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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.10.2018

Hörspiel "Brüder"Idealisten sind die besten Tyrannen

Von Hartwig Tegeler

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Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung zeigt eine aufgebrachte Menschenmenge, die die abgeschlagenen Köpfe des ermordeten Gouverneurs der Bastille Delaumay und des Bürgermeisters Flesselles am 14.7.1789 durch die Straßen von Paris trägt. Dieser Tag markiert den Beginn der Französischen Revolution. (dpa / picture alliance )
Die Ermordung von Delaumay und Flesselles am 14.7.1789 gilt als der Beginn der Französischen Revolution. (dpa / picture alliance )

Mit einem Cast von 200 Schauspielern hat der Regisseur Walter Adler den historischen Roman „Brüder“ von Hilary Mantel als Hörspiel adaptiert. Es erzählt die Geschichte dreier Brüder und zeigt die korrupte und blutige Seite der Revolution.

Ein kurzer Moment der Reflexion, der Ruhe, während die Revolution im dritten, im vierten Jahr nach 1789 tobt. Camille Desmoulins: "Weißt du noch, was Mirabeau immer sagte? - Danton: "Hmmh!". Sagt seinerseits Camille Desmoulins zu Danton, seinem alten Weggefährten und Freund in der Revolution: "Wir leben in einer Zeit bedeutender Ereignisse … und unbedeutender Männer."

Macht, Gier, Land

Auch wenn Hilary Mantel in "Brüder" – und Adler folgt dem auch im Hörspiel - die Geschichte der Französischen Revolution von 1789 – Sturm auf die Bastille – bis zum Sturz und zur Hinrichtung Robespierres - 1794 - aus der Perspektive der Akteure beschreibt: Um Helden geht es nicht, sondern um Menschen, die getrieben werden von ihrer Sehnsüchten, ihrer Gier, ihren Ängsten, vielleicht auch Utopien, die aber, und das ist das Verstörende an diesem Blick auf diese Revolution, die getrieben werden von der historischen Entwicklung - ihrem Verlauf irgendwie hinterher laufen.

Camille Desmoulins, Robespierre und Danton, die "Brüder", die im Mittelpunkt der Geschichte stehen, sind weit entfernt davon, eine reine Weste zu haben und permanent "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" zu skandieren. Danton, ach, Danton: "Das einzig Einfache an ihm sind seine Bedürfnisse: Macht, Geld, Land. - Frauen! - Ja, Frauen. - Er hat vergessen, was er einmal erreichen wollte. Die Mittel sind zum Zweck geworden. Er merkt es nicht, aber er ist durch und durch korrupt."

Parallelen zur Gegenwart

Mit einem fatalistischen, nüchternen wie präzisen Blick entwirft Walter Adler seine Geschichte der Französischen Revolution ohne falsche Idealisierung, aber auch ohne Verteufelung. Denn die Ursache des Berstens des alten Systems – des Ancien Régime – lag in der Gewalt des Absolutismus.

Und hier, sagt Regisseur Walter Adler, liegt die zu reflektierende Aktualität der Beschäftigung mit der Französischen Revolution: "Ich habe nach einem Stoff gesucht, der aufzeigt, wohin wir meiner Meinung nach heute steuern. Wie im Absolutismus, als König, Kirche und Adel alles für sich und nichts an die schuftende Bevölkerung abgeben wollten, sehen wir heute die obszöne und schamlose Bereicherung der Reichen, die immer reicher und mächtiger werden, und die Armen, die immer ärmer werden.

13-stündige Hörspiel-Inszenierung

Der Terror und die Guillotine, das Bild, der blutige Mythos der Revolution von 1789, wenn die, die Revolution zu Tausenden "ihre eigenen Kinder frisst". Walter Adler: "Wohin das zwangsläufig führt, zeigt die Französische Revolution in erschreckender Weise: in den Terror!"

Das Hörspiel "Brüder" ist eine wunderbare akustische Inszenierung der historischen Zeit von 1789. Walter Adler gelingt es in den knapp 13 Hörstunden, die ihm zur Verfügung stehen, von Menschen zu erzählen und gleichzeitig eine – dunkle – Struktur des Revolutionsprozesses zu zeichnen. Und einen falschen Mythos zu dekonstruieren.

Um es mit dem Disput zwischen Danton und Robespierre, den am Ende im Blut watenden Führern der Revolution, zu sagen: Robespierre:" Wenn die Beweise für einen Prozess nicht ausreichen, könnte man die Verdächtigen ja zur Not ohne Prozess inhaftieren. - Danton: "Könnte man das? Ihr Idealisten gebt doch die besten Tyrannen ab."

Gegenwart in der Vergangenheit

Walter Adler: "Aber es geht natürlich nicht nur um den Schrecken, den Terror, die Ungerechtigkeit und die Guillotine, es geht um viel mehr: um die Schaffung einer neuen Welt. Unserer Welt."

Von den fürchterlichen Geburtswehen dieser Welt handelt "Brüder". Und es geht um die Gegenwart in der Vergangenheit - das ist die notwendige Provokation dieses Hörspiels. Wenn man übrigens heute einen Hitchcock-Film sieht – wie "Fenster zum Hof" oder "Die Vögel" - wird kaum jemand die Frage stellen, wer die literarische Vorlage verfasst hat. Bei Walter Adlers Hörspiel "Brüder" könnte es mit der Romanvorlage von Hilary Mantel bald auch so sein.

"Brüder"
Hörspielserie nach dem historischen Roman von Hilary Mantel 
Regie: Walter Adler
Produktion: WDR 2018
Länge: 12 h 30 Min
39,99 Euro

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