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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 20.09.2017

Historiker Wolffsohn zur IdeengeschichteAbschied von der Nation

Von Narin Sevin Dogan

Symbolbild nationale Abgrenzung (Imago / Martin Bäuml)
Nationalstaat ist eine Fiktion, meint der Historiker Michael Wolffsohn. (Imago / Martin Bäuml)

Für den Historiker Michael Wolffsohn ist die Idee eines Nationalstaats reine Fiktion, allerdings eine mit katastrophalen Folgen. Solange man an der Fiktion der "Deckungsgleichheit von Nation, Bevölkerung und staatlichen Grenzen" festhalte, werde man vorhandene Konflikte verstärken.

Nation und Staat. Vermeintlich unzertrennbare Begriffe. Aber handelt es sich wirklich um ein und dasselbe?

"Dass wir von der Fiktion ausgehen, von der Fiktion, dass Nation und Staat identisch sind, deckungsgleich wären. Das ist eine absolute Manipulation, eine Fiktion, die als Manipulation geschichtswirksam geworden ist."

Professor Michael Wolffsohn, deutsch-israelischer Historiker, vertritt vehement die These, dass Staat und Nation eben nicht deckungsgleich sind, weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit.

Nation ist eine Fiktion. Fast jeder Staat der Welt besteht aus unterschiedlichen Gruppen, die ihr je eigenes Zusammengehörigkeitsgefühl haben.

"Worauf basiert denn die heutige Staatenwelt? Die heutige Staatenwelt basiert auf der Fiktion der Deckungsgleichheit von Nation, der Bevölkerung und den staatlichen Grenzen. Das ist das Bild, auf dem die heutige Staatenwelt und erst recht mehrheitlich die postkoloniale Staatenwelt basiert ist. Das ist die Fiktion.

Das Faktum ist das hier: Nämlich die nichtvorhandene Deckungsgleichheit von Demografie und staatlicher Geografie, also staatlichen Grenzen und der Bevölkerungsverteilung. Ein klassisches Beispiel von vielen sind die Kurden, die über vier Staaten verteilt sind. Sind wir also in Bezug auf die Kurden und auf viele andere Volksgruppen oder religiöse Gruppen oder Gruppen, die ein Wir-Gefühl haben. Das ist ja das Entscheidende."

Nur Island und Japan sind ein Nationalstaat

In der Türkei haben Kurden, Armenier, Assyrer, Aramäer, Lasen, Tscherkessen, Roma ihr eigenes Wir-Gefühl, das die Türkei offiziell aber nie anerkannt hat. Ein exemplarischer Fall für Wolffsohns These, dass die Einheit von Staat und Nation eine Fiktion ist.

"Es gab diese Einheit von Nation und Staat eigentlich nicht wirklich. Es gibt zwei Staaten, in denen das tatsächlich der Fall ist. Langsam sich sogar abschwächt. Das ist erstens Island und zweitens Japan.

Wenn Sie sich den Rest des Globus ansehen und dann sagen: Nation ist… und dann noch Nation mit Staat gleichsetzen, begehen Sie einen katastrophalen, nicht nur Denkfehler, sondern einen hoch politischen Fehler. Weil Sie nämlich die politische Unruhe nicht eindämmen können im Sinne einer friedlichen Lösung, wenn Sie nicht dem kollektiven Wunsch, der jeweiligen Wir-Gruppe, die also ein Wir-Gefühl hat, auch den institutionellen Rahmen dafür geben."

Die Konsequenz, wenn dies nicht geschieht, erleben wir seit über hundert Jahren, bis heute: Unterdrückung, Flucht, Vertreibung. Auch in Deutschland entstehen neue Communities durch globale Völkerwanderungen.

Historiker und Publizist Michael Wolffsohn, aufgenommen am 09.04.2017 während der ARD-Talksendung "Anne Will".  (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler) Historiker und Publizist Michael Wolffsohn. (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)

Für Wolffsohn stellt sich die Frage, wie sich in dieser Situation die einzelnen Menschen orientieren – und erzählt aus seiner persönlichen Erfahrung: Als er beim israelischen Militär einen polnischen Offizier traf. Geografisch hatten sie verschiedene Heimaten. Was sie verband, war etwas ganz anderes: Ovid.

"Dieser Oberst der israelischen Armee und ich, wir fanden uns in der ideellen Nation der Literatur wieder. Er mochte und schätzte und zitierte Ovid. Viel besser als ich. Aber wir waren beide gleichermaßen beheimatet in einer dritten Heimat. Seine war die erste, meine, Berlin, die zweite. Wir treffen uns in der dritten, nämlich in Israel, und die eigentliche Heimat, die wir haben, ist die Literatur. Also wir haben es offenbar mit einer Schichtung von nationalen Schichten zu tun."

Abschied von der Nation, nicht vom Staat

Es scheinen in der globalisierten Welt immer mehr Schichten hinzuzukommen. Heißt das:

"Abschied von der Nation? Ja, im Sinne der Fiktion. Nicht Abschied vom Staat. Aber der Staat, die Staaten genauer gesagt, müssen der Realität Rechnung tragen, die eben nicht nur jetzt erst die Metamorphose von der vermeintlich homogenen nationalstaatlichen Gesellschaft, die es nie gab. Wie gesagt, Island und Japan. Insofern ist diese Metamorphose ein ständiger Prozess, der jetzt beschleunigt worden ist bei uns in Deutschland und in Westeuropa.

Und wenn wir Integration wollen, wenn wir Frieden wollen, wenn wir auch das erreichen wollen, dass das Individuum sich nicht im Exil fühlt - freiwillig hergekommen oder vertrieben oder wie auch immer - und wir eine Gemeinschaft aufbauen wollen, in der es ein Wir-Gefühl gibt, kann dies nur entstehen, wenn wir uns von dieser Fiktion lösen und den jeweiligen Gruppen weitgehende innere Autonomie geben.

Also, mit dem traditionellen Nationalstaatskonzept werden wir nur die vorhandenen und wachsenden Konflikte beschleunigen und verstärken."

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