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Interview | Beitrag vom 09.09.2020

Historikerin zu Hohenzollern-Debatte"Das ist schon eine ziemliche Drohkulisse"

Eva Schlotheuber im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Die Historikerin Eva Schlotheuber (dpa / Georg Wendt)
Die Debatte um die Hohenzollern gehöre in den öffentlichen Raum, fordert die Historikerin Eva Schlotheuber. (dpa / Georg Wendt)

Mit juristischen Mitteln geht das Haus Hohenzollern gegen Äußerungen von Journalisten und Historikerinnen wie Eva Schlotheuber vor. Sie sieht die öffentliche Debatte über das einstige Herrscherhaus und deren Vermögensforderungen gefährdet.

Nicole Dittmer: Der Streit um die Vermögenswerte der Hohenzollern wird seit dem vergangenen Jahr auch in der Öffentlichkeit geführt. Es geht um Immobilien und Kunstgegenstände aus dem früheren königlichen Vermögen, die jetzt dem Staat gehören, und auf die das Haus Hohenzollern Ansprüche erhebt.

Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung ist, ob die Familie Hohenzollern, Zitat, "dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet hat". Gelänge es, das nachzuweisen, wären die Vermögensansprüche des Herrscherhauses hinfällig.

Eine neue Wende in der Debatte

Ein Thema, das auch Historikerinnen und Historiker beschäftigt, auch deshalb, weil der Nachfahre, Georg Friedrich von Preußen, teilweise gegen sie und Journalisten vorgeht, die sich medial über die Hohenzollern äußern. Das ist auch Thema heute in einem Gastbeitrag der "FAZ", den Eva Schlotheuber mitverfasst hat. Sie ist Professorin für mittelalterliche Geschichte an der Uni Düsseldorf und Vorsitzende des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands.

Wieso veröffentlichen Sie und Ihr Historikerkollege Eckart Conze diesen Text genau jetzt? Was wollen Sie erreichen?

Eva Schlotheuber: Der ganze Fall hat jetzt ja durchaus eine neue Wende genommen. Und zwar: Im August hat ja die brandenburgische Finanzministerin Katrin Lange von der SPD sozusagen eine Wende vollzogen, indem der Prozess, der klären sollte, ob die Hohenzollern oder einzelne Mitglieder ihrer Familie erheblichen Vorschub geleistet haben, genau wie Sie gerade gesagt haben, dass dieser Prozess ausgesetzt wird für zwölf Monate.

Das heißt, es wird also in absehbarer Zeit nicht zu einem Urteil kommen, ja oder nein, Vorschub ja oder nein, sondern vielmehr hat die Familie jetzt zwölf Monate Zeit, um nicht-öffentliche Verhandlungen zu führen mit dem Staat, um in vertraulichen Gesprächen auszuloten, ob eine außergerichtliche Einigung möglich ist.

Und diese neue Wende, die beschäftigt uns natürlich sehr, das ist eine neue Situation. Darauf zielt der Beitrag auch unter anderem. Und natürlich ist ein Anlass, dass wir, Eckart Conze und ich, eben auch Post von den Hohenzollern erhalten haben.

Die Burg Hohenzollern erhebt sich über das Land. (Imago / Imagebroker / Rald-Udo Thiele)Thront weit über dem Land: die Burg Hohenzollern bei Hechingen in Baden-Württemberg. (Imago / Imagebroker / Rald-Udo Thiele)

Dittmer: Frau Schlotheuber, können Sie noch mal klarmachen, wie Sie sich positionieren in der Frage, was Restitutions- und Entschädigungsforderungen der Hohenzollern betrifft?

Schlotheuber: Also, der Anspruch der Hohenzollern auf Entschädigung ist nicht gerechtfertigt. Das muss man ganz klar sehen. Und da gibt es auch im Fach keine wirkliche Auseinandersetzung darüber. Es gibt keinen neuen Historikerstreit – und dem schließe ich mich ausdrücklich an.

Dittmer: Welche juristischen Folgen hatte das denn bisher für Sie?

Schlotheuber: Weil wir das öffentlich thematisiert haben – auch seitens des Verbandes, denn es sind ja Historikerinnen und Historiker und eben ich selber auch damit konfrontiert worden –, deswegen haben wir eine Aufforderung bekommen, eine Unterlassungsverpflichtungserklärung abzugeben.

Und wenn wir diese Erklärung nicht abgeben, dann steht uns eben eine Konventionalstrafe ins Haus, wie dieses Schreiben ziemlich scharf und unmissverständlich klarmacht, deren Höhe durch Unterlassungsgläubiger festgelegt wird, und deren Höhe von einem Gericht auch noch mal überprüft werden kann. Das ist schon eine ziemliche Drohkulisse, die da aufgebaut wird.

Juristische statt öffentliche Diskussion?

Dittmer: Sie schreiben, je stärker die Diskussion auf ein rein juristisches Gleis geschoben werden könnte, desto mehr wird sie dem öffentlichen Diskurs entzogen. Ist das schon passiert in Ihren Augen?

Schlotheuber: Ja, das ist in meinen Augen schon passiert. Also, da gibt es doch einige Kolleginnen und Kollegen und natürlich auch sehr viele Journalisten, die sich ganz genau überlegen, welches Wort man wählt, welche Formulierung, ob man sich überhaupt öffentlich äußert. Das ist natürlich auch sehr zermürbend auf die Dauer, und das betrifft natürlich wissenschaftliche Beiträge genauso wie öffentliche Beiträge in öffentlichen Medien. Das ist schon eine ziemliche Beeinträchtigung.

Auf der anderen Seite muss man sagen, es ist durchaus auch ein Impetus für Forschung. Es hat noch einmal erneut Gewicht auf diese Frage gelegt: Wo stehen wir damit?

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Dittmer: Kennen Sie Historiker und Historikerinnen, die aufgrund des juristischen Vorgehens der Hohenzollern ihre Arbeiten in dem Feld beendet haben?

Schlotheuber: Also, in dem Feld nicht beendet haben, aber die sozusagen jetzt ganz anders agieren, als sie es tun würden, wenn diese Drohkulisse nicht aufgebaut wäre, ja, auf alle Fälle.

Sich nicht einschüchtern lassen

Dittmer: Sie fordern, die Debatte um die Hohenzollern gehöre in den öffentlichen Raum. Wie kann das denn gelingen?

Schlotheuber: Das kann erst mal dadurch gelingen, dass man sich nicht einschüchtern lässt und dass man die Debatte eben trotzdem weiterführt. Und es kann auch so gelingen, wenn wir in ein sozusagen öffentliches Gespräch kommen, wo die aktuellen Forschungsergebnisse eben eine Rolle spielen. Und das ist nicht nur wichtig, sondern auch hochinteressant, also zum Beispiel die Rolle, die Louis Ferdinand vor dem Zweiten Weltkrieg, im Zweiten Weltkrieg und danach gespielt hat in den USA, wo er zu den Kreisen gehört hat, die offen den Antisemitismus unterstützt haben.

Das ist sozusagen ein Wissen, das man mit großem Gewinn auch in der Öffentlichkeit diskutieren kann. Ein Gewinn insofern, als dass man die Prozesse, die historischen Prozesse, die eben zu der heutigen Situation geführt haben, dass man die besser versteht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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