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Kompressor | Beitrag vom 10.07.2019

Historische Werbefilme des Britischen FilminstitutsTee für Schimpansen

Von Laf Überland

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Werbung der Teemarke PG Tips mit einem Schimpansen an der Supermarkt-Kasse. 16. November 1962. Aufnahme für die Zeitung Kentish Times. (The Bexley Archive Image Collect)
Die englische Teemarke PG-Tips machte über zwanzig Jahre Werbung mit Schimpansen. (The Bexley Archive Image Collect)

120 Jahre umfasst das Bewegtbildmaterial des Britischen Filminstitutes, 300 Werbefilme stehen nun online. Das BFI zeigt, wie Guinness Realitätsverweigerung unterstützt und womit Heinz 1972 beim Eintritt in die Europöäische Gemeinschaft Trost spendete.

Die kuratierte Online-Auswahl des British Film Institute mit dem Titel "Commercial Break" zeigt nun 300 Werbefilme als Teil der Filmgeschichte: Wie sie experimentierten und erwachsen wurden, sich in Genres ausprobierten und wie es Flops und sowas wie Blockbuster gab.

Natürlich sorgten jede Menge Schauspieler und Komiker wie Tony Hancock und die halbe Monty Python-Truppe für gesteigertes Zuschauerinteresse.

Vergessen mit Guinness

Das Duo Peter Cook und Dudley Moore redete sich – zehn Jahre nach der WM-Pleite England-Deutschland von 66 und vor allem nach der 3:2-Niederlage von 1970 – noch Jahre später das Spiel schön, ermutigt durch ordentliche Schlücke Guinness!

Dudley sagt darin: "Ha! England - 2, Westgermany - 0. Was that the final score?" - "Wie war das Endergebnis" also.

Und Cook antwortet: "That was the score when I finished that particular Guinness." - "Das war der Stand, als ich dies bestimmte Guinness zu Ende getrunken habe."

Werbung und der Zeitgeist

Aber gute Werbung spiegelt auch die Veränderung der Gesellschaft: Verblüffend innovativ war die Reklameserie für die Gesundheit von Frühstückseiern, inszeniert von der Mutter des modernen britischen Theaters, Joan Littlewood, in der Art des neuen realistischen Arbeitertheaters der Sechziger: Keine Traumfamilie räkelt sich in der Morgensonne auf dem Rasen, während eine junge Mutter die Omeletts rausbringt! Nein, im Arbeiterviertel mit Karnickelstall im winzigen Gärtchen quält sich die übermüdete Familie in einer äußerst beengten Wohnung aus den Betten, während nur die Mutter ihrer Lieblingsphantasie der verwöhnten Diva nachgeht. Und trotzdem ist es heimelig!

Aber diese Werbespots wären nicht britisch, wenn man nicht auch ein paar außerordentlich durchgeknallte Beispiele zu sehen kriegte: Für ein gesundes Malzmilchgetränk wurde in Stop-Motion-Tricktechnik eine völlig überdrehte, sechs Minuten lange Wildwest-Oper gebastelt, und ein düsterer Thriller, in dem ein Messermann stets Warnungen an Wände pinnt, warnt schließlich nach fünf gruseligen Minuten vor Zahnfleischbluten!

Erfolgreiche Schimpansen-Filme

Einiges ist natürlich, von heute aus gesehen, auch unfreiwillig komisch – mit Absicht zum Brüllen lustig aber ist die Serie, mit der die Firma PG Tips auf dem hart umkämpften englischen Teemarkt die Kunden anlockte. Echte Schimpansen spielten darin, in Menschenkleidung, gewissermaßen die Golden Girls nach – die alten Damen Ada und Dolly: wie sie ihren Alltag kommentieren, zum Beispiel die Ungeduld überarbeiteter Eltern oder die wunderliche neue Frisur von Betty, die sie gleich im Friseursalon reklamieren müssen, der natürlich von lauter Schimpansen mit schrecklichen Frisuren bevölkert ist.

Das war so ulkig, dass die Schimpansenfilme von 1978 bis 2002 gedreht wurden, und ziemlich aufwändig: Denn da Schimpansen ja nur die Größe von Kindern erreichen, musste die gesamte Ausstattung der Wohnungen und Läden samt Gebrauchsgeräten in Kindergröße nachgebaut werden!

Politische Ängste in Werbespots

Aber auch die ganz realen politischen Ängste wurden in Werbespots aufgegriffen, zum Beispiel als Großbritannien 1972 in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eintrat und die Konkurrenz der andern Mitgliedsländer fürchtete – unter anderem bei Bohnen – gebackenen Bohnen!

Da trat in der Werbung für Baked Beanz von Heinz ein Junge mit einem Mutmachergedicht auf, wie es die Brexit-Gegner bislang nicht hingekriegt haben:

"We’ve joined the Common Market that’s somewhere overseas. That says that means we’ll have to talk in Dutch and Portugese. We’ll have to eat frogs’ legs and snails, but that don’t bother me, cause that says we’ll always have Heinz Beans on toast to tea."

"Wir sind dem Gemeinsamen Markt irgendwo in Übersee beigetreten. Das heißt, wir müssen auf holländisch und portugiesisch sprechen. Wir werden Froschschenkel und Schnecken essen müssen – aber all das bekümmert mich nicht, denn das heißt, wir werden immer Heinz Bohnen auf Toast zum Tee haben."  

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