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Zeitfragen | Beitrag vom 03.06.2019

Homeschooling in DänemarkEin Weltall-Referat am Familientisch

Von Miriam Arndts

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Ein Mädchen referiert stehend, vier weitere Kinder am Tisch sitzend hören ihr zu. (Miriam Arndts)
Die Kinder der dänischen Familie Schou beim gemeinsamen Unterricht mit Freunden zuhause. (Miriam Arndts)

In der Heimschule der Familie Schou in Dänemark steht nicht nur der klassische Lernstoff auf dem Programm. Die Kinder lernen auch beim Gemüseeinkauf, im Garten oder beim Lesen von Manga-Comics. Und wer eine Pause braucht, geht aufs Trampolin.

Es ist 10 Uhr morgens und in der Heimschule der Familie Schou, wie sie sie selbst nennen, ist es ganz still. Die vier Kinder sind vertieft in ihre jeweiligen Tätigkeiten. Weil sie mit dem Lernstoff für dieses Schuljahr fast fertig sind, dürfen die Kinder an diesem Vormittag selbst entscheiden, womit sie sich beschäftigen.

Die 15 Jahre alte Martha zeichnet Fantasiewesen, die 12-jährige Edith bastelt an einer Tasche aus Plastikperlen, die 11-jährige Dagmar liest einen japanischen Comic. Der Jüngste, Hjalmar, schreibt Wörter in eine Reihe. Er ist sechs Jahre alt. Seine Lieblingsbeschäftigung in der Schule sei es, in seinem Arbeitsheft Wörter mit den dazugehörigen Bildern zu verbinden, erzählt er. In welche Klasse er gehe, wisse er nicht.

Mutter Vibeke Schou sitzt auch mit am Tisch, hält sich aber im Hintergrund. Die Entscheidung, die Kinder zu Hause zu unterrichten, trafen sie und ihr Mann, als ihre älteste Tochter eingeschult werden sollte.

Die Begeisterung der Kinder fürs Lernen bewahren

"Mein Mann und ich erinnerten uns an unsere Schulzeit. Und die war nicht immer rosig. Entweder musste man auf die anderen warten und langweilte sich, oder man hinkte so weit hinterher, dass man total verloren war. Ich sah mir 10 bis 20 Schulen in der Umgebung an und suchte nach einer, die ich selbst jeden Tag besuchen wollte. Diese Schule gab es nicht.

Unser Ansatz ist, dass Lernen ein großartiges Geschenk ist und wir wollen die Begeisterung in unseren Kindern bewahren. Viele Kinder freuen sich ja auf ihren ersten Schultag und darauf, etwas zu lernen. Und dann wird diese Begeisterung nach und nach ausgelöscht."

Frau und mehrere Kinder schauen auf einen Bildschirm. (Miriam Arndts)Ihre Doppelrolle als Mutter und Lehrerin empfindet Vibeke Schou als völlig natürlich. (Miriam Arndts)

Seit zehn Jahren unterrichtet Vibeke Schou ihre Kinder zu Hause, während ihr Mann arbeitet. Abends macht er mit den Kindern manchmal physikalische und elektronische Experimente, während die ausgebildete Schneiderin Nähkurse an der Volkshochschule gibt.

Ihre Doppelrolle als Mutter und Lehrerin empfindet Vibeke Schou als völlig natürlich. "Bei uns ist es ein bisschen so, wie es zu Beginn der Menschheit war: Die Mutter bringt den Kindern das bei, was sie fürs Leben brauchen. Für mich ist Unterrichten und Muttersein ein und dasselbe."

Bei Familie Schou klingelt keine Pausenglocke

Hjalmar ist inzwischen in den Garten gelaufen, wo er auf einem riesigen Trampolin hüpft. Das macht er, wenn er nicht mehr still sitzen kann, erklärt seine große Schwester Martha. Bei Familie Schou klingelt keine Pausenglocke. Die Kinder nehmen sich ihre Pause, wenn sie sie brauchen.

Die Zweitjüngste, Dagmar, erzählt, dass sie gerne mal ausprobieren wollte, wie es ist, in eine normale Schule zu gehen. Also begleitete sie einen Freund einen Tag lang in die vierte Klasse. Es war sehr laut, sagt sie. Zu Hause könne man die anderen bitten, leise zu sein, wenn man sich konzentrieren müsse. Hier habe man außerdem mehr Zeit, sagt die 11-Jährige. Diesen Eindruck hat sie vermutlich auch, weil nur ein Bruchteil des Heimschul-Alltages klassischer Unterricht mit Stillsitzen ist.

"Bei uns zu Hause ist ja rund um die Uhr Unterricht. Wenn wir im Supermarkt sind, frage ich die Kinder: Welche Möhren sind hier das beste Angebot? Auch wenn wir im Garten sind, lernen wir die ganze Zeit und das ganze Jahr über. Wenn wir einen Regenwurm finden, dann gehen wir rein und lesen was über Regenwürmer. Dann sagen wir nicht: Das machen wir jetzt nicht, weil Sommerferien sind."

Der Wechsel an die öffentliche Schule steht bevor

Dagmar ist mittlerweile ihrem kleinen Bruder aufs Trampolin gefolgt. Ein Junge und zwei Mädchen tauchen am Gartentor auf. Hjalmar hüpft vor Freude noch höher. Damit ihre Kinder genügend soziale Kontakte haben, lädt Vibeke Schou oft andere Kinder zu sich nach Hause ein.

Diese drei Geschwister werden auch zu Hause unterrichtet. Deswegen ist es völlig normal für sie, sich nach kurzem Spiel im Garten mit an den Tisch zu setzen und Marthas Referat über das Weltall zu lauschen. Es geht unter anderem um den Urknall, der allen hier ein Begriff zu sein scheint, und um den dänischen Astronomen Tycho Brahe. Dagmar und Edith machen sich Notizen und heben den Finger, wenn sie Fragen haben.

Hjalmar hat sich auf den Schoß seiner Mutter gemogelt und hört gespannt zu. Auch er meldet sich: Er glaube nicht, dass Aliens Ufos bauen können, sagt er. Martha ist ganz seiner Meinung. Keiner macht sich über seine Bemerkung lustig.

Martha fängt im August in der zehnten Klasse einer öffentlichen Schule an und möchte im Jahr darauf an ein naturwissenschaftliches Gymnasium wechseln. Vielleicht werde sie Schriftstellerin, sagt Martha. Sie habe angefangen, alle Experimente, die sie machen, zu notieren, um daraus lustige Geschichten zu schreiben, von denen andere Kinder etwas lernen können. Vielleicht werde sie aber auch Astronomin.

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