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Lesart / Archiv | Beitrag vom 02.05.2017

Holleben/Neufeld/Kjosbakken: "Und was wird jetzt mit mir?"Ratgeber für Scheidungskinder

Von Kim Kindermann

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Cover "Und was wird jetzt mit mir?" (dpa / Gabriel Verlag / Deutschlandradio)
Cover "Und was wird jetzt mit mir?" (dpa / Gabriel Verlag / Deutschlandradio)

Mit der Trennung der Eltern gehen oft Schuldgefühle bei den Kindern einher und zahlreiche Fragen tun sich auf. Einige dieser Fragen beantwortet das Buch "Und was wird jetzt mit mir?" – und nimmt den Kindern ihre Ohnmacht.

Schlicht kommt dieses Kindersachbuch im praktischen Din-A5-Format daher. Und doch zeigt schon der Titel - "Und was wird jetzt mit mir?" - hier schreiben Profis, die Scheidungskindern tief ins Herz geschaut haben, sie ernst nehmen und sich ihrer zahlreichen Fragen, Sorgen und Nöte annehmen. Ohne Harmonieschleim über Wunden zu schmieren, aber auch ohne in Betroffenheitsgefasel zu versinken. Allein dafür kann man dieses Buch lieben.

Warum lassen sich Menschen scheiden? Haben meine Eltern mich jetzt noch lieb? Wer liebt mich mehr? Muss ich meiner Mutter erzählen, wie mein Vater so lebt? Warum kommt Papa nicht mehr zu meinem Geburtstag? Gibt es was Gutes an Trennungen?

35 Fragen sind es insgesamt, denen sich dieses Buch auf knapp 100 Seiten widmet. Und tatsächlich hat die Autorin, die "Spiegel"-Redakteurin Dialika Neufeld, die sich in ihren Antworten auf das Konzept des schwedischen Kinderpsychologen Arne Jørgen Kjosbakken stützt, genau den richtigen Ton getroffen.

Jede ihrer Antworten ist kurz und prägnant, selten länger als eine Seite. Genau passend also für die jungen Leserinnen und Leser, denen sie schon gleich zu Anfang des Buches erklärt: "Du bist mit Deiner Erfahrung nicht allein".

In Deutschland werden jedes Jahr mehr als 130.000 Kinder zu Scheidungskindern – und da sind die Kinder, deren Eltern sich trennen, ohne verheiratet gewesen zu sein, gar nicht mitgerechnet.

Kinder sind nie schuld an einer Trennung

Ein zentrales Ziel des Buches ist es, die Kinder von Schuldgefühlen und Ängsten zu befreien. Denn Kinder sind nie schuld an einer Trennung:

"Die Ursache liegt immer bei den Streitenden".

Gleichzeitig bliebe vieles so, wie es immer war, antwortet Dialika Neufeld auf die Frage nach Veränderung. "Dass deine Eltern dich lieben, dass morgens die Sonne aufgeht, du frühstückst und zur Schule gehst", das bleibt.

Aber manches wird sich auch ändern, heißt es weiter, so wie das Meer sich ändert und einem plötzlich mal Angst machen kann – mit seinen Schatten. Nimmt man in einer solchen Situation eine Taucherbrille, sieht man schnell, dass es sich bei dem Schatten nur um Algen handelt. Mit der Trennung ist das ähnlich, schreibt Neufeld. Ein schöner Vergleich.

Schritt für Schritt befähigt das Buch dazu, die Situation besser einschätzen zu lernen und handlungsfähig zu werden. Die Kinder verlieren das Ohnmachtsgefühl, das sich vieler bemächtigt und lernen, dass sie Rechte haben, wenn ihre Eltern sich trennen.

Bilder illustrieren die Gefühlswelt der Kinder

Passend zu diesen klugen Texten kommen dann noch die Fotos von Jan von Holleben: Da trägt ein Mädchen seine Eltern auf den Händen, versucht dabei das Gleichgewicht zu halten. Ein Junge drückt eine große Blase weg. Ein Mädchen hält über seinem Kopf lauter Herzen fest. Ein Teddy sitzt in einem Haus, das gebaut ist aus Aktentürmen. Dazwischen immer wieder Bilder, auf denen Jungen und Mädchen zwischen 6 und 14 Jahren zu sehen sind, mal lachend, mal nachdenklich, mal allein, mal zu mehreren, mitunter umgeben von typischen Spielsachen.

Eine schöne Idee, denn so finden sich die Kinder im Buch direkt wieder. Großartig auch das letzte Bild: Ein kleiner Junge sitzt im Schneidersitz gemütlich auf den Händen seiner Eltern – getragen von ihrer Liebe.

Und so steckt in diesem Buch auch eine Botschaft für die Erwachsenen: Helft dabei, dass Eure Kinder glückliche Scheidungskinder werden!

Jan von Holleben/Dialika Neufeld/ Arne Jørgen Kjosbakken: "Und was wird jetzt mit mir? Scheidung. Die besten Antworten auf wichtige Kinderfragen"
Gabriel Verlag, Stuttgart 2017
96 Seiten, 9,99 EUR

Mehr zum Thema

Remo Largo über Scheidungskinder - "Kein Richter kann der Situation gerecht werden"
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