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Im Gespräch | Beitrag vom 28.05.2021

Historiker Sören UrbanskyAls Osteuropaexperte in Kalifornien

Moderation: Katrin Heise

Der Historiker Sören Urbansky mit Schiebermütze und Brille steht auf einer Wiese unter einem Baum. (privat)
1997 ging der Historiker Sören Urbansky für ein Austauschjahr nach Polen. Heute lebt und arbeitet der gebürtige Leipziger in Kalifornien. (privat)

Nach dem Abitur fuhr Sören Urbansky ins chinesisch-russische Grenzgebiet. Der Ferne Osten ist inzwischen das Lebensthema des Historikers geworden. Nun hat er das Buch "An den Ufern des Amur" über seine Reise entlang des Grenzflusses geschrieben.

"Wir sind eine Familie auf drei Kontinenten", erzählt Sören Urbansky mit einem Lächeln. Seine Frau stammt aus China, er selbst aus Leipzig, gerade lebt und arbeitet er im kalifornischen Berkeley. Dort hat der Wissenschaftler 2021 die Leitung des Pazifikbüros des "Deutschen Historischen Instituts Washington" übernommen.

Leidenschaft für russisch-chinesische Grenzregion

Das verwundert ein wenig, denn Urbansky gilt als Osteuropaexperte. Sein Hauptinteresse, man kann fast sagen seine Leidenschaft, gilt der russisch-chinesischen Grenzregion, durch die sich der Amur schlängelt. Warum also Kalifornien, was hat das Deutsche Historische Institut Washington samt seiner Außenstelle in Berkeley mit Russland und China zu tun?

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Kurzgefasst: "Dieses Institut hat die Aufgabe, die transatlantische Zusammenarbeit zu fördern. Allerdings gibt es auch immer Mitarbeiter, die sich der transregionalen Geschichte zuordnen. Hier in Berkeley ist der Pazifik, auch Asien, viel stärker im Fokus. Da ist auch meine Expertise mit Russland und China gefragt", erzählt der Historiker.

Vom Baikalsee bis zum Japanischen Meer

Über die Grenzregion am Amur schrieb Urbansky seine Doktorarbeit. Und weil das nur in der Universität gelesen werde, machte er noch ein Buch daraus: "An den Ufern des Amur. Die vergessene Welt zwischen China und Russland".

Hier erzählt der Historiker von seinen Reisen vom Baikalsee bis zum Japanischen Meer. Von chinesischen Großstädten, kleinen russischen Dörfern und einem Fluss, der das Leben der Menschen prägt. Vor allem die Kontraste faszinieren Urbansky an dieser Region:

"Ich kenne keine Grenze, die so unterschiedlich ist. Auf der einen Seite leben Russen, auf der anderen Seite leben Chinesen. Die einen essen Kartoffeln, die anderen essen Reis. Bis vor 100 Jahren war das noch ganz anders. Dort lebten vor allem Mongolen. Das war ein Steppengebiet. Das war gar nicht so russisch und chinesisch geprägt. Aber binnen eines Jahrhunderts ist das diesen Ländern gelungen."

Bereits nach dem Abitur zog es Urbansky hierher, während des Studiums bereiste er die 2000 kilometerlange Grenzregion regelmäßig.

"Weltreise im Mähdrescher"

Er nahm den Zug, benutzte Busse und fuhr per Anhalter. Einmal nahm ihn auch ein Mähdrescher mit. Nur ein kurzes Stück, "aber es hat sich angefühlt wie eine halbe Weltreise. Sie können sich vorstellen, dass diese Mähdrescher doch sehr langsam unterwegs sind", erzählt Urbansky.

Auch die chinesische Polizei half beim Trampen: "Man steht nie lange am chinesischen Straßenrand. Das erste Auto, was vorbeikam, war ein chinesischer Streifenwagen. Der Polizist, ein sehr freundlicher Mensch, winkte das nächstgelegene Auto heran, und ich durfte da mitfahren."

Auf diesen Fahrten hat der Historiker von vielen Lebensgeschichten erfahren. Urbansky spricht fließend Chinesisch und Russisch.

Auf chinesischer Seite wurde er meist für einen Russen gehalten, "was ja auch naheliegend ist. Das Erstaunen war meist groß. Erstens, dass man halbwegs passabel Chinesisch spricht. Und zweitens, weil man nicht aus Russland kommt. Dann erzählen die Menschen oftmals von allein über sich."

Neben Geschichte und Kulturwissenschaften hat Urbansky Russisch und Chinesisch studiert, unter anderem in Peking und im russischen Kasan.

Stundenlang in der Küche gesessen

1997 ging der gebürtige Leipziger für ein Austauschjahr nach Polen, ohne die Sprache zu beherrschen. Später, für den Zivildienst, nach Moskau, dort war er für die Nichtregierungsorganisation "Memorial" tätig.

"Mein Hauptberuf war die Pflege älterer Menschen, die unter stalinistischen Repressionen gelitten haben. Das Wichtigste für die Menschen war eigentlich, mit jemandem zu reden. Ich habe oft stundenlang mit denen in der Küche gesessen, mich über deren Leben unterhalten, auch über mein Leben. Dadurch habe ich viel über Russland und die Sowjetunion erfahren."

Während dieser Gespräche hörte Urbansky auch von der chinesisch-russischen Grenzregion entlang des Amurs. Von diesen Geschichten war er derart fasziniert, dass es ihn bald selbst dorthin zog.

Heute lebt Sören Urbansky mit seiner chinesischen Frau und den beiden Kindern in Kalifornien. Deutsch, Chinesisch und Englisch wird in der Familie gesprochen.

Abenteuer Schweinefußsuppe

"Ich versuche, auch meinen Kindern die beiden Kulturen näherzubringen, die wir als Familie verbinden."

Das führt mitunter auch zu Verwirrungen, wenn man etwa an die chinesische Küche denkt. Denn hier, so der Historiker, werde das ganze Tier gegessen.

Urbanskys erinnert sich an die Geburt der Tochter, die in Deutschland zur Welt kam. Zur Kräftigung sollte es Schweinefußsuppe geben:

"Der Fleischer verkaufte mir vier Schweinefüße und meinte: 'Ihr Hund hat aber großen Hunger.' Diese Selbstverständlichkeit, dass man bestimmte Körperteile von Tieren bei uns nicht isst, dies aber in China völlig normal ist, das fasziniert mich immer wieder selbst."

(ful)

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