Historischer Blick auf Kochbuchautorinnen

    Spiegelbild der Selbstbehauptung und Emanzipation

    07:39 Minuten
    Eine Illustration zeigt zwei Damen und einen Herren in altmodischer Kleidung beim Kochen.
    "In großen Haushalten war die Küche traditionell in der Hand von Männern", sagt die Berliner Lokalhistorikerin Birgit Jochens. © vbb
    Birgit Jochens im Gespräch mit Nicole Dittmer · 27.09.2021
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    Frauen stehen immer noch selten als Chefköchinnen am Herd. Früher stammten auch die meisten Kochbücher von Männern. Aber nicht alle. Die Historikerin Birgit Jochens stellt in einem Buch zehn ambitionierte Kochbuchautorinnen aus drei Jahrhunderten vor.
    Alle Welt kocht – und so variationsreich wie nie zuvor. Dies suggerieren zumindest die Regale jeder großen Buchhandlung, in denen sich Kochbücher für die traditionelle, die regionale, die mediterrane, die vegetarische, die vegane, die Diät- oder Slow-Food-Küche in schier unendlicher Zahl aneinanderreihen.
    Dazwischen stehen Kochbücher für den Singlehaushalt, für die schnelle Küche unterwegs oder für Freundinnen und Freunde des nachhaltigen Konsumierens. Nicht zu vergessen die vielen, vielen Werke diverser Fernsehköche, vor allem männlicher.

    Den Chefkoch-Hut tragen meistens Männer

    Die Diskrepanz fällt auf: Zu allen Zeiten und rund um den Globus war das Kochen über viele Jahrhunderte vor allem Frauenarbeit. Und ist es immer noch. Den Chefkoch-Hut in Restaurants oder Kantinen, also in der Öffentlichkeit, haben aber meistens Männer auf. Und sie sind es auch, siehe oben, die in den Medien vor allem präsent sind. Offenbar wurzelt diese Präsenz in früheren Jahrhunderten.
    "In großen Haushalten war die Küche traditionell in der Hand von Männern", sagt die Berliner Lokalhistorikerin Birgit Jochens. Frauen setzten als Gehilfinnen am Herd um, was Männer vorgaben. Auch Kochbücher seien lange Zeit vor allem von Männern verfasst worden.
    Jochens, die viele Jahre lang das Bezirksmuseum Charlottenburg-Wilmersdorf leitete, hat vor kurzem ein Buch geschrieben, das dezidiert Frauen als Kochbuchautorinnen vorstellt: "Zwischen Ambition und Rebellion. Karrieren Berliner Kochbuchautorinnen". Es sind zehn Porträts aus dem 18. bis 20. Jahrhundert.
    Das reicht von der Schriftstellerin und Verlegersgattin Friedrike Helene Unger über Sozialreformerinnen, Ernährungsexpertinnen und engagierte Frauenrechtlerinnen wie Lina Morgenstern, Hedwig Heyl oder Elise Hannemann bis hin zu Lilo Aureden, die für die Generation der Wirtschaftswunder-Hausfrauen ihre Bücher schrieb.

    Für den Lebensunterhalt und die Anerkennung

    Für die meisten der Autorinnen, besonders jene aus der frühen Zeit, seien ihre Kochbücher "ein Akt der Selbstbehauptung" und Emanzipation gewesen, sagt Jochens: um der häuslichen Enge zu entfliehen, um Geld zu verdienen und um die öffentliche Anerkennung zu bekommen, die ihnen als Frau, zumal als Ehefrau, sonst versagt geblieben wäre.
    Schon Friederike Helene Unger verkündete in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Kochbücher zu schreiben, mache ihr mehr Spaß, als am Herd zu stehen. Und: Männer sollten doch ihren Frauen, bitteschön, mehr Freiräume zur Entfaltung ihrer Talente lassen. Dennoch schrieb auch sie ihr Buch mit der Intention, "ungeübte Frauenzimmer" in die Kunst der Haushaltsführung einzuweisen.

    Was kochte frau im 18. Jahrhundert?

    Andere, wie Elise Hannemann, die am berufsbildenden Lette-Verein in Berlin tätig war, schrieb bereits (auch) für Frauen, die als Köchin ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.
    All das erfahren Leserinnen und Leser in Jochens Buch. Die Autorin liefert jedoch auch explizit Kulinarisches: Rezeptbeispiele zum Nachkochen aus den Büchern der porträtierten Autorinnen.

    Birgit Jochens: "Zwischen Ambition und Rebellion. Karrieren Berliner Kochbuchautorinnen"
    Verlag für Berlin-Brandenburg, 2021
    192 Seiten, 25 Euro

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