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Fazit | Beitrag vom 19.09.2020

"Hexploitation" im Berliner HAUMaximale Selbstoffenbarung

Von André Mumot

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Szenenfoto von "Hexploitation" des Performance-Kollektivs She She Pop. Drei Performer laufen über die dunkel gehaltene Bühne.  (Dorothea Tuch)
Von Hexenverfolgung bis Menstruation: She She Pop ergründen die Weiblichkeit des alternden Frauenkörpers in einem radikalen Rundumschlag. (Dorothea Tuch)

In ihrer neusten Performance "Hexploitation" im Berliner Hebbel am Ufer thematisiert das Kollektiv She She Pop die Angst vor der alternden Frau. Theaterkritiker André Mumot erlebte einen furiosen Abend über das Leben in den Wechseljahren.

Es scheint nicht anders möglich: Ist die Schauspielerin erst einmal in den Wechseljahren angekommen, bleibt ihr noch der Wahnsinn. Hollywood hat ein eigenes Genre daraus gebaut, das man später, reichlich despektierlich, "Hagsploitation" genannt hat – von "hag", was man wohl mit hässlicher alter Frau oder "alter Vettel" übersetzen muss. "Whatever Happened to Baby Jane?" startete den Trend 1962 mit Bette Davis und Joan Crawford, die abgehalfterte Diven-Schwestern spielten, die sich bis aufs Blut bekämpften.

Ein Rundumschlag, der es in sich hat

Für die Performerinnen von She She Pop ist das das Symptom eines Narrativs von der "pathologisierten menopausalen Frau." Dass die besseren Filme dieser Art die Schauspielerinnen zu sehr viel ambivalenteren Kult- und Identifikationsfiguren (nicht zuletzt für schwule Männer) gemacht haben, weil sie mit ungeahnter Aggressivität, Selbstbestimmtheit, Kraft und Überlegenheit auftraten, spart der Premierenabend im Berliner Theater Hebbel am Ufer erst einmal auf. Tatsächlich hat er anderes im Sinn, einen Rundumschlag nämlich, der es wahrlich in sich hat.

Mieke Matzke, Berit Stumpf, Johanna Freiburg und Sebastian Bark besinnen sich in "Hexploitation" auf den Kern des She-She-Pop-Konzepts, auf maximale Selbstoffenbarung – in diesem Fall ihrer Körper. In einer Art Labor-Bühnensetting samt Schreibtisch, ärztlichem Behandlungsstuhl und kleiner Auftrittsbühnen widmen sie sich dem eigenen Verfallsprozess, ehrlich, selbstironisch und ohne Scham.

Im Vordergrund der Bühne liegt eine nackte Frau mit gespreizten Beinen. Eine Kamera ist auf ihr Geschlecht gerichtet.  (Dorothea Tuch)Ohne Scham: Die Performance von She She Pop gewährt tiefe Einblicke. (Dorothea Tuch)

Nicht nur Falten und Bauchspeck werden gezeigt, auch die weibliche Scham wird in Großaufnahmen an die Bühnenwand projiziert und immer wieder furios verfremdet. Körperteile und Gesichter verbinden sich, während über die Geschichte der Hexenverfolgung gesprochen wird oder die Performerinnen über Menstruation diskutieren, den Frauenkörper im Kapitalismus und körperliche Selbstwahrnehmung. "Sind das die Scheinwerfer oder erlebe ich eine Hitzewallung?", fragt Berit Stumpf einmal.

Der gerade einmal siebzigminütige Abend ist eine postdramatische Tour de Force, freudvoll, witzig und kampfeslustig. Er erinnert dabei auf verblüffende Weise an Florentina Holzingers ebenfalls mit Hexenmotiven gespickten feministischen Selbstermächtigungsabend "Tanz", ist aber, wie immer bei She She Pop, sehr viel diskursiver und lebt im Wesentlichen vom lässigen Hin und Her der Performerinnen und Performer.

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Durch die Menopause zur Hexe gemacht

Sie befragen und filmen einander, fordern sich heraus, mixen künstliches Menstruationsblut für ihr männliches Mitglied und schwingen sich zu immer intensiveren Gesten auf, bis sie zum Schluss in einem geradezu rauschhaften Finale aufräumen mit dem alten Narrativ. Aufgekündigt wird die Loyalität dem männlichen Blick gegenüber, der die Frau, die keine Kinder mehr bekommen kann, nur als Hexe sehen will.

Mit großen Gesten steigen sie auf Leitern und Showtreppen, wie selbstermächtigte Hagsploitation-Heldinnen und stimmen eine Zeile aus Lana del Reys großem Hit "Young and Beautiful" (*) an: "Will you still love me when I’m no longer young and beautiful?" Die Wirkung ist elektrisierend, das Publikum beglückt, gestärkt, verhext.

"Hexploitation" von She She Pop am Hebbel am Ufer in Berlin – weitere Vorstellungen bis 22. September 2020

(*) Wir haben den Songtitel korrigiert.

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