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Zeitfragen | Beitrag vom 04.07.2019

Hinterbliebene erzählenWenn die Eltern den eigenen Tod planen

Von Stefanie Müller-Frank

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"Totentanz" von Fritz Kehr: Wandgemälde in einer Friedhofskapelle in Worms-Ibersheim in Rheinland-Pfalz (imago/Werner Otto)
"Natürlich wollte ich eigentlich nicht, dass sie sterben – obwohl ich verstanden habe, dass sie das wollen", sagt eine Tochter über den begleiteten Suizid ihrer Eltern. (imago/Werner Otto)

Sterbehilfe wird in Deutschland nach dem Freispruch zweier Ärzte, die kranke Menschen beim Sterben begleitet hatten, wieder neu diskutiert. Hier erzählen Angehörige davon wie es ist, wenn die Eltern freiwillig aus dem Leben scheiden möchten.

Johanna Bleibtreu* wirkt erschöpft, als wir die Treppe zum Dachzimmer hochsteigen. An der Wand entlang stapeln sich Kisten mit Aktenordnern aus der Wohnung ihrer Eltern. Schon zu Lebzeiten hatte der Vater angefangen, sämtliche Schränke auszuräumen. Bei fast jedem der letzten Treffen, erinnert sich Johanna Bleibtreu, wollte er ihr Dinge mitgeben, die ihm etwas bedeutet haben: Fotos, Sportabzeichen, eine Armbanduhr. Eine absurde Situation, sagt sie.

"Ein angekündigter Tod, der zu dem Zeitpunkt nicht zwingend sein muss – das ist halt nicht geübt. Für den Angehörigen nicht, und für den, der stirbt, sowieso nicht. Und für das Umfeld auch nicht. Und das merkt man." 

Begleitender Suizid in der Schweiz

Im Juni 2016 haben die Eltern von Johanna Bleibtreu eine Sterbehilfe in Anspruch genommen. Weil das in Deutschland illegal ist, sind sie für den begleiteten Suizid in die Schweiz gereist. So stand ihr Todesdatum bereits ein halbes Jahr im voraus fest, Nachbarn und Freunde aber durften nichts von den Plänen wissen, nur die Familie war eingeweiht. Die Bleibtreus hatten Angst, dass man versuchen würde, sie umzustimmen.

Auch der Tochter ist es schwer gefallen, die Entscheidung der Eltern zu akzeptieren.

"Natürlich wollte ich eigentlich nicht, dass sie sterben – obwohl ich verstanden habe, dass sie das wollen. Aus dem Spagat kommt man einfach nicht raus."

Als Tochter wünsche man sich natürlich ein Mitspracherecht angesichts einer solchen Entscheidung, erzählt Johanna Bleibtreu. Aber was wäre die Konsequenz gewesen? Dass die Eltern ihr zuliebe am Leben bleiben? Sie schüttelt den Kopf. Keine Option. Ebenso wenig wie gar nicht in die Pläne eingeweiht zu sein. 

"Ich hätte auch am liebsten nichts damit am Hut gehabt. Aber gut, die Alternative wäre ja gewesen, sie sagen mir nichts und machen es einfach irgendwann. Ob das toll gewesen wäre? Man hat nur einen Versuch. Aber das stelle ich mir auch schlimm vor, dann ist man ganz ausgeschlossen. Nein, das hätte ich auch nicht besser gefunden, auf keinen Fall."

Für Angehörige meist ein Schock

Erst im nachhinein von einem selbstgewählten Tod zu erfahren, ist für Angehörige meist ein Schock. Sterbehilfeorganisationen machen es daher zur Bedingung für einen begleiteten Suizid, dass der Partner oder die Familienmitglieder informiert sind. Die Entscheidung gutheißen oder gar bei der Sterbehilfe selbst dabei sein, müssen sie aber nicht. 

"Ich weiß, was ich meinem Vater gesagt habe: Ich habe ihm gesagt, ich sei nicht einverstanden damit, aber ich könne es respektieren."

Auch Alain Berger* kannte das Sterbedatum seines Vaters bereits sechs Monate im voraus.

"Es ist ganz klar egoistisch, dass ich nicht einverstanden war. Ich wollte nicht, dass er geht."

Der Schweizer kann sich noch gut erinnern an den Moment, als der Vater ihn und seine beiden Brüder über den geplanten Suizid informiert hat.

"Es war in einem Café in Zürich am Berninanplatz, ein Ort, wo ich mit meinem Vater regelmäßig Kaffee getrunken habe und Kuchen gegessen haben. Es war ein spezielles Gespräch, weil es das erste Mal war, dass wir drei gemeinsam da waren. Klammerbemerkung: Vor drei Jahren hat sich einer unserer Brüder das Leben genommen, deswegen waren wir nur noch drei, obwohl wir eigentlich zu viert wären."

Offene Fragen und Schuldgefühle

Diesen Selbstmord seines Bruders hat Alain Berger als Katastrophe erlebt, so beschreibt er es – all die offenen Fragen, mit denen man plötzlich alleine zurückgelassen sei. Und dazu das Schuldgefühl: Hätte man den Tod nicht doch irgendwie verhindern können?

"Dieses Thema ist ja beim Vater auch die Frage: Hätten wir es verhindern können? Also auf die Frage: Wäre es besser gewesen, es erst nachher zu erfahren? Nein, ganz klar nicht."

Schwierig sind für Hinterbliebene offenbar auch die Reaktionen aus dem Umfeld. Anstelle von Beileid schlägt ihnen Betroffenheit und Unverständnis entgegen. Seit dem Tod ihrer Eltern, erzählt Johanna Bleibtreu, sei sie damit beschäftigt, deren Entscheidung zu rechtfertigen – und das, obwohl sie selbst gar nicht dahinter stand.

"Ich weiß nicht, ob es anders wäre, wenn es in Deutschland nicht so selten wäre. Wenn dieses Thema nicht ganz so tabuisiert wäre. Ob dann vielleicht ein anderes Klima möglich wäre, um damit umzugehen. Also wenn es auch mehr Professionelle gäbe, die sich damit auseinandersetzen würden. Das wäre sicher entlastend für uns gewesen als Familie, wenn da nicht was gewesen wäre, was wir nur unter uns im kleinen Kreis hätten aushandeln müssen. Dass man nicht das Gefühl hat, man sitzt da so total alleine und muss jedem erstmal einen Roman erzählen und beim Gegenüber erstmal die Betroffenheit auflösen."

Diese Situation kennt auch Alain Berger. Für die eigene Trauer bleibe da meist gar kein Platz mehr.   

"Wenn ich diese Geschichte erzähle, merke ich, dass die Leute sofort an sich und ihre Eltern denken und versuchen zu übersetzen: Wie würde ich reagieren, wenn mein Vater oder meine Mutter so etwas sagen würde? Und einmal hat mir eine Kollegin gesagt: Ich wäre beleidigt, wenn meine Mutter mir so etwas sagen würde, dass sie in sechs Monaten gehen würde."

*Die Namen wurden auf Wunsch der Protagonisten geändert.

Erstsendedatum: 13. Februar 2017

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