Erinnerungskultur in Deutschland

Wie gelingt ein Holocaust-Gedenken für alle?

03:53 Minuten
Mahnmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin.
Gedenken und Erinnerungskultur sollte inklusiv sein, sagt Ofer Waldman. © Unsplash / Willian Justen de Vasconcellos
Überlegungen von Ofer Waldman · 27.01.2022
Audio herunterladen
Die Erinnerung an den Holocaust ist ein zentraler Teil der politischen Identität Deutschlands. Doch was ändert sich daran, wenn die Gesellschaft immer heterogener und vielfältiger und der zeitliche Abstand zur Shoah immer größer wird?
„Das Vergangene ist nicht tot. Es ist nicht einmal vergangen“, schrieb Christa Wolf einst.
Dieser Satz gilt hierzulande allemal in Bezug auf den Holocaust, die Ermordung der Juden Europas im Zweiten Weltkrieg. Ein Historikerstreit jagt den nächsten, während die ikonischen Erinnerungszeichen des Holocausts ungebrochen als politische Referenzen herhalten – das letzte, eher ekelerregende Beispiel dafür, ist der gelbe Davidstern der Ungeimpften.
Diese allgegenwärtige, ungebrochene und zum Teil kontroverse Erinnerungskultur bezüglich des Holocausts ist aber ein zu begrüßendes Phänomen. Vor allem wenn man bedenkt, dass die letzten Opfer – und Täter – nicht mehr lange unter uns sein werden.   

Der Holocaust als ikonischer Versammlungspunkt

Fast könnte man sagen: So wie in Israel, das unter anderem infolge des Holocausts entstand, versammelt sich die bundesdeutsche Gesellschaft um die Gedächtnisikone des Holocausts und bezieht aus ihm eines ihrer konstituierenden Momente.
Aber doch nur fast: Denn während der ikonische Versammlungspunkt des Holocausts konstant bleibt, ändert sich die deutsche Gesellschaft, die auf ihn zurückschaut: Sie wird heterogener, vielfältiger, diverser. Zu ihr gehören deutsche Bürgerinnen und Bürger, die keinen direkten, familienbiografischen Bezug dazu haben.
Deutsch-Palästinenser tragen im eigenen Namen gar einen Zwiespalt: Die jüdischen Hauptfiguren ihrer bundesdeutschen Identität sind eng verwandt mit den Widersachern ihrer palästinensischen Familienbiografie.  

Ist das Gespräch über den Holocaust offen für alle?

Das Bekenntnis zur Erinnerung an den Holocaust – und dadurch zum unerbittlichen Kampf gegen Antisemitismus – soll zurecht als Eintrittskriterium in den deutschen Konsens gelten.
Und doch drängt sich die Frage auf, ob das Gespräch über Holocaust und Antisemitismus in Deutschland auf eine solche Art und Weise geführt wird, die allen Teilen der Gesellschaft Platz an diesem Versammlungspunkt gewährt. Also auch denen, die keinen familienbiografischen Bezug zu Auschwitz haben.
Oder ob das Gespräch über Holocaust und Antisemitismus zwar sicherlich keine „Keule“ ist, dafür aber zu einer Schranke wurde: Eine Schranke am Eingang zur deutschen Gesellschaft, die nur diejenigen passieren dürfen, die mit den einstigen Tätern oder Opfern verwandt sind.

Die schwierigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre über Antisemitismus und Gedenkkultur veranschaulichen, wie drängend diese Fragen sind. Wie herausfordernd es ist, die heutige Vielfalt deutscher Biografien im Gespräch über Holocaust und Antisemitismus repräsentiert zu wissen.

Es geht nicht nur um Enkel der Täter und der Opfer

Die Aufforderung zur gesellschaftlichen Integration bleibt unehrlich, ja selbstgefällig, solange sie nicht zusammen mit einem gleichberechtigten Platz an diesem Gespräch einhergeht. Dieses Gespräch darf, zugespitzt formuliert, nicht zum exklusiven Privileg der Täter- und Opferenkel werden. Zum Mittel, Menschen die uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe zu verweigern.

Denn erst das Gespräch über den Planeten Auschwitz, über Antisemitismus und Rassenwahn, ebnet den Weg zum profunden Verständnis jenes Satzes, der im Fundament der bundesdeutschen Staatlichkeit vermauert ist und besagt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wer an einer wahren Teilhabe aller Bürgerinnen und Bürger interessiert ist, sollte dieses Gespräch weder als Keule, noch als Schranke, sondern als offenes Tor gestalten.

Ofer Waldman, in Jerusalem geboren, war Mitglied des arabisch-israelischen West-Eastern Divan Orchesters. In Deutschland erwarb er ein Diplom als Orchestermusiker und spielte unter anderem beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sowie den Nürnberger Philharmonikern. An der Hebräischen Universität Jerusalem machte er anschließend einen Master in Deutschlandstudien. Derzeit promoviert er und beschäftigt sich in Vorträgen und Texten mit den deutsch-jüdischen, deutsch-israelischen und israelisch-arabischen Beziehungen.

Porträt des Autoren und Journalisten Ofer Waldman
© Tal Alon
Mehr zum Thema