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Zeitfragen | Beitrag vom 17.07.2019

Hitler-Attentat am 20. Juli 1944Die Propagandalüge der "kleinen Clique" und ihr langes Nachleben

Von Ludger Fittkau

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Graf York von Wartenburg vor dem NS-Volksgerichtshof in Berlin, im Hintergrund Zuschauer des Prozesses. (picture alliance / akg)
Prozess gegen die Männer des 20. Juli 1944: Graf York von Wartenburg (1904 - 1944) vor dem NS-Volksgerichtshof in Berlin (picture alliance / akg)

Eine "ganz kleine Clique" – diesen Begriff prägten Hitler und Goebbels nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 über die Gruppe der Täter. Diese Manipulation blieb auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus für lange Zeit wirksam.

Originalton Adolf Hitler, unmittelbar nach dem 20. Juli 1944: "Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zu gleich unvernünftiger, verbrecherisch-dummer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet."

Linda von Keyserlingk-Rehbein, Historikerin: "Zur NS-Propaganda lässt sich sagen, dass ja kurz nach dem 20. Juli Adolf Hitler in einer Radioansprache eine bestimmte Formulierung gewählt hat, nämlich die einer ganz kleinen Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere. Und diese Formulierung ist bis zu Kriegsende gebetsmühlenartig immer wiederholt worden von der NS-Propaganda."

Originalton Joseph Goebbels: "Ausgelöst durch die Hand eines gemeinen Verbrechers, der im Auftrag einer ehrgeizigen, gewissenlosen kleinen Clique von Glücksrittern und Hasardspielern die Hand erhoben hatte, um dem uns allen teuersten Leben, das wir auf Erden kennen, ein Ende zu setzen."

Originalton Ludwig Bergsträsser, ziviler Mitverschwörer des 20. Juli 1944: "Es war selbstverständlich nicht eine Clique, das heißt, es war nicht eine kleine Gruppe von Leuten, die eine Palastrevolution machen wollten, wie man sie so aus der alten Geschichte kennt."

Ein alter Familienspruch gibt Orientierung

Die Burg Kreuzberg auf einem Felsen über dem Ahrtal bei Bonn. Seit ziemlich genau zwei Jahrhunderten leben hier die Freifrauen und Freiherren von Boeselager. An der Fachwerkfassade eines Wohnhauses auf dem Burgareal ist in einen Balken ein lateinischer Spruch eingraviert: "Et si omnes ego non". Wörtlich übersetzt: Und wenn alle, ich nicht.

"Der Spruch war immer hier an diesem Haus, ich kann nicht sagen, woher er stammt. Das ist ein alter Familienspruch. Ich kann nicht sagen, woher er stammt", das sagte der damals 90 Jahre alte Burgbewohner Philipp Freiherr von Boeselager wenige Monate vor seinem Tod am 1. Mai 2008. Boeselager beteiligte sich während des Nationalsozialismus mehrfach an Versuchen, Adolf Hitler zu töten. Der alte Spruch an seiner Burgfassade gefällt ihm auch deswegen, weil man ihn auch so übersetzten könnte: Und wenn doch alle anderen sich konform verhalten, ich nicht.

"Ja, ich bin zufrieden mit dem Spruch und gebe ihn auch an meine Enkel weiter, dass man nicht jedem folgen soll, der laut schreit, sondern dass man seinem Gewissen und seinem Verstand folgen soll."

Philipp Freiherr von Boeselager steht in seinem Haus in Altenahr-Kreuzberg vor einem Gemälde. (picture-alliance / dpa / Thomas Frey)Philipp Freiherr von Boeselager (1917 - 2008) steht vor vor einem Porträt seines Bruders Georg, der ebenfalls an der Planung des Hitler-Attentats beteiligt war. (picture-alliance / dpa / Thomas Frey)

Schon im Frühjahr 1943 gehörte er gemeinsam mit seinem Bruder Georg zu einer Gruppe von Wehrmachtsoffizieren, die Hitler während eines Frontbesuches in Russland erschießen wollen. Glücksritter und Hasardeure, wie Goebbels die Hitler-Attentäter unmittelbar nach dem 20. Juli 1944 tituliert, waren die vom rheinischen Katholizismus geprägten Boeselager-Brüder nicht. Doch ein Jahr vor dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat war tatsächlich erst einmal nur eine kleine Gruppe von Militärs entschlossen zu handeln:

"Es ging ja überhaupt darum, Hitler zu töten", so Philipp von Boeselager. "Wie, war egal. Hauptsache, der 'eidfreie Zustand' wurde hergestellt. Die Masse der Soldaten und der Deutschen glaubten ja an Hitler. Man konnte sich nicht vorstellen, dass die Staatsführung verbrecherisch und lügnerisch war, wie das der Hitler war. Infolgedessen, wenn der Hitler noch gelebt hätte, wäre ein Aufstand nicht durchzuführen gewesen. Nur wenn er tot war und der 'eidfreie' Zustand bei den Beamten und den Soldaten erreicht wäre. Dann konnte man hoffen, dass einem die anderen Menschen folgen würden."

Gefahr eines Bürgerkrieges zwischen Heer und Waffen-SS

Der zuvor informierte örtliche Befehlshaber General Günther von Kluge habe jedoch im März 1943 kurzfristig den Mordanschlag auf Hitler verboten, erinnert sich Boeselager beim Gespräch im Ahrtal. Kluge habe zu diesem Zeitpunkt nach einem erfolgreichen Attentat in Deutschland einen Bürgerkrieg zwischen Heer und Waffen-SS befürchtet, bei dem die noch im Reich verbliebenen Heeresteile zu diesem Zeitpunkt chancenlos sein würden.

"Damals sah ich das nicht ganz ein", erinnert sich Philipp von Boeselager. "Aber heute weiß ich, dass die Gefahr wirklich bestand. Denn: Die Ersatzabteilungen des Heeres waren zum großen Teil ins Ausland verlegt worden. Als Besatzungstruppen. Sodass es wenige Truppen in Deutschland gab. Während die Waffen-SS, die bei Beginn des Krieges 40.000 Mann hatte, von Himmler aufgestockt wurde auf 950.000 Mann, die im Reich ihren Standort hatten. Infolgedessen gab es viele Orte, wo die Waffen-SS truppenmäßig stärker war als das Heer. Sodass, wenn das nicht genau geplant war die Übernahme dieser Standorte durch das Heer, es vielleicht zum Bürgerkrieg gekommen wäre."

Die nächsten Handlungsschritte nach einem erfolgreichen Attentat seien tatsächlich im März 1943 noch nicht genügend durchgeplant gewesen, so Philipp von Boeselager. Erst in den darauffolgenden Monaten sei der sogenannte "Walküre-Plan" umgeschrieben worden, der ursprünglich für die Niederschlagung eines möglichen Aufstandes von Zwangsarbeitern gedacht war:

"Dieser Plan ist dann nach den gescheiterten Attentats-Versuchen vom März 1943 umgearbeitet worden auf einen Plan, die SS auszuschalten. In allen Wehrkreisen wurden ein Soldat und ein Zivilist gesucht, der nach dem gelungenen Attentat die Macht - von Witzleben und Beck ausgeübt - durchführen würde und übernehmen würde. Das war sehr kompliziert und schwierig, weil man ja nicht telefonieren und schreiben konnte. Die Leute mussten persönlich angegangen werden, man musste auch Angst haben vor einer Denunziation. Aber im Juli 1944 stand dieser Walküre-Plan, dieser umgearbeitete, und Tresckow, der diesen Plan ausarbeiten ließ vom Major von Oertzen und anderen Hilfskräften, meldete dann dem Stauffenberg: Der Plan steht, jetzt kannst du beginnen. Und deshalb ist das Attentat im Juli 1944 auch gemacht worden."

Konspirative Vorbereitungen eines Netzwerks

Die konspirativen Vorbereitungen auf der militärischen wie auf der zivilen Seite des Widerstandsnetzes des 20. Juli 1944 funktionierten gut. Die Gestapo hatte einige zentrale Akteure der Opposition zwar schon lange in Verdacht, illegal aktiv zu sein. Dennoch waren die Nationalsozialisten vom Attentat und dem umgeschriebenen Walküre-Plan ziemlich überrascht, so die Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein:

"Es gab nur sehr, sehr wenige Leute in diesem umfangreichen Netzwerk, das ja ungefähr 200 Leute umfasste – die Gestapo, die NS-Verfolger, die wussten von ungefähr 130 Leuten, die aktiv beteiligt gewesen sind und es gab nur sehr wenige Beteiligte, die wirklich einen Überblick hatten, wie groß das Netzwerk eigentlich war."

In einem Interview Mitte der 1950er-Jahre erklärte der zivile Mitverschwörer Emil Henk, warum an der konkreten Umsturzplanung zunächst nicht mehr als rund 200 Offiziere und Zivilisten beteiligt waren. Viele andere Akteure im unmittelbaren Umfeld – auch Henk selbst - wären erst nach einem gelungenen Tyrannenmord in Aktion getreten:

"Seien sie sich darüber bewusst, man kann in einer Diktatur nur ganz wenige Menschen in die Illegalität bringen. Tut man das nicht, so ist man verloren. Massenillegalität gibt es in einer Diktatur nicht. Wenn also das Attentat gescheitert ist, so lag es an Zufällen, die damit zusammenhingen, dass einmal die Besprechung an diesem Tag in einem anderen Raum war und die Wirkung der Bombe ganz anders sein muss. Das sind Dinge, die nicht vorauszuberechnen sind. Und das muss man eben in Gottes Namen dem Schicksal anheimgeben und, scheitert es, muss man es mit dem Tod bezahlen. Das war die Meinung all dieser Leute."

Viele Militärs und Zivilisten als grundsätzliche Mitwisser

Zu den rund 200 Leuten, die in die konkreten Attentatsplanungen eingeweiht waren, kommen viele Militärs und Zivilisten, die zwar grundsätzlich von Umsturzplänen wussten, aber ganz gezielt den konkreten Zeitpunkt und die Details nicht kannten. Der Wiesbadener Widerstandsforscher Axel Ulrich ergründet seit Langem den zivilen Flügel des 20. Juli 1944:

"Freisler und auch die anderen NS-Verfolger wussten zum Glück diesbezüglich sehr, sehr wenig. Sie haben die allerschrecklichsten Foltermethoden angewandt, die wir uns gar nicht vorstellen können, und das Erstaunliche ist, dass viele der Gefolterten trotzdem standhaft geblieben sind. Aus einer herausgefolterten Zeugenaussage ist hervorgegangen, dass das konspirative Absicherungsprinzip der 20. Juli-Verschwörer darin bestanden hat, dass nur ganz bestimmte Segmente überhaupt nur vom Staatsstreich auf militärischer Ebene in Kenntnis gesetzt waren."

Dass es ein Sprengstoff-Attentat werden sollte, haben beispielsweise nur eine Handvoll Eingeweihte gewusst. Eine zweite, wohl mehrere hundert Menschen umfassende Gruppe war von der Attentatsplanung grundsätzlich informiert und war für bestimmte militärische oder politische Funktionen nach dem Umsturz eingeplant. Etwa der spätere westdeutsche Bundespräsident Theodor Heuss, ein Liberaler, der nach einem erfolgreichen Umsturz als Sprecher der neuen Regierung vorgesehen war.

Theodor Heuss im Jahr 1959 (picture alliance / dpa / Kurt Rohwedder)Der Liberale Theodor Heuss, der spätere erste Präsident der Bundesrepublik, sollte Sprecher einer neuen Regierung werden. (picture alliance / dpa / Kurt Rohwedder)

Auch Heuss erinnerte bei einer Gedenkrede zum zehnten Jahrestag des Attentats in Berlin daran, dass die Bewegung des 20. Juli 1944 so breit aufgestellt war wie keine andere Widerstandsstruktur zuvor. Militärischer "Adel christlichen Glaubens", so Heuss, "verband sich mit Arbeiterführern, Sozialisten, Gewerkschaftern – und sie erkannten sich in dieser Bewegung."

Viele im Untergrund wurden jedoch schon aus Sicherheitsgründen ganz bewusst darüber in Unkenntnis gelassen, wie weit verzweigt die Bewegung wirklich war.

Dritte und vierte Ebene der Verschwörung

Eine dritte Konspirationsebene umfasste wohl mehrere tausend Oppositionelle. Auch viele Zivilisten, die sich zum Teil bewaffneten, aber nur vage wussten, dass etwas bevorstand. Schließlich wurde eine vierte Gruppe von Regimegegnerinnen und -gegnern gar nicht eingeweiht, auf die die Verschwörer bei einem geglückten Attentat jedoch setzten, weil sie deren politische Haltung gut kannten.

Der Widerstandsforscher Axel Ulrich: "Den dritten und den vierten Komplex dieser konspirativen Absicherung haben die Nazis nicht knacken können. Das ist zu verdanken gewesen dieser vorzüglichen konspirativen Absicherung. Jeder wusste nur so viel, wie er unbedingt zu wissen nötig hatte. Aber viele sind nun ungefähr befragt worden, aber sehr, sehr vage."

Die Historikerin Linda Keyserlingk-Rehbein vermutet überdies, dass gerade der sozialdemokratisch-gewerkschaftliche Flügel des 20. Juli 1944 dadurch geschützt wurde, dass Carl Goerdeler nicht allzu viel über die konkreten konspirativen Strukturen des sogenannten "Leuschner-Netzes" gewusst habe:

"Dass die Ermittler nach dem 20. Juli, die ja sehr unter Zeitdruck standen, viel auch ihrem sogenannten "Kronzeugen", könnte man sagen, Carl Goerdeler – seinen Darstellungen – geglaubt haben, der hauptsächlich über den national-konservativen Kreis berichtet hatte. Der wusste nicht so sehr viel über die Gewerkschafter. Und gerade diese national-konservativen Kreise hatte die Gestapo vor dem Umsturzversuch nicht so durchdrungen wie den sozialdemokratisch-gewerkschaftlichen Kreis, wo sie glaubten, schon relativ viel zu wissen."

Goebbels-Propaganda nach gescheitertem Attentat

Parallel zu den Ermittlungen lief die Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten unmittelbar nach dem gescheiterten Attentat bereits auf Hochtouren. Das Ziel: Die von Hitler und Goebbels vorgegebene Sprachregelung von der "kleinen verräterischen Offiziers-Clique" öffentlich durchzusetzen.

Am 28. Juli 1944, also acht Tage nach dem Attentat, sendete der nationalsozialistische "Großdeutsche Rundfunk" etwa ein Interview mit Otto Ernst Remer. Das war ein Hitler treu ergebener Offizier, der am 20. Juli das "Wachbataillon Großdeutschland" im Berliner Regierungsviertel befehligte.

Remer wurde schon wenige Tage nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat von Goebbels' Medienapparat zu einer Art Gegenhelden stilisiert – dieses Image hat er auch in den Nachkriegsjahren genutzt, um den 20. Juli 1944 zu diskreditieren:

"Im Geschäftszimmer des Berliner Wachbataillons findet das Zeitspiegel-Mikrophon Major Remer, jenen nationalsozialistischen Offizier, den Reichsminister Dr. Goebbels in seiner gestrigen Rede mit folgenden Worten würdigte: Major Remer hat sich bei der blitzschnellen Niederschlagung der staatsfeindlichen Tätigkeit der eid- und treuvergessenen Offiziers-Clique ein großes Verdienst erworben." (Radiosendung NS-Sender)

Der wirksame Begriff der "kleinen Clique"

Mitte der 1950er-Jahre geht Ludwig Bergsträsser, einer der Sozialdemokraten, die an den Planungen für den Umsturz beteiligt waren, nun Professor in Bonn, in einem Radiointerview auf den von den Nationalsozialisten geprägten und immer noch wirksamen Begriff von der 'kleinen Clique' ein, die das Stauffenberg-Attentat vorbereitet habe:

"Es war eben keine Clique, es war auch keine Clique innerhalb der Linken. Sondern der Widerstand innerhalb der Linken - ich meine dabei zunächst einmal die Partei, der ich angehöre, die Sozialdemokratie – wobei ich auch sehr wohl weiß, dass es auch andere gab und zwar eine sehr starke Widerstandsbewegung der Kreise, die früher dem Zentrum angehört haben – wir in der Sozialdemokratie hatten einen festen Zusammenhang persönlicher Art in kleinen Gruppen ohne jede offizielle Tätigkeit seit dem Jahre 1933 und haben ihn durchgehalten bis zum Ende."

Zehn Jahre nach dem 20. Juli 1944 erinnert auch Theodor Heuss als westdeutscher Bundespräsident daran, wie wirksam die NS-Propaganda nach dem gescheiterten Attentat erst einmal war: "Das war ja dann auch Goebbels´ großer Propaganda-Feldzug, darzutun, dass eine Gruppe ehrgeiziger Generalstäbler, dazu eine kleine Adelsschicht, ihre dienstliche und ihre gesellschaftliche Position retten wollte. Er wusste, dass das gelogen war."

Bereits seit 1937 hatten die Nationalsozialisten deutliche Hinweise darauf, dass etwa der bekannte Gewerkschafter Wilhelm Leuschner - wie die Militärs - Umsturzpläne hegte und auch gut mit dem westlichen Ausland vernetzt war. Dies belegt die Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein in ihrer im Herbst 2018 erschienenen Dissertation zu den NS-Ermittlungen über das Netzwerk vom 20. Juli 1944:

"Diese Erkenntnisse sind aber nach dem 20. Juli nicht weiter eingeflossen in die Ermittlungsunterlagen, auch nicht in die Prozessunterlagen und da fragt man sich ja: wieso eigentlich? Eine mögliche Erklärung wäre, dass es der Gestapo peinlich war, Leuschner und die anderen Beteiligten nicht schon früher verhaftet zu haben."

Widerstand, den das Volk kaum kannte

So konnte Leuschner vor dem 20. Juli 1944 jahrelang mit viel Bewegungsfreiheit sein konspiratives Netzwerk ausbauen – auch im Ausland. In London wurden deutsche Exil-Sozialistinnen und Sozialisten von westlichen Geheimdiensten militärisch ausgebildet, um den politischen Untergrund im Hitlerreich zu gegebener Zeit stärken zu können. Die Alliierten waren auch in die Pläne eingeweiht, dass der zivile Flügel der Konspiration nach dem Sturz Hitlers vor allem administrative Aufgaben in den Regionen und Kommunen übernehmen sollte.

Diese Pläne wurden in Bevölkerung nach dem gescheiterten Attentatsversuch Stauffenbergs jedoch nicht bekannt. Das erleichterte es den Nationalsozialisten, ihr Narrativ von der "kleinen Clique" der Verschwörer bis in die Nachkriegsöffentlichkeit hinein durchzusetzen.

Emil Henk, sozialdemokratischer Pharmazeut in Heidelberg und Mit-Verschwörer des 20. Juli 1944, versuchte sofort nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, der monatelang unwidersprochen gebliebenen Erzählung des Regimes eine andere Geschichte des Widerstandes entgegenzusetzen: "Eines Widerstandes, den das Volk kaum kannte und von dessen inneren Werten es kaum eine Vorstellung hatte."

Das sagte Emil Henk einige Jahre nach Kriegsende in einer Radioansprache. Henk hätte bei einem Erfolg des 20. Juli 1944 im Auftrag der Verschwörer die politische Verwaltung in Nordbaden übernommen. Er blieb nach dem gescheiterten Attentat unentdeckt und setzte sich unmittelbar nach der Befreiung durch die Amerikaner in seinem Heimatort am Neckar an den Schreibtisch. Schon 1946 erschien seine Broschüre "Die Tragödie des 20. Juli 1944", in der Henk minutiös die zivilen Widerstandsstrukturen im deutschen Südwesten beschrieb.

Diffamierung als "Verräter" auch nach 1945

Es blieb jedoch für die überlebenden Nazigegner wie Henk schwer, in der deutschen Nachkriegsöffentlichkeit mit Informationen über das weitverzweigte zivil-militärische Widerstandsnetz hinter Stauffenberg durchzudringen. Das zeigen auch die Forschungen der Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein.

Keyserlingk-Rehbein beschreibt, wie wirksam auch in den Nachkriegsjahren der Versuch war, das Attentat als Hochverrat zu brandmarken. Besonders hat sich nach der Befreiung vom Nationalsozialismus der ehemalige Wehrmachtsoffizier Otto Remer damit hervorgetan – Remer, der an der Niederschlagung des 20. Juli beteiligt war: "Der hat ja nach 1945 als sehr überzeugter Nationalsozialist die Angehörigen des 20. Juli stark diffamiert, als Verräter. Als Hochverräter."

"Deutsche Männer und Frauen", sagt Remer in einer Tonaufnahme aus dem Jahr 1951: "Ein Großteil der heutigen Widerstandskämpfer, die sich Hochverräter bezeichnen, sind in Wahrheit nichts anderes als nichtsnutzige Landesverräter, die im Solde des Auslandes gestanden haben!"

Otto Ernst Remer liest vor dem Landgericht Braunschweig in seinen Unterlagen. Er hatte die Beteiligten des Attentats auf Hitler als "Landesverräter" bezeichnet.Er war an der Niederschlagung des Umsturzversuchs nach dem Attentat auf Hitler am 20.07.1944 beteiligt.  (picture alliance / dpa / Jochen Blume)Prozess wegen übler Nachrede und Verunglimpfung: Otto Ernst Remer vor dem Landgericht Braunschweig (picture alliance / dpa / Jochen Blume)

Erst als der Staatsanwalt Fritz Bauer Remer wegen dessen fortgesetzter Hetze gegen von Stauffenberg und andere Akteure des 20. Juli 1944 vor Gericht brachte, sei das so etwas wie ein Paradigmenwechsel in der öffentlichen Darstellung gewesen, so Linda von Keyserlingk-Rehbein. Fritz Bauer habe durchgesetzt, dass man die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 nicht mehr öffentlich als Hochverräter verunglimpfen dürfe: "Er hatte gesagt, die nationalsozialistische Regime, diese Diktatur, war nicht hochverratsfähig."

Fritz Bauer strengte den Prozess gegen Remer und auch andere Prozesse gegen NS-Täter nicht vorrangig an, um einen einzelnen Nationalsozialisten zu bestrafen. Es ging ihm vor allem darum, die Widerstandshandlung der Männer und Frauen des 20. Juli 1944 öffentlich als die naheliegende Handlung in einer extremen Situation plausibel zu machen. Originalton Fritz Bauer:

"Was wir den Leuten sagen mit diesen Prozessen und was die tiefe Lehre dieser Prozesse ist und was die Leute nicht hören wollen, ist: Dass es in unserem Leben eine Grenze gibt, wo wir nicht mehr mitmachen dürfen. Sondern dass plötzlich ein Punkt kommt, wo es wirklich um der Menschheit große Gegenstände geht. Um Leben und Tod. Wo von uns etwas verlangt wird, was unmenschlich ist und alle Würde verletzt."

Ein Denkmal für die Opfer des 20. Juli in Berlin

1954 jährte sich das Hitler-Attentat zum zehnten Mal. Die Rede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss in Berlin markiert einen Wendepunkt in der Erinnerungskultur zum Widerstand gegen das Hitler-Regime. Heuss erinnert daran, dass die Nationalsozialisten sehr schnell Schillers Tell aus dem Leseplan der Schulen verbannt hatten, weil im Text Tyrannenmord legitimiert wird. Er zitiert die entscheidende Szene:

"Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht. Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, wenn unerträglich wird die Last, greift er hinauf getrosten Mutes in den Himmel und holt herunter seine ewigen Rechte, die droben harren unveräußerlich und unzerbrechlich wie die Sterne selbst."

Der ehemalige Widerstandskämpfer Emil Henk betrachtet neben der Heuss-Rede und den Prozess-Aktivitäten des Frankfurter Staatsanwalts Fitz Bauer noch ein weiteres Ereignis als erinnerungspolitischen Wendepunkt:

"Wir wissen: 1952 hat die Stadt Berlin in einer gemeinsamen Feier mit dem Hilfswerk 20. Juli in der heutigen Stauffenberg-Straße das Denkmal für die Opfer des 20. Juli enthüllt. Zum ersten Mal hat damals sich ein Bundesland – eben Berlin – das sei zu seiner Ehre immer wieder gesagt, öffentlich zu dieser ungeheuren Tat bekannt. Der Bundestag und Bonn folgten. Seitdem hat sich der unbekannte 20. Juli langsam erhellt und seitdem hat sich der Staat offen zu ihm bekannt."

Widerstand als "Landesverrat" – auch in den 1960ern

Aber die erinnerungspolitische Wende vollzieht sich nur langsam. Anfang der 1960er überträgt der West-Berliner Radiosender RIAS, ein Vorläufer des heutigen Deutschlandradios, eine Feierstunde, auf der dies beklagt wird:

"Mit bitterer Enttäuschung nehmen wir zur Kenntnis, dass noch immer fast jeder vierte Deutsche, der kürzlich befragt wurde, den Widerstand gegen das Regime des Verbrechens als Landesverrat betrachtet hat", das sagt Fritz Sänger fast 20 Jahre nach dem 20. Juli 1944.

Wenn das Stauffenberg-Attentat auf Hitler geklappt hätte und der Walküre-Plan zum Sturz der nationalsozialistischen Diktatur umgesetzt worden wäre – der SPD-nahe Journalist Sänger, ehemaliger Redakteur der "Frankfurter Zeitung", wäre wohl Chef des Deutschen Nachrichtenbüros geworden. Das war zwischen den Militärs um von Stauffenberg und dem sozialdemokratischen Flügel des 20. Juli 1944 verabredet.

Das Deutsche Nachrichtenbüro war die zentrale Presseagentur der Nationalsozialisten. Es war 1933 durch die Fusion des Wolffschen Telegraphen Bureaus (WTB) sowie der Telegraphen-Union entstanden, der bis dahin größten deutschen Nachrichtenagenturen. Eine wichtige kommunikative Waffe also – das war der Bewegung des 20. Juli 1944 klar. Man musste deshalb schnell verlässliche Journalisten in Schlüsselpositionen bringen, auch in den Rundfunkstationen.

Weil das nicht gelang, konnte Goebbels seine Hetzpropaganda über von Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer noch monatelang unwidersprochen über den Äther verbreiten: "Dieser hinterlistige Anschlag konnte nur von einem abgrundtief bösen und verworfenen Menschen begangen worden sein. Und ich wusste auch, in welchem Kreise er zu suchen war. Dazu kommen noch ein paar unbedeutende Chargen und Komparsen, die kurzerhand verhaftet werden, ohne dass sie auch nur die Spur eines Widerstandes versuchen."

Fritz Sänger wurde nach dem Scheitern des Attentats nicht verhaftet. Er erlebte das Kriegsende und wurde 1949 erster Chefredakteur der neugegründeten "Deutschen Presseagentur" – kurz dpa. Sänger war später auch Mitglied eines Deutschlandfunk-Aufsichtsgremiums und Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung 20. Juli 1944. In dieser Stiftung engagierten sich schon in den Nachkriegsjahren Überlebende des gescheiterten Attentats und ihre Angehörigen dafür, der Darstellung der Nationalsozialisten über die Aufstandsbewegung etwas entgegen zu setzen.

Fritz Sänger sitzt am 18. Dezember 1981 in Hamburg in einem Sessel und liest Zeitung.  (picture-alliance / dpa / Werner Baum)Fritz Sänger (1901 - 1984) wurde der erste Geschäftsführer der Nachrichtenagentur dpa. (picture-alliance / dpa / Werner Baum)

Fritz Sänger ist jedoch noch 1963 hörbar enttäuscht darüber, dass immer noch ein Viertel der Westdeutschen die Attentäter als Hochverräter betrachten: "Wie gering ist bei diesem Mitmenschen der Sinn für die Würde des Menschen, für seine Rechte und seine Pflichten zur Freiheit entwickelt, wie groß sind die Versäumnisse."

Abwertung der Hitler-Attentäter in der DDR

Wie wurde in den Nachkriegsjahrzehnten der 20. Juli 1944 in der DDR gesehen? Im Jahr 2004 beschreibt der Potsdamer Historiker Kurt Finker im Auftrag des damaligen "Sprecherrates der Historischen Kommission beim Parteivorstand der PDS" die Haltung der deutschen Kommunisten zum 20. Juli 1944. Die kommunistische Widerstandsorganisation "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) habe die Aktion der oppositionellen Militärs zunächst "mit großer Zustimmung" begrüßt, so Finker.

Auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, am 20. Juli 1945, zum ersten Jahrestag des Aufstandes, hab es in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) eine "bemerkenswerte" Resonanz gegeben:

"Alle vier großen Ostberliner Zeitungen - Deutsche Volkszeitung (KPD), Das Volk (SPD), Neue Zeit (CDU) und Berliner Zeitung - würdigten den 20. Juli als antifaschistische Tat. Nur die Tägliche Rundschau, das Organ der sowjetischen Militäradministration, fand bereits damals abwertende Worte, die jedoch ab 1946 bestimmend werden sollten!"

In der Folge seien in der DDR-Geschichtsschreibung - so wörtlich -"nicht-kommunistische Antifaschisten an den Rand des Geschichtsbildes" gerückt worden, stellt Finker in seiner Expertise fest:

"In einer 1959 veröffentlichten Studie hieß es sogar: Jede nähere Untersuchung zeigt, dass im Zusammenhang mit den Ereignissen vom 20. Juli 1944 von antifaschistischem Kampf nicht die Rede sein kann. Die Verschwörung war das Werk einer Gruppe reaktionärer Politiker und Militärs, die von gewissen Kreisen des Finanzkapitals um Schacht, Krupp, Bosch, Flick, Siemens und anderen inspiriert und gelenkt wurde und die deren Interessen vertrat."

Dresden ist erst nach dem 20. Juli zerstört worden

Damit gab es Ende der 50er-Jahre im offiziellen Geschichtsbild der DDR auch keinen Platz mehr für den sozialdemokratischen Flügel des 20. Juli 1944. Oder für Offiziere wie Philipp Freiherr von Boeselager, die sich aus stark christlichen Motiven am Attentat gegen Hitler beteiligten:

"Man hat sich auch immer wieder gefragt: Hast du eigentlich recht? Es gibt 60 oder 80 Millionen Deutsche, wir sind eine ganz kleine Gruppe: Sehen wir als einzige das richtig oder gucken wir schief? Das waren doch Fragen, die einen wirklich beunruhigten. Und auch das Gewissen: Mord ist Mord, da gibt es nichts drum rum zu reden. Und das Töten ist verboten in der Bibel. Da gibt es kein Drumrumreden. Also, man muss sich mit seinem Gewissen schon ernsthaft beschäftigen, um zu einem Entschluss zu kommen. Ja, du bist verpflichtet das zu tun.

Trotz allem, du bist verpflichtet, das zu tun. Weil, es gilt, das Leben von Millionen zu schützen. Und so ist es ja: Nach dem 20. Juli sind noch mehr Deutsche umgekommen, sei es Soldaten oder Zivilisten, wie fünf Jahre vor dem 20. Juli. Und die Städte – Dresden und all diese Städte – sind erst nach dem 20. Juli zerstört worden.

"Es gibt nur eine Möglichkeit, die Verbrechen zu stoppen"

Wenn das Attentat geglückt wäre, wären wir wahrscheinlich auch als Verräter in Verschiss gekommen und die Deutschen hätten uns nachher wahrscheinlich umgebracht. Denn die Ostpreußen und Schlesier hätten gesagt: Wenn der Hitler noch lebte, dann säßen wir heute noch in Ostpreußen und Schlesien. Die glaubten ja in der Masse der deutschen Soldaten an Hitler. Und dann wären wir von denen wahrscheinlich zur Rechenschaft gezogen worden.

Aber trotzdem, trotz dieses drohenden Schicksals, wenn die Nazis gewinnen, bringen die uns um, wenn wir gewinnen, bringen die anderen uns um. Trotz dieses drohenden Schicksals war uns klar, nachdem wir von den Verbrechen wussten, war uns klar: Es gibt nur eine Möglichkeit, die Verbrechen zu stoppen – den Hitler zu töten. Also müssen wir es machen."

Seit der Debatte um ein Widerstandsrecht gegen Feinde der Demokratie im Grundgesetz während der Studentenbewegung der 1960er-Jahre wurde in Westdeutschland der 20. Juli 1944 mehr und mehr als Aufstand des Gewissens wahrgenommen. Nach der Wende 1989 veränderte sich auch im Osten der Republik der Blick auf die dramatischen Ereignisse vor nunmehr 75 Jahren. Doch der Prozess der Auseinandersetzung mit dem Umsturzversuch ist auch heute noch längst nicht abgeschlossen.

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