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Zeitfragen | Beitrag vom 27.04.2021

HomeofficeViele Junge sind Verlierer in der Pandemie

Von Thilo Schmidt

Eine Frau sitzt im dunkeln Raum an einem Tisch und arbeitet. (Imago / Westend61)
Seitdem der Küchentisch auch zum Schreibtisch geworden ist, ist wohl vor allem für viele junge Menschen die Karriere ins Stocken geraten, hat eine Studie ergeben. (Imago / Westend61)

Seit einem Jahr sitzen viele im Homeoffice. Die einen wollen dort nie wieder weg, für andere ist jeder weitere Tag einer zu viel. Auch zwei neue Studien sind jetzt zu ambivalenten Erkenntnissen zum Thema Arbeiten zu Hause gekommen.

"Wenn man einen eigenen Raum hat, in dem man arbeiten kann, wo man völlig ungestört ist, mit einer guten Anbindung, das ist natürlich wirklich Luxus pur."

Eckart, 52 Jahre alt, Führungskraft bei einem Dax-Konzern, arbeitet seit Beginn der Pandemie zu Hause. Haus mit Garten, eines der beiden Kinder ist bereits ausgezogen, ideale Bedingungen fürs Homeoffice. Um mit seinen Mitarbeitern, die über die ganze Republik verteilt sind, zu telefonieren, muss er sich nun nicht mehr jeden Tag in den Stau stellen.

"Eine Stunde, eineinviertel Stunde Fahrt war das schon jeden Tag. Und das ist natürlich schon eine irre Belastung. Man merkt das ja erst, wenn man die nachher, ich sag mal, zur freien Verfügung hat."

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Wenn die Umstände es erlauben, führt er das ein oder andere Telefongespräch während eines Waldspaziergangs.

"Ich finde, man ist durchaus kreativer und positiver. Wenn man in einem lichtarmen Besprechungsraum sitzt, ist, glaube ich, einfach die Vielfalt der Gedanken weiter eingeschränkt, als wenn man mal an der frischen Luft draußen läuft."

"Die Älteren sind in der Regel schon ein bisschen weiter in ihrer Karriere", sag Andreas Pfnür, Immobilienökonom an der TU Darmstadt.

"Und die haben es dann deutlich leichter, weil sie sich besser in ihrem Beruf zurechtfinden und dann natürlich auch Mitarbeiter haben, die dann für sie auch die Arbeit erledigen, und die brauchen da entsprechend nicht ganz so viel Back-up aus der Firma und können das dann entspannter von zu Hause machen."

Frust und weniger Chancen im Homeoffice

Andreas Pfnür und seine Kollegen haben seit Beginn der Pandemie etwa 1000 Beschäftigte nach ihren Erfahrungen im Homeoffice befragt. Viele sind unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation.

"Und wir sehen, dass etwa 40 Prozent der Beschäftigten im Homeoffice weniger erfolgreich und auch weniger zufrieden sind. Und das sind nach unserer Analyse vor allem die jüngeren, die da verlieren."

Das liege an der oftmals beengten Wohnsituation. Zudem fänden sich jüngere Beschäftigte im Homeoffice nicht so gut zurecht, weil ihnen häufig die Unterstützung durch ältere Kollegen fehle.

"Die möchten eigentlich gerne auch noch Sprünge machen, sie sind oftmals nicht eingearbeitet, man fängt frisch im Job an und muss sich erst mal zurechtfinden, und da braucht man einfach auch die Hilfe der Älteren und Unterstützung von erfahreneren Teammitgliedern."

Insofern ist Eckart, 52, Führungskraft, eigentlich ein typischer Gewinner, einer, der durchs Homeoffice nur profitiert. Haus mit Garten, sozialer Zusammenhalt in der Familie. Und dennoch: Selbst er sehnt sich danach, ein, zwei Mal die Woche in der Firmenzentrale zu arbeiten.

"Es gibt Gespräche, die man geführt hat, wo man jemanden einfach auf dem Weg zum Konferenzraum begegnet ist. Und hat sich nur darüber… ´Ach wie geht’s dir, was machst denn du?` … dann sind Ideen aufgekommen, die durch so einen Zufall entstanden sind, und die kann man nicht in einer Homeoffice-Situation provozieren. Das ist schon ein großer Nachteil, und das ist auch wahrscheinlich das, was uns fehlen wird, dass viele strategische Themen und viele tolle Ideen uns verloren gehen, weil die Leute alle allein zu Hause sitzen."

Manchen Arbeitgebern fehlt das Vertrauen

Auch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat Arbeitnehmer von Beginn der Pandemie an nach ihren Erfahrungen mit dem Homeoffice befragt. Drei von vier Befragten gaben an, dass die Kommunikation per E-Mail und Videokonferenz den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann. Insgesamt empfindet ein Drittel das Homeoffice als anstrengender. Und das vielleicht wichtigste Ergebnis: Dort, wo es klare Regeln gibt, die zum Beispiel in einer Betriebsvereinbarung fixiert sind, sind Arbeitnehmer zu Hause am glücklichsten. Bettina Kohlrausch, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Böckler-Stiftung.

Eine junge Frau steht mit anderen Personen auf einem Podium und sagt etwas. (Hans-Böckler-Stiftung)Bettina Kohlrausch hat auch kritikwürdige Erfahrungen aus dem Homeoffice gesammelt. (Hans-Böckler-Stiftung)
"Es geht zum Beispiel um Fragen von Erreichbarkeit und Nichterreichbarkeit, die geregelt werden sollen, das Recht auf Pausen. Es geht um die Ausstattung im Homeoffice, es geht um die Frage von Arbeits- und Gesundheitsschutz, und, ganz wichtig, um Datensicherheit."

Und es geht auch um Fragen von Kontrolle und Überwachung.

"Mich erreichen öfter mal Erzählungen, dass es offensichtlich Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen gibt, die darauf bestehen, dass die Leute vor der Kamera sozusagen arbeiten, damit kontrolliert werden kann, dass sie arbeiten. So was geht natürlich nicht. Das heißt, hier stellen sich natürlich ganz neue Regelungsbedarfe, über die man vorher noch gar nicht nachgedacht hat."

Es bleiben viele offene Fragen, während sich das Homeoffice fest zu etablieren scheint. Manche Unternehmen planen bereits den Abbau von Bürokapazitäten.

"Und das würde ich für eine bedenkliche Tendenz halten. Wichtig ist: Homeoffice muss eine freiwillige Option sein. Das ist auch ein Erfolgskriterium."

Mit dem Schreibtisch auf dem Dorf

Großwudicke, 80 Kilometer westlich von Berlin. Mitten in dem 500-Einwohner-Dorf haben junge Menschen die Waldstatt gegründet, ein Coworking-Space. Der IT-Spezialist Mike Großmann hat einen Büroturm in Berlin gegen den Schreibtisch auf dem Dorf getauscht.

"Ich hatte nach Berlin einen Fahrtweg von über einer Stunde, zweitens habe ich die öffentlichen Verkehrsmittel. Hier fahre ich mit dem Fahrrad oder mit dem Auto, bin in fünf Minuten hier, maximal zehn Minuten, und bin in der Natur. Nicht in der Großstadt. Habe eine schöne Umgebung hier, habe nette Leute um mich rum, ich gehe also nur aus der Haustür – ins Grüne."

In der Waldstatt treffen Freiberufler, Professoren oder Politikberater an ihren temporären Arbeitsplätzen aufeinander, aber auch Angestellte – als Alternative zum Homeoffice.  Bedingt – oder zumindest beschleunigt – durch die Pandemie entstehen ganz neue Arbeitswelten.

"Und von daher habe ich eine Alternative zu meinem kleinen 16-Quadratmeter-Büro zu Hause, wo die Kinder umherrennen, und dafür ist ja die Natur und das dörfliche einfach perfekt."

Mike Großmann wird in der Waldstatt bleiben, wenn die Pandemie gegangen ist.

Die Arbeitsorte werden sich ändern

"Wir haben festgestellt, dass gerade Innovation in Co-Working-Spaces enorm befördert wird. Und da ist die Lust an der Arbeit auch durchaus größer."

Der Immobilienökonom Andreas Pfnür.

"Und gerade diese bunte Welt, von der Sie sprechen, die macht eine größere Zufriedenheit bei der Arbeit und macht durchaus einiges aus in Bezug auf Produktivität. Das ist förderlich, das kann man eindeutig so sagen."

Homeoffice wird bleiben und Büroarbeitsplätze auch, aber sie werden sich verändern. Vielleicht sind sie bald – in Zusammenarbeit mit den Kommunen – in ehemaligen Warenhäusern oder stillgelegten Bahnhofsgebäuden zu finden – in sogenannten "Work-Community-Hubs". Mit diesen neuen Arbeitswelten beschäftigt sich der Volkswirt Bernd Fels und seine Kollegen vom Expertennetzwerk "if5" bereits seit Jahren.

"Wir haben in Braunschweig, weil ich hier lebe, einfach mal angefangen, so was mal durchzuplanen, sind auch mit Eigentümern im Gespräch, wir arbeiten stark dran, in einem interdisziplinären Team."

Auf großen Flächen könnten neben lokalem Handel und Gastronomie, Bürgerämtern und Bildungseinrichtungen flexible Arbeitsplätze angesiedelt werden, die von kleinen und großen Unternehmen für ihre Mitarbeiter angemietet werden, um stundenlanges Pendeln zu vermeiden. Und um den Mitarbeitern Alternativen zum Homeoffice anzubieten.

"Wir brauchen Orte, auch gerade neben den Headquarters, wo man auf kurzem Weg hinfahren kann, um eben Zeit einzusparen, CO2 einzusparen, aber auch mit anderen ins Gespräch zu kommen, auf neue Gedankengänge zu kommen."

Die Bürowelt wird nicht verschwinden. Aber sie wird sich verändern.

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