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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.12.2014

HörbuchMax Goldt meckert gut gelaunt zurück

Von Wolfgang Schneider

Der Schriftsteller und Musiker Max Goldt, aufgenommen bei der Verleihung des Kleist-Preises, November 2008 in Berlin (picture-alliance/ dpa)
Der Schriftsteller und Musiker Max Goldt, aufgenommen bei der Verleihung des Kleist-Preises, November 2008 in Berlin (picture-alliance/ dpa)

Regelmäßig geht der Autor Max Goldt auf Tournee. Die Mitschnitte erscheinen dann alljährlich als Hörbuch-Doppelalbum. Auf "Schade um die schöne Verschwendung" geht es um mäkelige Hotel-Gäste, Warmduscher und Männer, die Frauen zu viel haaren.

Wer Orientierung sucht in der Vielfalt des Lebens, der kann man zu den bewährten Bestimmungsbüchern des Kosmos-Verlags greifen.

"Jenen traditionsreichen Bänden mit ihren immer etwas vorwurfsvoll klingenden Titeln wie 'Was blüht denn da?', 'Was kriecht denn da?' – Da es nicht nur viele verschiedene Blütenpflanzen, Reptilien und Vögel gibt, sondern auch höchst unterschiedliche Menschen, ist es erstaunlich, dass der Band 'Was läuft denn da frech auf der Straße herum?' bislang noch nicht lieferbar ist. Daher kontaktierte ich den Kosmos-Verlag und machte den Vorschlag, ein Menschenbestimmungsbuch zu veröffentlichen."

An welch schnöden Umständen dieses Projekt scheiterte, erläutert Max Goldt im Folgenden – aber eigentlich ist es gar nicht gescheitert, denn seit einem Vierteljahrhundert veröffentlicht Goldt hierzulande die beste Menschenbestimmungsprosa. Er ist ein Gebärden­sammler und Sprachverhaltens­­forscher, ein Knigge für unsere Zeit.

Urlaub buchen in prähistorischen Vor-Internet-Zeiten

In seinem Stil hat er eine urban gelockerte Schreibweise mit der Gediegenheit der alten "Ratgeber des guten Tons" gekreuzt. Er hat den genauesten Blick für Trendverschiebungen und die Torheiten des modernen Alltags. Wie war das zum Beispiel kompliziert, in den prähistorischen Vor-Internet-Zeiten eine Ferienunterkunft zu buchen. Was das Zeit gekostet hat!

"Noch mehr Zeit kostet allerdings die Gegenwart, in der man sich auf Hotelportalen Dutzende und Aberdutzende Fotos von Betten, Waschbecken und verliebt guckenden Fotomodellen ansehen muss, die in Handtücher gewickelt Cocktails trinken."

So beginnt "Deutsche im Hotel", der erste Text dieses Hörbuchs, eine furiose Collage aus schlechtgelaunten Internet-Hotelbewertungen – sind wir denn eine Nation von mäkelsüchtigen Meckerfritzen? Im Folgenden geht es um den Milbengehalt von Kopfkissen, um den Fan als Feind oder den kommunikativen Nutzen eines "Hexeggers", eines Geräts, das Eier in Würfel schneidet. Als bekennender Kaltduscher, der mit dieser Gewohnheit im Freundeskreis ungläubiges Staunen erregt.

"Was, das machst du? Das könnte ich nie! Gerade am Kopf muss es doch schrecklich sein!"

… nimmt Goldt das Wort "Warmduscher" als sinnfreie Abwertungsfloskel unter die Lupe. Der Reiz seiner Prosa besteht in den ständigen Abschweifungen, den unerwarteten Querverbindungen und verblüffenden Vergleichen. Wer sonst würde die dezente Schönheit des Linoleumfußbodens im Flughafen Tempelhof gegen die Aufmachung der Prostituierten in der Oranienburger Straße ausspielen:

"Mich erinnern diese Frauen immer an Süßspeisenabbildungen aus einem Doktor-Oetker-Kochbuch der Fünfziger Jahre."

Regelmäßig veröffentlicht Goldt Mitschnitte seiner Auftritte

Regelmäßig geht der Autor auf Tournee - nicht nur mit neuen, sondern auch überarbeiteten alten Texten - und veröffentlicht Mitschnitte dieser Auftritt alljährlich als Hörbuch-Doppelalbum. Das Merkwürdig ist, dass Goldts Texte der Zeit standgehalten haben, obwohl sie sich doch ganz den Besonderheiten und Absonderlichkeiten ihrer jeweiligen Gegenwart verschreiben. Etwa der 1997 wie aus dem Nichts entstandenen Mode des Eisteetrinkens.

"Und es gibt Eistee in allen Formen und Farben, mit Gas und ohne Gas und mit bis zu zwei Litern Spannweite – 'Spannweite heißt das aber nur bei Vögeln und nicht bei Getränken', höre ich bereits gewisse Billiganbieter von Auffassungsvielfalt krächzen."

Kein Zweifel: Es gibt zu viel schlechtes Gelächter in dieser comedyfrohen Zeit. Und man darf das Zwischengeschlechtliche nicht Stadionbespaßern wie Mario Barth überlassen. Deshalb am Ende noch eine Pointe zur Weihnachtszeit:

"Vielleicht, dass manche Männer nadeln. Frauen, die einen behaarten Mann haben, seufzen manchmal (...): Nett ist er ja, aber er nadelt so, ein Weihnachtsbaum ist nichts dagegen."

Max Goldt: Schade um die schöne Verschwendung
Hörbuch Hamburg, Hamburg 2014
2 CDs, 155 Minuten, 19,99 Euro

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