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Fazit | Beitrag vom 03.07.2019

Hiwa-K-Ausstellung in MannheimPoetischer Widerstand gegen den Wahnsinn

Von Rudolf Schmitz

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Auf dem Boden stehen verschiedene alte Fernseher, die mit Kabeln zu einem zentralen Fernseher verbunden sind. Auf die Monitore sind gefärbte Folien geklebt. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim / Hiwa K)
Die Installation "My Fathers Color Period", zu sehen in der Ausstellung "Hector-Preis: Hiwa K" in der Kunsthalle Mannheim. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim / Hiwa K)

Anlässlich der Verleihung des Hector Kunstpreises an Hiwa K zeigt die Kunsthalle Mannheim eine Retrospektive des aus dem Irak geflohenen Künstlers. Darunter auch Werke, die auf der Biennale von Venedig oder auf der Kasseler documenta zu sehen waren.

"Ich habe nicht viel mit der Kunst zu tun, ehrlich gesagt. Ich mache nur meine Geschichten, Geschichten von meiner Familie. Ich übersetze sie jedes Mal in Material und Leute nennen das Kunst", sagt Hiwa K.

Er ist ein überaus sympathischer Tiefstapler. Und vielleicht erzählt er wirklich nur Geschichten in nicht verbaler Form. Zum Beispiel die seines Vaters, eines Kalligrafen und Propagandakünstlers, der die Familie mit einem genialen Trick in den Genuss von Farbfernsehen brachte, das dem kurdischen Teil des Iraks lange verweigert wurde.

Hiwas Vater klebte zugeschnittene Farbfolien auf die Mattscheibe, um die Liebesschnulzen der 1960er-Jahre aufzupeppen. Jetzt ist in der Mannheimer Kunsthalle eine Bodeninstallation solcher Fernsehgeräte zu sehen, auf denen die Figuren immer wieder aus den bunten Umrissfolien rutschen.

Eine Hommage an den Vater

Kurator Sebastian Baden: "Das sorgt auch für den überraschenden und poetischen Moment des Kunstwerks, dass man zum Beispiel jetzt sehen kann, wie zwei Personen miteinander sprechen und von farbigen Folien umrahmt sind. Sobald die aber anfangen, sich zu bewegen, verschiebt sich das Ganze. Somit ist eigentlich ein eigener, sehr künstlerischer Kommentar entstanden, der nur daher rührt, dass man auch gerne farbiges Fernsehen hätte und es somit selbst als performativen Eingriff gestaltet hat. So hat es der Vater von Hiwa geschaffen, der damit in der Arbeit auch eine Hommage erfährt."

Hiwa K sitzt in einem hellen Foyer und schaut freundlich in die Kamera. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim)Die Kunsthalle Mannheim widmet dem Künstler Hiwa K eine umfangreiche Retrospektive. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim)

Als routinierter Kunstbetrachter denkt man natürlich auch an Nam June Paiks frühe Arbeiten. Dieses Stück westlicher Kunstgeschichte steckt mit drin, aber grade deshalb entwickelt diese improvisierte irakische Fernsehkultur besonderen Charme. Fernsehvergnügen auf westlichem Technologielevel, hergestellt mit Schere und Farbfolie.

Hiwa K: "Als ich in den Westen gekommen bin, habe ich mir Kunstgeschichtsbücher angeguckt, und normalerweise gucken wir von rechts nach links. Und dann habe ich eben von rechts nach links geguckt und bin so von der Moderne zur Klassik gegangen. Das ergibt eine komplett andere Chronologie."

Geschichten vom Leben in Zeiten des Krieges

Und dieses Gegen-den-Strich-Bürsten und vom Kopf-auf-die-Füße-Stellen macht den großen Reiz von Hiwa Ks Installationen aus. Da gibt es oft den Touch von Joseph Beuys, Nam June Paik, Fluxus, sogar von Henri Matisse, aber die grundierende Geschichte ist eine andere. Die von Tod, Zerstörung, Genozid, vom Leben in Zeiten des Krieges.

Nicht zufällig ist Hiwa K ein Meister der Kooperation. Aus Munitionsüberresten der drei Golfkriege ließ er in der italienischen Stadt Cremona eine Glocke gießen, verziert mit Tierfiguren der assyrischen Tradition. Der Künstler hatte dazu nicht nur mit dem Glockengießer, sondern auch einem kurdischen Munitionssammler zusammengearbeitet. In der Ausstellung ist die Glocke umfangen von zwei Videoprojektionen, die diesen Prozess der Herstellung zeigen.

Eine Person läuft über eine auf einen Teppich applizierte Bodengrafik, die die zerbombte Stadt Mannheim von oben zeigt. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim / Hiwa K)"Alchemy of Love" von Hiwa K - ein Teppich, der das zerbombte Mannheim zeigt. (Heiko Daniels / Kunsthalle Mannheim / Hiwa K)

Kurator Sebastian Baden: "Und wenn man möchte, kann man in dieser Ausstellung das Kunstwerk sogar anfassen, man kann also das Material von Holz und Metall fühlen und darf diese Glocke auch schlagen." Die Ausstellung zeigt Hiwa K als politischen Aktivisten, der auf Demonstrationen in seiner kurdischen Heimatstadt auf einer Mundharmonika "Spiel mir das Lied vom Tod" intoniert oder widerstandsbereiten Menschen per Social Media Handlungsanweisungen gibt, die von der Polizei nicht entschlüsselt werden können.

Eine mitreißende und emotionalisierende Schau

Für Mannheim hat er auf einen riesigen Teppich eine Luftaufnahme der 1943 zerbombten Stadt drucken lassen. Dort können sich die Besucher niederlassen, meditieren oder per Audio-Guide Bewegungsübungen vollziehen. Und sich eventuell klar machen, wie sehr sich die Geschichte von Gewalt, Zerstörung, Krieg, Kampf um Weltherrschaft oder die knapp werdenden Ressourcen wiederholt.

Hiwa K: "Wir gehen in ein neues Zeitalter. Und das will ich sagen. Für mich ist es einfach, auf diesem Teppich zu sitzen und als ein Soldat aufzuhören und ein Pfleger zu werden. Ein Pfleger für dich selbst und deine Umgebung."

Hiwa K ist nicht übermäßig optimistisch. Er zweifelt daran, ob politischer Aktivismus jemals sein Ziel erreicht. Aber, so zeigt diese mitreißende und emotionalisierende Schau in Mannheim: Im Medium der Kunst gelingt es ihm zunehmend erfolgreich, poetischen Widerstand gegen den uns umgebenden Wahnsinn zu entfachen.

Hector-Preis: Hiwa K
5. Juli bis 1. September 2019
Kunsthalle Mannheim

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