nicht so weit entfernt wie wir gern hätten.

Lohnender als die Lektüre

Regisseur Panteleev behält erkennbare Rollen und den Handlungsverlauf bei, verteilt die abgründigen und durchaus anregenden Monologe (darunter aktuellere Houellebecq-Essays über den Dschihadismus und den Feminismus) aber auf das gesamte Ensemble, auch auf die Frauen: Kathleen Morgeneyer und Lisa Hrdina durchbrechen das männliche Leid, zeigen, wie allgemeingültig die "Ausweitung der Kampfzone" als Analyse einer beziehungsgestörten Gesellschaft immer noch ist, ohne dass der Chauvinismus der Vorlage damit ausgelöscht oder befriedet werden würde.

Man muss solche Romane nicht ständig auf die Bühne bringen. Sich diesen Abend im Deutschen Theater anzusehen ist aber im Grunde bereichernder als den zutiefst deprimierenden Text von 1994 noch einmal zu lesen. Weil hier der neurotische Kampf um beruflichen und sexuellen Erfolg zum ernsten Spiel und gleichzeitig zur ironischen Show wird, weil dieser Abend ambivalent und hilflos und lebendig ist und so  – wenigstens manchmal – tatsächlich berührt.

Die nächsten Vorstellungen im Deutschen Theater in Berlin sind am 9., 13. und 26. September zu sehen. 

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